27.02.2008 · Das nächste Modell müsste die Hirnforschung basteln: In Schottland haben eine Gerichtsmedizinerin und eine Kunstprofessorin eine Phantombüste Johann Sebastian Bachs hergestellt - aus dem historischen Abguss der Schädelknochen.
Von Eleonore Büning, DundeeSo sieht er also aus. So sah er vielleicht aus. So sehen ihn jedenfalls die auf forensische Gesichtsrekonstruktion spezialisierte Anthropologin Caroline Wilkinson und die Kunstprofessorin Janice Aitken von der Universität in Dundee, Schottland. Diese beiden haben das neue Bach-Bild erschaffen, nach dem Abguss von Bachs „Originalschädel“, der ihnen zur Verfügung gestellt wurde vom Bach-Museum in Eisenach.
Aber hat dieser neue Thomaskantor, wenn man ihm die Perücke abzieht, nicht eine verflixte Ähnlichkeit mit all den anderen Plastikgesichtern, die uns da, blicklos oder haarlos oder schon versehen mit blauen oder grauen Augäpfeln, eingekreist haben in diesem erfrischend spartanisch-schottischen Forschungslabor? Wilkinson hat auch schon das Gesicht des heiligen Nikolaus restauriert und das von Ramses II. Sie ist eine realitätstüchtige Naturwissenschaftlerin mit trockenem Humor. Sie klebt verschiedenfarbige, in steiler Zwergenschrift verfasste „to do“-Listen an ihre Bildschirme und klopft ihren makabren Objekten auch mal gern freundschaftlich auf die Hirnschale, um die „Musikalität“ zu demonstrieren, die sich noch aus dem Bachschen Schädelknochenreplikat herausprozessieren lasse. Knochen erzählen nichts über Hautfarbe, Falten und Tränensäcke, nichts über Genie, Esprit und Temperament. Nicht einmal Bachs verbürgte Krankheiten, die Augenoperationen, der Diabetes, lassen sich feststellen.
Muskelschichten und Fettaufbau wurden addiert
Bis zu siebzig Prozent des wahren Gesichts von Johann Sebastian Bach, meint Wilkinson, haben sich über das von ihr entwickelte Computerverfahren aus dem historischen Abguss der Schädelknochen rekonstruieren lassen: Muskelschichten und Fettaufbau wurden addiert, die relativ große Nase rückerschlossen, der ausgeprägte Unterbiss, die leichte Asymmetrie der Gesichtshälften. Die restlichen dreißig Prozent lieferte anschließend die Zweitmutter Janice Aitken zu, mit der entsprechenden kreativen Phantasie. In allen Zweifelsfällen haben sich beide an dem einzigen zeitgenössischen Porträt orientiert, das für „relativ authentisch“ gehalten wird, weil Bach selbst dafür Modell saß: das Ölgemälde von Gottlob Haussmann, entstanden 1746/48, kurz vor Bachs Tod.
Mit diesem Bild hat es allerdings eine ähnlich ungefähre Bewandtnis. Es konnte zum authentischen Bach-Bild werden nur nach Art einer „self-fulfilling prophecy“. Erstens wurde das Haussmann-Bild wieder und wieder kopiert, so dass es zur Folie für alle folgenden Bach-Bildnisse wurde. Zweitens zeigt das Bild eine verräterische Nähe zu den Porträts anderer Personen, die von Haussmann damals gemalt wurden. Der Musikforscher Günter Wagner kam 1988 sogar zu dem Schluss, dass die Gesichtszüge dieses populären Bach Bildes viel eher etwas über die Darstellungsweise Haussmanns verraten als über Bachs tatsächliches Aussehen.
Ist es wirklich Bachs Schädel?
Ja, nicht einmal der Abguss von Bachs „Originalschädel“ kann die hundertprozentige Sicherheit bieten für die restlichen siebzig Prozent. Als Bach beerdigt wurde am 31. Juli 1750 auf dem Johanniskirchhof außerhalb der Stadt, vor dem Grimmaischen Tor, da gönnte man ihm keinen Grabstein. Man hat sogar vergessen, ihm die Totenmaske abzunehmen. Mit dem Verfall des Friedhofs geriet auch die Grabstätte in Vergessenheit.
Erst hundertvierundvierzig Jahre später fing man an, nach Bachs Grab zu suchen. Als nämlich 1894 die Johanniskirche neu errichtet wurde, pflügte man auch den Friedhof um, und weil eine Steuernotiz besagte, dass Bach in einem Eichensarg „in flacher Grube“ beerdigt worden sei, entschied man sich kurzerhand, einen der Toten aus drei Eichensärgen, die man sechs Schritte vom Südtor entfernt fand, für Bach zu halten. Die beiden anderen waren zu klein, einer davon eine Frau.
Ein „Organisten“-Sporn als Indiz
Der Leipziger Anatom Wilhelm His zog, was sonst, das allseits bekannte Haussmann-Porträt zu Rate. Und im Abschlussbericht der Gutachterkommission vom 8. März 1895, zu der auch bereits der Bildhauer Carl Ludwig Seffner gehörte, heißt es wörtlich, die Zuschreibung des Skeletts zu Bach sei „in hohem Maße wahrscheinlich“, denn man habe „kein Indiz dafür“, dass er es nicht sei. Und weiter: „Für die Echtheit des Schädels spricht der Umstand, dass seine physiognomischen Eigenschaften mit denen der zuverlässigen Bilder Johann Sebastian Bachs übereinstimmen.“ Über dem Abguss dieses Schädels formte Seffner dann eine Büste, die wiederum zur Vorlage wurde für das Seffnersche Bach-Denkmal, das 1908 in Leipzig vor der Thomaskirche errichtet wurde.
Erst 1949, als die vermutlichen Bach-Knochen kriegsbedingt noch einmal umgebettet werden mussten, stellte man besondere Knochenwucherungen fest an Fersenbein und Beckenring, wie sie als „Organisten“-Sporn bekannt sind: ein weiteres Indiz dafür, dass es sich sehr wohl um Bach handeln könnte. Ein letzter Beweis freilich war auch das nicht. Es hat sich, schreibt Reinhard Ludewig in seiner kenntnisreichen Studie „Johann Sebastian Bach im Spiegel der Medizin“, ganz einfach „die Auffassung durchgesetzt, durch Vergleich des Schädels Bachs (vermutet) mit dem bekannten Bild von Haussmann sei es gelungen, eine relativ originalgetreue Bachbüste zu modellieren“. Tatsächlich: Wenn man heute die Seffner-Büste zum Vergleich neben die Wilkinson-Rekonstruktion stellt, dann ist die Ähnlichkeit so frappierend, dass selbst Caroline Wilkinson zugeben muss, der Kollege Wilhelm His habe schon vor hundertzehn Jahren ganz ausgezeichnet gearbeitet.
Das Gemälde und die Rekonstruktion könnten Zwillingsbrüder sein
Sie weist uns aber lieber auf die Unterschiede hin: Seffners Büste wirkt idealisiert, weil die Gesichtszüge symmetrisch geformt sind, ihre Version hingegen ganz lebensecht das schiefe linke Nasenloch beibehält. Auch ist der Nasenrücken bei Seffners Bach leicht begradigt. Aber im Übrigen: die gleichen tiefliegenden Augen, die gleichen wulstigen Brauen, das gleiche starke Kinn, der Unterbiss, die Riesennase.
Diese beiden könnten Zwillingsbrüder sein. Ja, dass der neue, wahre Bach genauso aussieht wie der alte wahre Bach, das ist doch letzten Endes ein beruhigendes Ergebnis. Nur etwas besser gelaunt schaut er drein, vielleicht, weil Janice eine Frohnatur ist, die lieber an das Gute im Menschen glaubt. Bei diesem freundlichen Herrn hätte man gerne mal eine Klavierstunde. Aber auch in Marzipan oder Porzellan modelliert, als Eisenacher Souvenir, käme er gut.
Eleonore Büning Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin
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