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Johannes Paul II. Sklave der Bilder

29.03.2005 ·  Der Papst stirbt - und die Sachwalter inszenieren. Das Leiden Karol Wojtylas wird von den Hintermännern offen zur Schau gestellt. Der Diadochenkampf im Vatikan ist entbrannt.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Der Papst stirbt. Das hätte nach den erschütternden Bildern von Johannes Paul II. in seinem Wohnungsfenster bei der vatikanischen Ostermesse die Nachricht der italienischen Medien sein müssen.

Aber Italiener sind viel zu dezent gegenüber dem Leiden alter Menschen, um derart harsch zu reagieren. Zudem bringen sie dem Amt, gegen dessen Waffen sie einst ihren Staat erkämpft haben und gegen dessen rigide Regeln sie täglich fröhlich verstoßen, eine traditionelle Verehrung entgegen, die deutlich genug gegen die Verachtung für die meisten staatlichen Würdenträger absticht.

Der Papst ist da und ist zugleich nicht da

Der Papst, wenn er auch nicht mehr sprechen, kaum sitzen und nur mehr schwer atmen kann, stirbt also nicht, sondern ist - so die linke „Repubblica“ - „krank, müde und leidend“. In anderen Blättern wird gar wacker weiter an der vatikanischen Sprachregelung der Erholung und Rekonvaleszenz festgehalten. So verliefen diese gespenstischen katholischen Osterfeierlichkeiten in der Ruhe vor dem Sturm, wirkten zeitweise wie das gereizte, nicht enden wollende Abwarten vor dem Tod eines siechen Potentaten wie seinerzeit bei Tito, Breschnew, Franco. Denn die Bilder, die genau wie die Bulletins das Gegenteil zu zeigen vorgaben, untermauern nur die Gewißheit, daß dieser Papst nicht mehr die Kirche führt. Wie er in seinem Zustand die denkbar nichtssagende Osterbotschaft verfaßt haben soll, fragt man sich besser nicht. Wer mag auf die makabre Idee verfallen sein, einem Stummen ein Mikrophon unterzuschieben und ihn in seiner Sprachlosigkeit einem Milliardenpublikum zur Schau zu stellen? Deutlich wurde, daß die Regie, die dies alles inszeniert, entweder das Konzept eingebüßt hat oder den Papst planmäßig bloßstellt.

Dabei kommt den Medien, die gerade dieser Pontifex stets virtuos für seine Zwecke eingesetzt hat, die Rolle der Botschaft zu: Der Papst ist da und ist zugleich nicht da. Passend zu diesem baudrillardschen Paradox verunstalten schon seit längerem zahlreiche Riesenbildschirme den Petersplatz, auf denen - etwa zum Anlaß seiner bislang letzten Audienz - in Endlosschleifen nach amerikanischem Muster die Amtshandlungen wiederholt werden. Schon zum Palmsonntag hatte man dann dem Herrn der Bilder, der plötzlich ihr Sklave geworden war, einen Olivenzweig in die zitternden Hände gedrückt, den er kaum schwenken konnte. Später ließ man Johannes Paul II. wie einen dankbaren Gebührenzahler verkünden, er sei froh, „die suggestive Osternacht dank des Fernsehens verfolgen zu können“.

Die Totalabrechnung

Und schon während der Übertragung des Kreuzwegs hatte der hinfällige Mann, wie seinerseits im Fernsehen und im voluminösen Titelfoto des „Osservatore Romano“ gespiegelt wurde, vor dem Bildschirm gesessen - aufgezeichnet aus einer Rückenansicht, die Hitchcock in seinem Meisterwerk „Psycho“ einsetzte, um Spannung und Ungewißheit auf die Spitze zu treiben. Da fehlte dann nur mehr das perfekt mit weißem Vorhang und schwarzem Hintergrund ausgeleuchtete Bild der totalen Einsamkeit des Herrschers, die Apotheose seiner Hilflosigkeit und Unfähigkeit, das Amt zu führen - was der Papst selbst mit resignierten Armbewegungen und einem um Atem ringenden Kopf zu bestätigen schien.

Unübersehbar, daß in dieser längst von einer Handvoll Sachwalter geführten Kirche der Diadochenstreit in vollem Gange ist. An erster Stelle steht da das Bemühen, die Lufthoheit über die Historie dieses in jeder Hinsicht bemerkenswerten Pontifikats zu erringen. Der „Corriere della Sera“, Italiens seriöseste Zeitung mit exzellenten Beziehungen zum Vatikan, veröffentlichte in seiner Osternummer bereits einen vorzeitigen Doppelnachruf auf Wojtyla, dessen ersten Teil der Schweizer Theologe Hans Küng - nach höflichen Genesungswünschen - als wenig überraschende Totalabrechnung ablieferte. Der polnische Papst sei gescheitert, habe mit brutaler innerkirchlicher Härte die katholischen Kardinalprobleme - als da wären: Bevölkerungswachstum, Sexualmoral, Demokratisierung, Frauenunterdrückung, Religionsdialog - nur mehr verschärft.

Eine Verweigerung des Argumentierens

Bezeichnend für die Gereiztheit dieser Tage ist die seitenlange Entgegnung des italienischen Vatikanologen und päpstlichen Vertrauten Vittorio Messori. Ohne auf einen einzigen von Küngs Vorwürfen auch nur einzugehen, verhöhnt er den Theologen als geistig überholten Achtundsechziger. Ideologien wie Feminismus, Sozialismus, Modernismus gehörten auf den Misthaufen der Geschichte. Zudem spreche aus Küng der verbreitete „Rassismus, der sich seit jeher durch die germanische Kultur schlängelt“. Ein altes deutsches Sprichwort halte die Polen für eine andere Rasse als die Menschen, daher könne ein in Tübingen lehrender Theologe einen polnischen Papst niemals als seinen „Herrn und Meister“ akzeptieren.

Einmal in Fahrt, rechnet Messori generell mit den Kirchen Deutschlands und des Nordens ab, der „meist durch die Gewalt der Fürsten“ zu einem Protestantismus übergetreten sei, der heute „im Koma, mit nicht mehr meßbaren Hirnströmen“ liege. Nur mehr der Protestantismus der Myriaden aggressiven „Sekten und Kirchlein“ sei, leider, noch allzu vital. Eine solche Verweigerung des Argumentierens, ein antideutscher und antiprotestantischer Wutausbruch gegen einen Denker, der ja weder Deutscher noch Protestant ist, zeugt nicht nur vom ausgebrochenen Kampf um das geistige Erbe Johannes Pauls II. bereits zu dessen Lebzeiten. Hier klammert sich, stellvertretend für viele, ein maßgeblicher Katholik an einem Fürsten fest, der als politische Wirklichkeit schon nicht mehr existiert.

Quelle: F.A.Z., 29.03.2005, Nr. 72 / Seite 33
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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