http://www.faz.net/-gqz-6xxtk

Joan Didion im Gespräch : Ist der Tod Ihre einzige Realität, Mrs Didion?

  • -Aktualisiert am

„Ich habe den Gedanken an den Tod eigentlich immer vermieden“ Bild: Burkhard Neie

Joan Didion hat auch mit achtundsiebzig Jahren keine Zeit für sentimentales Gewäsch. Wer die legendäre Autorin besucht, begegnet einer kleinen Frau mit einem Schweigen hart wie Stein.

           Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben.“ Welche Bedeutung hat dieser Anfangssatz Ihres berühmten, Ende der siebziger Jahre fertiggestellten Essays „Das weiße Album“, wenn es sich bei den „Geschichten“ um den Tod des Ehemannes und der einzigen Tochter handelt? 

          In gewisser Weise musste ich die Geschichten meiner beiden jüngsten Bücher, „Das Jahr magischen Denkens“ und „Blaue Stunden“, schon allein deshalb erzählen, weil sie sich direkt vor meiner Nase ereigneten. Es waren die echten Geschichten, die ich erzählen musste, „um zu leben“. „Blaue Stunden“ war dabei in keiner Weise so leicht zu schreiben wie „Das Jahr magischen Denkens“. Das war ganz leicht zu schreiben - die Story über den plötzlichen Tod meines Mannes und meine Notwendigkeit, damit klarzukommen, war so stark, dass sie sich fast von selbst schrieb.

           Welche Eigenschaften muss eine Geschichte haben, damit sie uns zu leben hilft? 

          Ich bin mir nicht sicher.

            Muss sie wahrscheinlich sein? 

          Nein, das nicht. Sie muss lediglich etwas widerspiegeln, das den Schriftsteller beschäftigt. Etwas, das er sich selbst erklären kann, indem er darüber schreibt. Dabei ist es egal, ob es sich um eine erfundene oder um eine wahre Geschichte handelt. Auch die Geschichten, die wir in Romanen erzählen, brauchen wir, um zu leben. In „Blaue Stunden“, dem Buch über die Krankheit und den Tod meiner Tochter, musste ich mich Dingen stellen, denen ich zuvor immer ausgewichen war.

          Sie haben sich einmal als von so kleiner und unaufdringlicher Gestalt beschrieben, als in derart „neurotischer Weise um Worte verlegen“, dass die Menschen, die Sie für Ihre Reportagen trafen, „eher vergessen, wie sehr meine Gegenwart ihren persönlichen Interessen zuwiderläuft. Denn eines muss man sich merken: Autoren verkaufen einen immer.“ Wie rücksichtslos gegen sich selbst mussten Sie beim Schreiben von „Blaue Stunden“ sein?

          Der einzige Weg für einen Schriftsteller ist es, vollkommen rücksichtslos gegen sich selbst zu sein und sich der Geschichte, die er erzählen will, auszusetzen. Wenn ich das nicht täte, wäre ich als Schriftstellerin nicht glücklich. Instinktiv habe ich das seit meiner Kindheit getan - seit ich zu schreiben begann. Mit der Zeit geht man dann immer noch einen Schritt weiter. Ich habe einmal ein Buch über Kalifornien geschrieben, wo ich aufwuchs und später längere Zeit lebte, „Where I Was From“. Irgendwann beim Schreiben begriff ich, dass das Buch jedoch gar nicht von Kalifornien handelte, sondern von den Lügen, die ich über Kalifornien erzählt hatte. Davon, weshalb ich das getan hatte und wie ich es getan hatte. „Where I Was From“ war ein sehr nützliches Buch, weil es mich für „Das Jahr magischen Denkens“ und „Blaue Stunden“ frei machte, in denen ich absolut ehrlich mit mir selbst sein musste.

          „Wenn man sich ans Schreiben macht, geht man ein Wagnis ein“
          „Wenn man sich ans Schreiben macht, geht man ein Wagnis ein“ : Bild: AP

          „Where I Was From“ erschien kurz vor dem tödlichen Herzinfarkt, den Ihr Mann Ende Dezember 2003 hier im Wohnzimmer Ihrer New Yorker Wohnung erlitt, und endet mit der Beschreibung des Todes Ihrer Mutter. Ist der Tod seither die einzige Realität Ihres Lebens?

          Der Tod ist für uns alle ziemlich alltäglich.

          „Alles zerfällt; die Mitte hält nicht mehr; / Die bloße Anarchie ist losgelassen auf die Welt“: Diese Zeilen aus W. B. Yeats’ Gedicht „The Second Coming“, das Sie in „Stunde der Bestie“ zitieren, deutet darauf hin, dass Sie bereits in den sechziger Jahren ein sehr ausgeprägtes Bewusstsein für die Zerrüttung und Auflösung der Zustände hatten.

          Beim Schreiben von „Das Jahr magischen Denkens“ und „Blaue Stunden“ war mir dieser Bezug nicht bewusst. Rückblickend kann ich ihn erkennen. Nur weiß ich nicht viel über meine Art zu schreiben.

          Topmeldungen

          Freiwillige vor : Die Gräben bei Siemens werden immer tiefer

          Wenn sich genug Freiwillige melden, braucht’s bei Siemens keine betriebsbedingten Kündigungen. Mit diesem Argument will Personalvorstand Kugel die Arbeitnehmer besänftigen. Die wollen sich aber nicht so leicht zufrieden geben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.