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Jón Gnarr im Interview : Es wäre einfach für mich, Islands Präsident zu werden

Der isländische Komiker Jón Gnarr ist seit 2010 auch Bürgermeister von Reykjavik Bild: Gyarmaty, Jens

Jón Gnarr ist Komiker. Aus Wut bewarb er sich um das Amt des Bürgermeisters von Reykjavík, wurde gewählt und revolutioniert seither die isländische Politik. Jetzt hat er auch noch ein Buch geschrieben.

          Es war vor allem die Wut auf die etablierte Politik, die den populären Komiker Jón Gnarr 2010 ins Amt des Bürgermeisters von Reykjavík trug. Er hatte, mit ein paar Freunden, die „anarchosurrealistische“ Partei „Beste Partei“ gegründet, und dass sie am Ende tatsächlich die Mehrheit der Stimmen erreichen konnte, hatte viel mit dem Überdruss der Menschen an jenen ernsthaften Politikern zu tun, die ihr Land ruiniert hatten. Am Freitag war Gnarr in Berlin, um sein Buch „Hören Sie gut zu und wiederholen Sie“ vorzustellen. Beim Interview trägt er einen hochgekrempelten Wollpulli, auf den beiden Unterarmen sind Tattoos zu sehen: Auf dem rechten das Logo der Punkband Crass, ein widersprüchlicher Mix aus verschiedenen „autoritären“ Symbolen. Auf dem linken das Stadtwappen von Reykjavík.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Als Sie für die Wahl zum Bürgermeister kandidierten, gaben Sie verschiedene Versprechen ab: einen Eisbären für den Zoo, Gratishandtücher in den öffentlichen Schwimmbädern - und das Versprechen, alle Versprechen zu brechen, sobald Sie im Amt sind. Welches davon haben Sie gehalten?

          Gnarr: Wir hatten nie die Absicht, die Versprechen einzuhalten, wir wollten eher die Praxis solcher Wahlkampfversprechen lächerlich machen.

          Ihr größtes Versprechen war womöglich eins, das Sie gar nicht formuliert haben: dass da jemand kommt, der Politik anders versteht, der einen ganz anderen Horizont hat als Berufspolitiker. In Ihrem Buch beschreiben Sie sich als Virus in der Politik. Was war die Reaktion des infizierten Körpers auf dieses Virus?

          Das System, wenn man es so nennen will, hat zwei Seiten. Es gibt die Ebene der Bürokratie und die der Politiker. Die Mehrheit der Beamten hat mich respektiert. Ganz anders war das bei den Politikern: Sie sahen mich als Bedrohung. Sie versuchten, das Virus zu töten - auf alle möglichen Weisen. Sie versuchten, mich zu zermürben, durch Arbeit, durch Druck, durch Gewalt.

          Wie sah das genau aus?

          Der Druck bestand vor allem aus Forderungen. Ständig wird von einem verlangt, Dinge zu erledigen, Antworten zu geben, von den Politikern und von den Medien, die sie dafür benutzen. Sie wollten mich brechen, mich und die Partei, die fünf anderen Abgeordneten, die gewählt worden waren. Uns war das natürlich bewusst. Ich habe versucht, die Nebelwand zu sein, die die Angriffe abfängt, damit die anderen dahinter in Ruhe arbeiten können.

          Island brauche eine neue politische Kultur, findet Jón Gnarr: „Überall wollen wir Mobbing loswerden, aber in der Politik wird so ein Verhalten nicht nur akzeptiert, es wird sogar erwartet.“
          Island brauche eine neue politische Kultur, findet Jón Gnarr: „Überall wollen wir Mobbing loswerden, aber in der Politik wird so ein Verhalten nicht nur akzeptiert, es wird sogar erwartet.“ : Bild: Gyarmaty, Jens

          Waren Sie nie versucht, sich an diesem Spiel zu beteiligen? Sie sind ein bekannter Comedian in Island, Sie hätten sicher auch Medien gefunden, die Sie benutzen können.

          Meine Instrumente waren eher soziale Medien, vor allem Facebook. Ich versuchte, auf einer persönlichen Ebene zu reagieren, meine eigenen Ansichten direkt zu verbreiten. Das war sehr effektiv. Aber manchmal war ich versucht, zurückzuschlagen. Als ich in der Schule war, war ich der einzige Punk und der einzige Atheist, deshalb hasse ich es, das Opfer von Mobbing zu sein. Und diese Angriffe hatten alle Symptome von Mobbing. Es ist absurd: Überall wollen wir Mobbing loswerden, wir dulden es weder in der Schule noch am Arbeitsplatz, aber in der Politik wird so ein Verhalten nicht nur akzeptiert, es wird sogar erwartet. Wenn ein Politiker sagt, dass er sich gemobbt fühlt, heißt es: „Na und? If you can’t stand the heat, get out of the kitchen.“ Indem man diese Kultur akzeptierte, wurde die Politik ein Spielplatz für solche Bullys, wo Bullys andere Bullys treffen und Bully-Partys feiern. Bei sogenannten Berufspolitikern handelt es sich eher um eine Charaktereigenschaft als um einen Beruf. Selbstbewusste, schnell redende, schnell denkende, hochintelligente, gut ausgebildete Alphamänner. Das ist sehr ermüdend. Ich habe eine Tendenz zum Selbstmitleid, aber es geht mir nicht darum, herumzuflennen. Ich will einen Punkt machen: Nur wenn wir das ausschalten, bekommen Menschen Lust, in die Politik zu gehen, und zwar verschiedene Arten von Menschen. Und das brauchen wir dringend für eine gesunde Gesellschaft.

          Die Ehrlichkeit, die Sie in die Politik brachten, bewiesen Sie zum Beispiel dadurch, dass Sie oft eingestanden, keine Ahnung von den Dingen zu haben. Und zu sagen, der einzige Unterschied zwischen Ihnen und anderen Politikern sei, dass Sie es zugeben. Das ist sympathisch, aber gab es Momente, in denen Sie daran zweifelten, ob das auch stimmt? Ob Sie nicht doch zu unerfahren, zu inkompetent sind, um der Verantwortung gerecht zu werden, die der Job mit sich bringt?

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