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Joan Didion im Gespräch : Ist der Tod Ihre einzige Realität, Mrs Didion?

  • -Aktualisiert am

Legt der Tod „verdrängtes Material“ frei?

Eine wunderbare Formulierung.

Sie entstammt Don DeLillos Roman „Weißes Rauschen“. Welches verdrängte Material wurde durch den Tod Ihres Mannes und den Tod Ihrer 2005 im Alter von 39 Jahren verstorbenen Tochter Quintana freigelegt?

Ich habe den Gedanken an den Tod eigentlich immer vermieden. Aber tun das nicht die meisten von uns? Niemand möchte sterben. Wir wollen leben. Das Leben ist die interessantere Perspektive, wenn man nicht glaubt, dass es ein Leben nach dem Tode gibt. Wenn man nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt, denkt man, dass man einfach immer weiterleben wird. Aber natürlich wird man das nicht. Das ist das schreckliche Geheimnis.

Bedauern Sie den Verlust des Glaubens?

Ich denke, das tun wir alle. Ich bin mir jedoch nicht sicher, dass das, was wir verloren haben, der Glaube an einen Gott ist, sondern der Glaube an ein Leben nach dem Tod. Das hat mit Gott nicht unbedingt etwas zu tun.

Haben Sie je erwogen, über den Tod Ihres Mannes und Ihrer Tochter in Romanform zu schreiben?

Niemals. Das hätte ich nicht gekonnt. Das Wagnis bestand darin, die Ereignisse so zu beschreiben, wie sie sich zugetragen haben.

Was meinen Sie mit „Wagnis“?

Wenn man sich ans Schreiben macht, geht man ein Wagnis ein, aber es ist kein solches Wagnis, die Wahrheit in Form eines Romans zu erzählen. Weil ein Roman ja nie ganz die Wahrheit ist - sondern eine Fiktion.

Sowohl in „Das Jahr magischen Denkens“ als auch in „Blaue Stunden“ nehmen Sie häufig ein Foto oder ein anderes Andenken als Ausgangspunkt des Nachdenkens über die zurückliegenden Ereignisse, was beiden Büchern etwas Kontemplatives verleiht. Weshalb haben Sie diese Form des Erzählens gewählt?

„Das Jahr magischen Denkens“ habe ich geschrieben, weil ich unmittelbar nach dem Tod meines Mannes keine Zeit gehabt hatte, mich wirklich damit auseinanderzusetzen. Die ersten sechs Monate nach Johns Tod hatte ich ausschließlich mit der Krankheit meiner Tochter zu tun. Quintana lag mit einer Gehirnblutung in einem Krankenhaus in Los Angeles, so dass ich viel Zeit in Los Angeles verbrachte. Nachdem sie hierher nach New York verlegt worden war, waren die Dinge für mich etwas einfacher. Irgendwann war ich dann in der Lage, „Das Jahr magischen Denkens“ zu schreiben - um den Tod meines Mannes zu begreifen und aus meinem Kopf zu kriegen. Als ich „Blaue Stunden“ zu schreiben anfing, dachte ich, es würde ein Buch über Kinder. Darüber, was es bedeutet, Kinder zu haben. Erst als ich das Buch bereits zur Hälfte fertig hatte, verstand ich, dass es vom Tod handelte. Keine Ahnung, weshalb ich anfangs so begriffsstutzig war. Wahrscheinlich, weil ich mich dem Tod nicht stellen wollte. Nicht einmal, indem ich über ihn schrieb.

In der Theorie dienten Andenken dazu, „den Augenblick zurückzurufen“, heißt es in „Blaue Stunden“ beim Öffnen von Kartons mit Fotografien: „Tatsächlich dienen sie nur dazu, mir zu verdeutlichen, wie wenig ich den Augenblick genoss, als er da war.“ Lässt sich der Moment durchs Schreiben rückblickend festhalten?

Es ist der einzige Weg, den ich kenne. Wir alle glauben, es sei leicht, die Gegenwart des Augenblicks zu erleben, aber sobald wir uns in dem Gefühl, ihn zu fassen bekommen zu haben, umdrehen, ist er wieder verloren.

„Where I Was From“, Ihr bereits erwähntes Buch über Kalifornien, handelt von Heimat. Können Sie den „Traum von Amerika“ beschreiben, mit dem Sie aufgewachsen sind?

Zum Teil hatte dieser Traum mit dem alten amerikanischen Mythos von der Ausdehnung nach Westen zu tun, mit der romantischen Vorstellung der Sonne, die im Westen untergeht. Im Zauber dieses Bildes habe ich mein Leben gelebt, aber das Bild hatte nicht die Bedeutung, die ich in ihm zu sehen meinte.

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