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Jim Knopf wird 50 Lang lebe der König von Jimballa

 ·  Heute feiert Jim Knopf seinen fünfzigsten Geburtstag: In einem bislang unbekannten Brief an eine Schülerin hat sein Schöpfer Michael Ende seine Poetologie beschrieben. Woher nahm er den Grundriss für seine Traumarchitekturen?

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Von Michael Ende ist ein bisher unbekannter Brief aufgetaucht. Er ist die Antwort auf eine Anfrage, die ihm die siebzehnjährige Schülerin Anja eines Wiesbadener Gymnasiums 1982 geschickt hatte. Und er ist gleichzeitig die Antwort auf eine offene Frage, die am heutigen Tag, an dem Endes Kinderkönig Jim Knopf seinen fünfzigsten Geburtstag feiert, im Raum steht. Als nämlich in dieser Zeitung den Spuren gefolgt wurde, die aus dem 1960 erschienenen Kinderbuch in die Zeit des Nationalsozialismus und zu Darwins Evolutionstheorie führen, wollte der Strom der Zuschriften und Nachfragen an uns nicht abreißen.

Je mehr Leser sich an dem historischen Puzzlespiel beteiligten, dessen Stücke von Ende zu einem der erfolgreichsten Kinderromane der Nachkriegszeit zusammengefügt worden waren, desto größer wurde das Erstaunen darüber, dass sich Michael Ende nie dazu geäußert hatte. Warum schwieg er zu den Hintergründen von Jim Knopf? Bis nach Rom war er vor den Vorwürfen deutscher Kritiker geflüchtet, ein eskapistischer Schreiberling für Kinder zu sein („Genzano de Roma“ lesen wir im Briefkopf der Antwort an Anja). Hätte er nicht sagen können: Lest mich gründlich, denn meine Romane haben mehr mit der Wirklichkeit zu tun, als jedes Jugendbuch über Scheidung, Armut oder Einwanderer? Und nun gibt der Brief die Antwort.

Von der Forschung übersehen

„Nach meiner Ansicht“, schrieb Ende an die Schülerin, „sollte sich ein Schriftsteller in jedem Fall davor hüten, seine eigenen Arbeiten zu kommentieren.“ Die Schülerin wollte von ihm wissen, woher er seine Geschichten nehme, was seine Vorbilder seien. Ende arbeitete aber als Schriftsteller wie ein Traumarchitekt, der den Grundriss seines Labyrinths nicht preisgibt. „Schreiben Sie doch darüber, was Ihnen beim Lesen des Buches widerfahren ist.“ Was aber die Leseerfahrungen anbetrifft, wird noch immer ein Unterschied zwischen Kinderbüchern und Literatur für Erwachsene gemacht, eine Differenz, die dazu führte, dass Michael Ende unterschätzt wurde. Denn während wir die Schöpfer von Werken der Erwachsenenliteratur ganz selbstverständlich als Intellektuelle und kritische Beobachter ihrer Zeit wahrnehmen, gelten Kinderbuchautoren noch immer als schlichte Freunde der Phantasie, aus denen die Geschichten wie aus einem Orakel heraussprudeln.

Literaturhistoriker haben den Panther aufgespürt, den Rainer Maria Rilke im Jardin des Plantes sah, oder die Liebhaber entdeckt, die Marcel Proust in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Frauen verkleidete. Staunend stehen wir hier vor der Kraft des literarischen Erzählens, die Dinge zu verwandeln, sie aus der Vereinzelung in der Wirklichkeit herauszuheben, und sie in den Köpfen von Millionen Lesern weiterleben zu lassen.

Es ist zwar richtig, dass wir als Kinder anders lesen als Erwachsene. Wir trafen Jim Knopf zum ersten Mal, als uns die Existenz von Drachen noch so wahrscheinlich schien wie die von Dinosauriern; Könige waren uns damals näher als Bundeskanzler. Die Geschichte ging ungefiltert in uns hinein und sie blieb bei uns wie ein Hintergrundgeräusch. Aber es ist eben diese untergründige Qualität von Kinderbüchern, die bewirkt, dass wir sie für ort- und zeitlos halten. Wir vergessen, dass sie einen Autor haben. „Um Sie aber nicht ganz ohne Anregung und Leitfaden zu lassen“, schrieb Ende, „schicke ich Ihnen eine kleine Broschüre mit, in der Sie einen kurzen Lebenslauf von mir und einige Aufsätze und Bücher finden können.“ Dafür aber, als Schriftsteller wirklich ernst genommen zu werden, warb Ende in Deutschland vergebens. Kein Literaturwissenschaftler hat bisher seine Biographie geschrieben; eine editierte Ausgabe seiner gesammelten Schriften gibt es ebenso wenig. Jim Knopf aber zählt zu den größten literarischen Gestalten des zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist dem König von Jimballa und seinen Gefährten zu wünschen, dass sie eines Tages ebenso ernst genommen werden wie Rilkes Panther oder Prousts Marcel.

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