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Johann Sebastian Bach rekonstruiert : Die gottgedachte Spur

Dank Caroline Wilkinson und Janice Aitken können wir Bach jetzt auf Augenhöhe gegenübertreten Bild: Artefakt

Das nächste Modell müsste die Hirnforschung basteln: In Schottland haben eine Gerichtsmedizinerin und eine Kunstprofessorin eine Phantombüste Johann Sebastian Bachs hergestellt - aus dem historischen Abguss der Schädelknochen.

          So sieht er also aus. So sah er vielleicht aus. So sehen ihn jedenfalls die auf forensische Gesichtsrekonstruktion spezialisierte Anthropologin Caroline Wilkinson und die Kunstprofessorin Janice Aitken von der Universität in Dundee, Schottland. Diese beiden haben das neue Bach-Bild erschaffen, nach dem Abguss von Bachs „Originalschädel“, der ihnen zur Verfügung gestellt wurde vom Bach-Museum in Eisenach.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Aber hat dieser neue Thomaskantor, wenn man ihm die Perücke abzieht, nicht eine verflixte Ähnlichkeit mit all den anderen Plastikgesichtern, die uns da, blicklos oder haarlos oder schon versehen mit blauen oder grauen Augäpfeln, eingekreist haben in diesem erfrischend spartanisch-schottischen Forschungslabor? Wilkinson hat auch schon das Gesicht des heiligen Nikolaus restauriert und das von Ramses II. Sie ist eine realitätstüchtige Naturwissenschaftlerin mit trockenem Humor. Sie klebt verschiedenfarbige, in steiler Zwergenschrift verfasste „to do“-Listen an ihre Bildschirme und klopft ihren makabren Objekten auch mal gern freundschaftlich auf die Hirnschale, um die „Musikalität“ zu demonstrieren, die sich noch aus dem Bachschen Schädelknochenreplikat herausprozessieren lasse. Knochen erzählen nichts über Hautfarbe, Falten und Tränensäcke, nichts über Genie, Esprit und Temperament. Nicht einmal Bachs verbürgte Krankheiten, die Augenoperationen, der Diabetes, lassen sich feststellen.

          Muskelschichten und Fettaufbau wurden addiert

          Bis zu siebzig Prozent des wahren Gesichts von Johann Sebastian Bach, meint Wilkinson, haben sich über das von ihr entwickelte Computerverfahren aus dem historischen Abguss der Schädelknochen rekonstruieren lassen: Muskelschichten und Fettaufbau wurden addiert, die relativ große Nase rückerschlossen, der ausgeprägte Unterbiss, die leichte Asymmetrie der Gesichtshälften. Die restlichen dreißig Prozent lieferte anschließend die Zweitmutter Janice Aitken zu, mit der entsprechenden kreativen Phantasie. In allen Zweifelsfällen haben sich beide an dem einzigen zeitgenössischen Porträt orientiert, das für „relativ authentisch“ gehalten wird, weil Bach selbst dafür Modell saß: das Ölgemälde von Gottlob Haussmann, entstanden 1746/48, kurz vor Bachs Tod.

          Grundlage der Rekonstruktion ist ein historischer Abguss der Schädelknochen

          Mit diesem Bild hat es allerdings eine ähnlich ungefähre Bewandtnis. Es konnte zum authentischen Bach-Bild werden nur nach Art einer „self-fulfilling prophecy“. Erstens wurde das Haussmann-Bild wieder und wieder kopiert, so dass es zur Folie für alle folgenden Bach-Bildnisse wurde. Zweitens zeigt das Bild eine verräterische Nähe zu den Porträts anderer Personen, die von Haussmann damals gemalt wurden. Der Musikforscher Günter Wagner kam 1988 sogar zu dem Schluss, dass die Gesichtszüge dieses populären Bach Bildes viel eher etwas über die Darstellungsweise Haussmanns verraten als über Bachs tatsächliches Aussehen.

          Ist es wirklich Bachs Schädel?

          Ja, nicht einmal der Abguss von Bachs „Originalschädel“ kann die hundertprozentige Sicherheit bieten für die restlichen siebzig Prozent. Als Bach beerdigt wurde am 31. Juli 1750 auf dem Johanniskirchhof außerhalb der Stadt, vor dem Grimmaischen Tor, da gönnte man ihm keinen Grabstein. Man hat sogar vergessen, ihm die Totenmaske abzunehmen. Mit dem Verfall des Friedhofs geriet auch die Grabstätte in Vergessenheit.

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