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Joan Didion: Blue Nights : Sich erinnern heißt leiden

Joan Didion, die Beobachterin der Politik, wird in ihren neuen Büchern persönlich und introspektiv Bild: Seth Wenig

Keine Anleitung zum stilvollen Trauern und behaglichen Altwerden: Joan Didions Buch „Blue Nights“ ist eine unerbittliche Abrechnung mit dem Leben und dem Tod.

          Jetzt hilft auch nicht mehr das magische Denken. Jetzt sind nur noch die Zweifel geblieben an allem, worauf sie sich einst verlassen konnte. Jetzt ist sie allein mit ihrer Ratlosigkeit, ihrer Gebrechlichkeit, ihrer Angst. Die „Blue Nights“ neigen sich ihrem Ende zu, die letzten Minuten der „blauen Stunde“ sind angebrochen, und Joan Didion weiß sich keinen anderen Rat, als zu schreiben. Über den Tod ihrer Tochter Quintana. Über den Schmerz des Erinnerns. Übers Altwerden. Über ihre Einsamkeit im gesellschaftlichen Trubel. Über ihr Versagen, ihrem Leben eine Richtung, geschweige denn einen Sinn zu geben. Sie schreibt, ja sie schreibt so wunderbar präzis und poetisch und musikalisch wie immer, aber selbst darin vermag sie keinen Halt und keinen Trost zu finden.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Nichts ist erbaulich in „Blue Nights“. Dennoch sagt der Schriftsteller John Banville dem Buch in der „New York Times“ voraus, es werde für Didion wieder ein Riesenerfolg. Michiko Kakutani, die Literaturkritikerin des Blattes, hat es soeben in ihre Jahresbestenliste als „melancholische Meditation über die Moral und die Zeit“ aufgenommen, und in der „New York Review of Books“ nennt Cathleen Schine es ehrfürchtig „einen Abstieg in die Unvermeidlichkeit einer Welt ohne Hoffnung“. Als Protagonistin des New Journalism gibt es für Didion keine strikte Trennung zwischen Privatem und Öffentlichem, zwischen Politik und persönlichem Alltag. Im „White Album“, ihrer 1978 erschienenen Essaysammlung, manövriert sie über die Klippen der Zeit am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Wenn auch die Schicksalsschläge der vergangenen Jahre ihren Blick immer mehr nach innen gelenkt haben, hat sie doch die politische Bühne nicht ganz aus dem Auge verloren und sich auch vor der Wahl Obamas und danach etwa in der „New York Review of Books“ zu Wort gemeldet.

          Die Arbeit am Bühnenstück als Therapie

          Es läge nahe, „Blue Nights“ als Fortsetzung von „The Year of Magical Thinking“ zu lesen. Es führte auch in die Irre. „The Year of Magical Thinking“, auf Deutsch 2006 als „Das Jahr magischen Denkens“ erschienen, ist Joan Didions Versuch, mit dem plötzlichen Herztods ihres Mannes, des Schriftstellers John Gregory Dunne, zurechtzukommen (F.A.Z. vom 18.November 2005). Sie findet sich wieder in einer Phantasiewelt, in der ein magisches Denken es ihr erlaubt, Gewesenes und Geschehenes zu verändern oder auch ungewesen und ungeschehen zu machen. Die Wirklichkeit aber pocht unbarmherzig auf ihr Vorrecht. Didion muss sich damit abfinden, dass noch im nachlassenden Schmerz neue Schmerzen auftauchen. Ist nicht jeder aufkeimende Trost ein Betrug an ihrem verstorbenen Mann? Sie, die selbstsichere Lebensplanerin, die gefeierte Essayistin, Drehbuch- und Romanautorin, verliert die Kontrolle über ihre lang und gewissenhaft gehegten Vorstellungen von Tod und Leben und allem, was sich dazwischendrängt.

          Joan Didion: „Blue Nights“
          Joan Didion: „Blue Nights“ : Bild: Verlag

          Als ihr Mann stirbt, ist die einzige Tochter lebensbedrohlich krank. Von ihrem Tod wird der Leser noch nichts erfahren. In der Bühnenversion von „The Year of Magical Thinking“ muss Vanessa Redgrave, Joan Didions Doppelgängerin am Broadway, anderthalb Jahre später aber vom Tod beider erzählen (F.A.Z. vom 2.April 2007). Didion schildert nun in „Blue Nights“, wie sie sich die Arbeit am Bühnenstück als Therapie verschreibt. „Maintaining momentum“, in Schwung bleiben, heißt ihr neues Motto, ihre Überlebenstechnik. Bis der Körper nicht mehr mitspielt. Oder sind es Körper und Geist, die gemeinsam ihre Zuversicht verlieren? Übersät ist ihr Rückblick mit Fragen, auf die sie keine Antwort findet.

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