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John Irving wird 70 Der mit dem Bären ringt

Der Schriftsteller, wie er die Welt sieht und gegen Geschichten Boxkämpfe ausficht: John Irving feiert seinen 70. Geburtstag.

© AFP Vergrößern Einst Ringer, jetzt Freistilerzähler: John Irving

Wenn Hemingway der Boxer der amerikanischen Literatur ist, dann ist John Irving ihr Ringer. Ringen war für den herumgeschubsten, legasthenischen Halbwaisen das erste Überdruckventil seiner Wut. Seine Mutter brachte ihm bei, dass Blumenkohlohren heilbar und Niederlagen keine Schande sind. Von seinem Schultrainer lernte er, wie man Defizite an Talent und Kraft durch Technik, Disziplin und Kondition ausgleicht. Zu einem Titel reichte es nie, aber Irving hatte begriffen: „Man muss auf eine Geschichte zugehen wie auf einen Gegner“, den Leser in den Schwitzkasten nehmen und durch ansatzlose Hebelgriffe emotional umwerfen.

Irving gab den Wettkampfsport auf, als er sich wieder mal einen Finger in der Nase eines Gegners gebrochen hatte und seine Söhne ihren Lehrmeister aufs Kreuz zu legen begannen. Heute geht er nur noch selten in den Kraftraum; selbst sein neuer Sparringspartner, eine Puppe, „ist inzwischen besser als ich, weil sie nie müde wird“.

Sein Werkzeug ist der Füller

Geblieben vom Ringen sind Irving nicht nur seine Vorliebe für gebrochene Biographien und gewaltsam abgetrennte Glieder, sondern auch Disziplin, Technik und das antiintellektuelle Ressentiment des Freistil-Erzählers. Finessen und abstrakte Selbstreflexionen sind etwas für griechisch-römische Kunstringer und Schwächlinge. Irving schreibt mit vollem Körpereinsatz, hart am Mann (und nah an der Frau), robust und sinnlich verschwitzt. Die intime Zwiesprache mit dem Publikum ist sein Kraftraum und sein Doping.

Alles, was sich vermittelnd und erklärend zwischen Autor und Leser drängen will, ist ihm suspekt. Irving schreibt noch mit dem Füller: Nur langsames, geduldiges Umschreiben macht den alten Meister. Biographische Neugier wimmelt er ab: Sein Leben hält er für uninteressant und irrelevant. Was ihn freilich nicht daran hindert, seine traumatischen Urszenen - Irving lernte seinen leiblichen Vater nie kennen und wurde mit elf Jahren von einer älteren Frau sexuell missbraucht - in fast jedem Roman aufs Neue zu sublimieren.

Und was die Kritiker betrifft: „Meine Bücher werden sie nicht nur überdauern, sie werden ihnen aufs Grab pissen.“ Weder auf der Matte noch am Schreibtisch darf man Tempo und Kontrolle aus der Hand geben, und deshalb schreibt er auch die Drehbücher für die Verfilmung seiner Romane gern selber. Den Oscar für „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ schätzt er höher als jeden Nobelpreis.

Mit bemerkenswertem Erfolg

Irving versteht sich nicht als Künstler, sondern als Handwerker und Geschichtenerzähler, und eben dafür wird er geliebt, in Europa fast noch mehr als in den Vereinigten Staaten. In seinen Büchern wird, ähnlich wie bei seinem Freund Günter Grass, viel und derb „gebumst“, sinnlich dampfend gekocht, geliebt und gestorben. Es gibt jede Menge Sex und Gewalt, schreckliche Unfälle und Familienkatastrophen, abgehackte Hände und gefühlsamputierte Schriftsteller. Aber neben Blut und Schweiß gibt es immer auch Tränen der Rührung, erbauliche Predigten und komische Bären. Und einen allwissenden Erzähler, der alles, vom ersten bis zum letzten Satz, wohlgeordnet hat und noch die peinlichste Schulterniederlage in einen Sieg verwandelt.

Der Erfolg gibt ihm Recht. Die Gesamtauflage von Irvings Büchern liegt bei zehn Millionen; fünf seiner zwölf Romane wurden verfilmt. Pünktlich zu seinem siebzigsten Geburtstag am 2. März kommt André Schäfers Dokumentarfilm „John Irving und wie er die Welt sah“ in die Kinos. Im Mai erscheint Irvings neuer Roman „In One Person“, und es ist wieder alles drin: Wien, Ringer und Schriftsteller, schwache Männer und starke Frauen nebst trans-, bi- und metrosexuellen Zwitterstadien.

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Allerdings ist der alte Zauber ein wenig verblasst. „Garp und wie er die Welt sah“, bei Diogenes gerade in einer überarbeiteten Übersetzung erschienen, oder „Hotel New Hampshire“ waren einst erfrischende romantische Komödien, aberwitzig grotesk und surreal verspielt. In „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ und „Owen Meany“ zog der neuenglische Dickens neue Saiten als engagierter und enragierter politischer Autor auf. Zuletzt aber variierte er in barock ausufernden Familienepen wie „Bis ich dich finde“ oder „Letzte Nacht in Twisted River“ oft nur noch seine bekannten Motive. Die alten Reflexe funktionieren noch. Aber die Automatisierung der Griffe durch ständige Wiederholung, die Irving einmal als Geheimnis des erfolgreichen Ringers pries, lässt sich vielleicht doch nicht so einfach auf die Literatur übertragen.

Quelle: F.A.Z.

 
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