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John Cleese zum Siebzigsten Seine Haltung, absolut tadellos!

27.10.2009 ·  In seinen größten Rollen zeigt er aggressives Ressentiment, dessen Überspielen scheitert. John Cleese verkörpert das antiromantische Klein-Engländertum, das sich gegen deutsche Gedanken und französische Passionen absetzt. Heute wird er siebzig Jahre alt.

Von Patrick Bahners
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Eines Sonntags nach dem Kirchgang unterhielten sich Samuel Johnson und James Boswell über den philosophischen Idealismus des irischen Bischofs George Berkeley. Die Welt und alle Dinge in ihr, lehrt Berkeley, haben keine Existenz außerhalb des Bewusstseins desjenigen, der sie betrachtet. Als Boswell bemerkte, die Theorie sei falsch, könne aber nicht widerlegt werden, trat Johnson „mit gewaltiger Kraft“ gegen einen großen Stein und sagte: „Ich widerlege sie so.“ Unvergesslich blieb Boswell „the alacrity“ von Johnsons Antwort, die Begeisterung, mit der er den Beweis führte, die Reaktionsschnelligkeit als Ausdruck elementarer Vitalität. Die Bewegung, die durch den Körper ging, beglaubigte die Pointe: Der Geistesblitz fuhr in die Fußspitze. Johnsons Heiterkeit war ein überlegener Reflex, seine Geistesgegenwart eine Demonstration physischer Robustheit. Der Realitätsbegriff des englischen Empirismus findet seine Evidenz im Schmerz.

Der Hotelier Basil Fawlty, gespielt von John Cleese, macht in einer Folge der Fernsehserie „Fawlty Towers“ nach Johnsons Methode die Probe auf die Realität der Notlage, in die sein Unternehmen geraten ist. Er schlägt seine Stirn dreimal gegen das Reservierungsbuch. „Ist es ein Traum? Es ist kein Traum.“ Und sofort fährt er mit der Abwicklung des Notfallplans fort, den er erst improvisieren muss. Seine Hektik ist die panische Variante von Johnsons „alacrity“. Es ist keine Einbildung, es ist Wirklichkeit, dass der mit den besten Referenzen neu eingestellte Koch sich aus unerwiderter Liebe zum Kellner Manuel ins Delirium getrunken hat und dass keine der auf den Speisekarten des exklusiven „Gourmetabends“ angekündigten Kreationen auf den Tisch kommen wird. Wie Johnson wusste Fawlty vorher, was bei seinem Experiment herauskommen würde; die Vorführung zielte aufs Publikum, den künftigen Biographen bei Johnson, die ewig misstrauische Gattin Sybil bei Basil Fawlty.

Unverkennbar englisch

Der schmerzhafte Nachweis, dass kein übelwollender Gott Fawlty das Fiasko seiner hochkulinarischen Ambitionen bloß vorgaukelt, erfüllt allerdings auch die Funktion einer vorweggenommenen Bestrafung. Die körperliche Züchtigung, die Basil an sich selbst vollzieht, kann Sybil ihm nicht mehr androhen. Schon Johnson nahm für die Lust der Entlarvung Berkeleys in Kauf, dass er seine Aggression auf sich selbst zurücklenkte. Ausdrücklich vermerkt Boswell, dass Johnsons Fuß durch die Wucht des Tritts zurückgeschleudert wurde. John Cleese ist ein genialer Komiker, der nur einen einzigen Menschentypus darstellen kann. Die Unfähigkeit zur Mimikry, zur nachahmenden Anpassung an vorgegebene Wohlverhaltensmuster, ist der Witz seiner Kunstperson.

Die Typveränderung, gar der Typwechsel wird den Männern, die er spielt, vergeblich angesonnen. Cleese verkörpert ein aggressives Ressentiment, dessen Sublimierung scheitern muss. Am glimpflichsten geht die Sache für die Mitwelt ab, wenn die Aggression in Autoaggression umgelenkt wird. Aber bevor Fawlty die eigene Schädeldecke malträtiert, hat er in aller Regel schon Manuel eine Kopfnuss mit einem Löffel verpasst oder einem verzogenen Muttersöhnchen, das Salatsauce aus der Flasche verlangte, einen Überdenkanstoß mit der Speisekarte gegeben. Cleeses Komik ist unverkennbar englisch, und zu ihrer Erklärung genügt ein einziges Wort: Klasse. Die tadellose Haltung des Schnurrbartträgers Fawlty ist das Abzeichen des ausgemusterten Unteroffiziers. Sein Patriotismus versteht sich als Realismus: ein antiromantisches Klein-Engländertum, das Anstoß nimmt und Anstoß gibt, weil die Welt aus Dingen bestehen soll, nicht aus deutschen Gedanken und französischen Passionen.

Hinter der Debattenkunst eine urtümliche Trittkultur

Dabei ist Fawlty in seinem Turm (schon der Name des Hotels widerspricht aufs lächerlichste der Sache) selbst der Gefangene einer fixen Idee: Er will für sein Hotel die besseren Kreise als Publikum gewinnen. Er denkt wie die Bürokraten, die er in unzähligen „Monty Python“-Sketchen gespielt hat, wenn er die Zimmervergabe als Zuteilungsproblem behandelt. Von der Herkunft soll abhängen, wer in „Fawlty Towers“ Gast sein darf, obwohl in gewissem Sinne alle Hotelgäste inkognito reisen, insofern in dieser kleinen Gesellschaft auf Zeit nicht zählt, woher jemand kommt. Auch für Fawlty und seine Gattin, deren vulgäre Umgangsformen ihm Pein bereiten, böte das Hotel die Chance, die Herkunft hinter sich zu lassen. Aber er lässt sich von Wahrnehmungen leiten, die Einbildungen sind. Fawlty ist kein Snob, denn seine Idealisierung gilt einer Welt, der er nicht angehört. Es fehlt ihm am Grundwissen: Von einem Gast, den er anraunzte, weil er nur seinen Vornamen eingetragen hatte, muss er sich darüber belehren lassen, dass ein Lord nur mit dem Nachnamen unterzeichnet. Dieser Lord ist natürlich ein Hochstapler.

Der Vater von John Cleese war Versicherungsvertreter, die Mutter arbeitete im Schaugewerbe. Auf diesen kleinbürgerlichen Hintergrund, der typischer nicht sein könnte für die große Generation der englischen Komiker, deren berühmtester Vertreter er ist, hat Cleese selbst seine Unfrohnatur zurückgeführt. Sein Lebensthema der Befangenheit, das er mit dem satirischen Dramatiker Alan Bennett teilt, hat er auch in Ratgeberbüchern verarbeitet, die er zusammen mit einem Psychologen verfasste. Ein lukrativer Teil seines Filmschaffens sind Lehrfilme für Unternehmen über das richtige Verhalten in Konferenzen. Die Produktionsfirma gründete er gemeinsam mit Antony Jay, einem der Schöpfer der Fernsehserie „Yes Minister“. Wie Bennett seine Bühnenlaufbahn als Student in Oxford begann, hat Cleese seinen Charakter in Cambridge entwickelt. In der Sechsermannschaft von „Monty Python“ gab es eine Oxforder Fraktion und eine aus Cambridge. Die Oxforder schreiben Cambridge die Entwicklung der aggressiven Konfrontation zu, deren meistbewundertes Beispiel der Sketch um den toten Papagei ist.

Hinter der Debattenkunst des virtuosen Schlagabtauschs hat Cleese die Brutalität einer urtümlichen Trittkultur freigelegt. Die Verwechslungsfarce hat er zur Tragödie der Selbstverkennung gesteigert. In einem gehemmten Engländer der unteren Mittelklasse, einem Robinson, den ein groteskes Ich-Ideal auf seiner Insel festgesetzt hat, erkennt sich die ganze Welt. Cleese ist ein Perfektionist, der tatsächlich Perfektes geschaffen hat. Er sah, dass es gut war und sich nicht überbieten ließ. Nur zwölf Folgen von „Fawlty Towers“ hat er geschrieben. Seit vielen Jahren lebt er in Kalifornien. Den Ritualen der Erinnerung an das goldene Zeitalter von „Monty Python“, das vor vierzig Jahren begann, unterzieht er sich, ohne ausfällig zu werden. Am 27. Oktober wird John Cleese siebzig Jahre alt.

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