http://www.faz.net/-gqz-7rkc9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 14.07.2014, 23:32 Uhr

Joanne K. Rowlings „The Silkworm“ Krimi kann sie besser

Das Opfer hat seinen Tod vorausgesehen und aufgeschrieben: In ihrem neuen Buch „The Silkworm“ präsentiert sich Joanne K. Rowling in Hochform - auch für alle Harry-Potter-Fans.

von
© Pilar, Daniel Die publikumsscheue J.K. Rowling kennt sich besser mit den Geheimnissen Londons aus als viele Reiseführer: Szene am Oxford Circus

Ich vermisse Harry Potter!“ Die Sechzehnjährige, der dieser Stoßseufzer entfuhr, meinte damit weniger den Zauberschüler selbst als vielmehr das ganze Drumherum der Buchserie, vom gespannten Warten auf die nächste Lieferung über die Spekulationen, wie es wohl weitergehen würde mit den Figuren bis hin zur seligen Versenkung in eine andere Welt für die Dauer von einigen hundert Seiten, die möglichst langsam ausgekostet und zugleich rauschhaft verschlungen werden wollten. So wie ihr geht es vielen „Harry Potter“-Lesern. Und offenbar auch Joanne K. Rowling selbst, die sich mit spürbarer Begeisterung in ihre nächste Serie gestürzt hat.

Soeben ist in Großbritannien ihr zweiter Kriminalroman um den Privatdetektiv Cormoran Strike erschienen: „The Silkworm“ (Der Seidenspinner). Zwar prangt auf dem Cover mit Robert Galbraith ihr Pseudonym, doch das Geheimnis der Autorschaft, das den Vorgänger „Der Ruf des Kuckucks“ im vergangenen Sommer doppelt interessant machte, ist ein für alle Mal gelüftet.

Ähnlichkeiten mit Harry Potter

Rowling ist als Robert Galbraith offenkundig in ihrem Element, denn hier kommen ihre erzählerischen Stärken voll zur Geltung, ohne dass sie am eigenen Anspruch scheitert. Nicht nur weil sie eine ausgebuffte Plotterin ist, die zwischen handlungs- und charaktergetriebener Spannung geschickt zu variieren weiß, lag ihr Schritt zum Krimi näher als der zum großen Gesellschaftsroman, an dem sie mit „Ein plötzlicher Todesfall“ (2012) scheiterte.

„The Silkworm“ wird getragen von Rowlings genauem Auge und sensiblem Ohr für ganz unterschiedliche Milieus, deren Ausdrucks- und Denkweisen. Die zahlreichen Leser, die rund um fiktive Mordfälle gern konkrete Urlaubsstätten wie Venedig, die Bretagne oder das Périgord auskundschaften, können hier London atmosphärisch besser kennenlernen als in jedem Stadtführer; man fragt sich, wie und wann die publikumsscheue Edinburgherin Rowling sich jene Vertrautheit mit der Metropole erworben hat, die ihre Schilderungen nahelegen.

Doch vor allem hat sie mit ihrem Ermittler Cormoran Strike, dessen komplexe persönliche Geschichte sie konsequent weiterentwickelt, einen Protagonisten geschaffen, der imstande ist, die Buchreihe jenseits von Verbrechen und Auflösung zusammenzuhalten. So haben der Privatdetektiv und Harry Potter einiges gemeinsam: Beide müssen als Kind mit elterlicher Abwesenheit klarkommen - Strike als unehelicher und ungeliebter Sohn der an Mick Jagger erinnernden Rocklegende Jonny Rockeby, Harry als Voldemortscher Vollwaise.

Ermittlungen im Literaturbetrieb

Aufgrund ihrer ambivalenten Erfahrung mit der Boulevardpresse sind beide extrem wachsam im Umgang mit der Öffentlichkeit. Beide halten wenig von den Methoden der Verbrechensbekämpfung offizieller Stellen und ermitteln lieber auf eigene Faust. Beide sind eigensinnig, und beide leiden an den Folgen einer schlimmen Verletzung: Cormoran Strike hat während seiner Militärzeit in Afghanistan bei einer Bombenexplosion einen Fuß verloren, Harry trägt die gezackte Narbe auf der Stirn.

Dankenswerterweise ist Strike kein Junge mehr, auch wenn er seit Studententagen nicht von einer äußerst volatilen Schönheit loskommt, sondern ein Hüne mit eiserner Selbstdisziplin und phänomenalem Gedächtnis. Er verströmt einen rauhbeinigen Charme, dem sich manche seiner blonden und demnächst mit seiner Hilfe reich geschiedenen Auftraggeberinnen so wenig entziehen können wie wichtige Zeuginnen oder seine Assistentin Robin, die eigentlich einem anderen, deutlich langweiligeren Kerl versprochen ist, aber zunehmend in den Bann ihres Bosses gerät.

30202131 © AFP Vergrößern „The Silkworm“ erscheint unter dem Pseudonym Robert Galbraith

Wenngleich Strike das eigentliche Zentrum ist, hat es auch die Story durchaus in sich. Denn dieses Mal tummelt sich Rowlings Ermittler in einer Szene, die sie bestens kennt und der sie als einstige Außenseiterin und heutige Über-Autorin trotzdem nicht recht angehört: im Literaturbetrieb. Ein nicht ganz unbekannter Schriftsteller namens Owen Quine ist verschwunden, und seine hilflose Frau wendet sich an Cormoran Strike, damit er ihn aufstöbert und zurückschickt zu ihr und der zurückgebliebenen Tochter.

Jeder ist verdächtig

Wie sich herausstellt, hat Quine vor seinem rätselhaften Verschwinden einen Schlüsselroman beendet, dessen rufschädigende Passagen bereits wutentbrannte Verleger und deren Anwaltskohorten auf den Plan gerufen haben. Das Werk trägt den Titel „Bombyx mori“, die lateinische Bezeichnung für den Schmetterling, dessen Raupen Seide produzieren, und liest sich als wüst-barocke Beschimpfung von so ziemlich jedem, mit dem Owen Quine im Laufe seines langen und immer erfolgloseren Schriftstellerlebens zu tun hatte.

Von seiner Agentin über seinen Lektor über berühmte Autorenkollegen und Verleger bis hin zu Ehefrau und Geliebter werden alle auf die eine oder andere Weise bloßgestellt. Damit stellt sich, ähnlich wie in Agatha Christies Allzeithit „Und dann gab’s keines mehr“, nicht die Frage, wer einen Grund hätte, Quine nach dem Leben zu trachten, sondern eher, wer in seiner Umgebung keinen Groll gegen ihn hegte.

Strike findet schließlich Quines Leichnam, ausgeweidet, mit Säure verätzt und grausig drapiert, in einem verlassenen Haus, das ihm und dem Bestsellerautor Michael Fancourt einst von einem gemeinsamen Freund als Schreibort vermacht wurde. Aber Quine und Fancourt sind einander längst in Feindschaft verfallen.

Wieder sieben Bände

Auf der Suche nach dem Mörder muss Strike erst einmal zum Leser werden, denn Quine hat seinen eigenen Tod im Manuskript detailliert vorweggenommen, und es scheint nur logisch, dass es dort auch Hinweise auf die Identität des Mörders gibt. Mehrere Auszüge aus „Bombyx mori“ zeichnen ein blutiges und von Symbolismus überladenes Werk voller grotesker Sexszenen. Hier zollt Rowling dem englischen Drama des siebzehnten Jahrhunderts Tribut; jedem Kapitel sind Zitate aus berühmten Stücken der Epoche vorangestellt.

Mehr zum Thema

Überhaupt liegt im Aufeinanderprallen scheinbar konträrer Welten ein großer Reiz von Rowlings mittlerweile zehntem Roman. Welche Bühne eignete sich dazu besser als die Buchbranche, mit ihren Premieren, Verlagscocktails, den steilen Karrieren und gnadenlosen Popularitätsabstürzen von Autoren? Zahlreiche Archetypen haben ihren Auftritt: der egozentrische Verleger, die verbitterte Agentin, der frustrierte und daueralkoholisierte Lektor, der pompöse Bestsellerautor und die trotzig-esoterische Selbstverlegerin. Rowlings Figurenzeichnung ist plakativ, ihr grimmiges Porträt der Branche alles andere als ein Ruhmesblatt für den englischen Literaturbetrieb.

Trotzdem liest sich „The Silkworm“ nicht als Abrechnung - weil Rowling die Menschen stets wichtiger sind als die Kulisse, in der sie agieren. Fest steht, dass sie mit Cormoran Strike und seiner Schülerin Robin mehr vorhat, als das Gespann einen intrikaten Mord nach dem anderen lösen zu lassen: Nicht zufällig ist auch diese Serie wieder auf sieben Bände angelegt. In deutscher Übersetzung erscheint „Der Seidenspinner“ Ende November.

Glosse

Wer ist der Onkel?

Von Jan Wiele

Dylan oder nicht Dylan, das ist hier die Frage: Der amerikanische Sänger gibt in der Frankfurter Festhalle ein Oldschool-Konzert mit bestens eingestelltem Sound und hohem Ironiefaktor. Mehr 5

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“

Zur Homepage