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Neuer Volker-Kutscher-Roman : Jetzt mit Gleitsichtbrille

Wenn es Nacht wird in Berlin– ein Blick auf Görings Reichsluftfahrtministerium an der Berliner Wilhelmstraße Bild: Ullstein

Es gibt ein Leben nach „Babylon Berlin“: Volker Kutscher lässt Gereon Rath in „Marlow“, dem siebten Teil seiner Roman-Reihe, unbeirrt seinen Weg weitergehen. Am Schluss steht ein grandioser Plot-Twist.

          Das Timing könnte kaum besser sein. Während in der ARD die zweite Staffel von „Babylon Berlin“ zu Ende geht, erscheint der neue Roman von Volker Kutscher, ohne dessen Bücher es diese Serie nie gegeben hätte. „Marlow“ heißt der Roman, der siebte in der Gereon-Rath-Reihe und der erste, der im Piper Verlag erscheint. Der Titel ist zugleich ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Welt der Serie und die der Romane dann doch zwei verschiedene Universen sind, mögen sie auch voneinander wechselseitig profitieren bei Lesern und Zuschauern.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Zu Marlow, auch Dr. M genannt, dem Herrscher der Berliner Unterwelt, der seit dem ersten Band, dem „Nassen Fisch“, etwas gegen Rath in der Hand hat, gibt es in „Babylon Berlin“ nicht mal ein Pendant. Der große Antagonist, dessen langer Schatten sich immer wieder über das Leben des Helden legt, fehlt in den Drehbüchern beziehungsweise wurde durch mehrere Bad Guys ersetzt, von denen keiner an Marlow heranreicht. Für alle, die jetzt zum ersten Mal einen Rath-Roman lesen, ist das eine Überraschung. Wer seit dem „Nassen Fisch“, also seit 2007, mit den Abwegen und Umwegen des Kommissars vertraut ist, für den ist die Rückkehr zum Buch, als brauche man plötzlich eine Gleitsichtbrille für die beiden Welten.

          Roman-Rath und Serien-Rath trennt nicht nur, dass letzterer nun das Gesicht von Volker Bruch hat und eine Physiognomie des ersteren in vieltausendfacher Gestalt allein in der Vorstellung der Leser existiert. Kutscher hatte von Beginn an bewusst auf eine fahndungstaugliche Beschreibung seiner Figuren verzichtet. In der Welt der Romane sind Rath und Charlotte Ritter auch seit ein paar Jahren verheiratet, sie haben ein Pflegekind, den 14-jährigen Fritze, und in diesem Spätsommer 1935, in dem „Marlow“ beginnt, haben die Nazis den Alltag komplett unter Kontrolle. Charly ist nur noch Rechtsanwaltsgehilfin, weil Frauen keine Juristinnen mehr werden dürfen. Nebenbei hilft sie dem in Ungnade gefallenen Ex-Kommissar Böhm, der sich als Privatdetektiv versucht. Gereon dagegen wechselt, der Karriere wegen, von der Mordkommission zum LKA, das von dem überzeugten Nazi Arthur Nebe (einer historischen Figur übrigens), geleitet wird.

          Raths Weltsicht ist nach wie vor unpolitisch

          Die Gleichschaltung hat die Polizei beschädigt, sie spielt nur eine untergeordnete Rolle im Vergleich zu SS, Gestapo und dem SD, dem Sicherheitsdienst. Rath sieht das zwar, aber er übersieht es auch gerne, seine Weltsicht ist nach wie vor so unpolitisch, dass man sie auch fahrlässig naiv nennen könnte, was ständig zu Streit mit Charly führt, die es auch nur schwer erträgt, dass Fritze begeistert zur Hitlerjugend geht.

          Vor diesem Hintergrund entwickelt Volker Kutscher mit der gewohnten Umsicht seinen mehrgleisigen Plot. In vier Einschüben, jeweils „Eine andere Geschichte“ überschrieben, fällt der Blick zurück in Marlows Vergangenheit. Der Unterweltkönig sucht den Weg in die Legalität, er ist zwar noch Görings Morphium-Dealer, aber zugleich teilt er sich mit dem Uniformfetischisten den Erlös aus Firmen- und Immobilienübernahmen, zu denen er die jüdischen Eigentümer genötigt hat.

          Raths und Marlows Wege kreuzen sich erneut, als dem mal wieder abseits des Dienstwegs operierenden Kommissar zufällig potentielles Erpressungsmaterial gegen Göring in die Hände fällt. Und schließlich kommt auch jener Teil von Charlys Vergangenheit zur Sprache, den Kutscher bisher nur in dem von Kat Menschik illustrierten schmalen Band „Moabit“ (2017) erwähnt hatte. Ohne die Spannung durch zu viele Details trüben zu wollen, darf man verraten, dass Kutscher auch in „Marlow“, wie bisher in jedem Rath-Roman, mit sicherem Gespür Orte der Zeitgeschichte in Schauplätze seiner Geschichte verwandelt hat. Das konnte mal das „Haus Vaterland“ am Potsdamer Platz sein oder der Straßenbahntunnel, der die Straße Unter den Linden unterquerte. Hier ist es Nürnberg in den Tagen des Reichsparteitags, wo Rath an der Straße steht, als Hitler vorbeifährt, wo er, der den sogenannten deutschen Gruß verweigert, wann immer es geht, wie in Trance selber den Arm hochreißt – „und er hatte sich noch nie in seinem Leben selbst so sehr gehasst.“ Und es ist, zum Showdown, die Baustelle des Reichsluftfahrtministeriums, das Göring sich errichten ließ – wo heute das Finanzministerium residiert.

          Ein grandioser Plot-Twist

          Die nahtlose Einbettung der Fiktion in die Zeitgeschichte ist eine von Kutschers großen Stärken, da ist er präziser und plausibler, als es der große Philip Kerr war. Und es ist nicht nur die exakte Topografie, die überzeugt, es sind nicht nur die Querverbindungen zu den früheren Büchern, die den Rath-Kosmos immer weiter ausgestalten. Es ist auch Kutschers Sprache, die meist unauffällig wirkt, die es nie auf zitierreife „Stellen“ anlegt. Man muss sich zwar an die häufigen Dialektpassagen gewöhnen, in „Marlow“ wird nicht nur berlinert, es wird auch reichlich Fränkisch gesprochen. Aber Kutscher hat ein Ohr für Ausdrücke, die heute altmodisch klingen, die einem jedoch von Eltern oder Großeltern noch vage vertraut sind. „Auf Schusters Rappen“, „gestiefelt und gespornt“, „Brimborium“ oder „Küchenbulle“, solche Ausdrücke fallen immer mal wieder so ganz nebenbei. Das gibt der Prosa eine unverwechselbare Gestalt, ein zurückhaltendes historisches Design, ohne maniriert oder beflissen zu wirken.

          Am Ende von „Marlow“ überrascht Kutscher dann mit einem grandiosen Plot-Twist. Mitte Oktober 1935 ist die Luft immer dünner geworden, und die Nazis sind kein böser Spuk wie noch in den Zeiten von „Babylon Berlin“. Charly, die zu Hause Gabriele Tergit und Irmgard Keun liest, kann ihren Abscheu vor dem Regime auch öffentlich kaum noch verbergen. Aber auch Rath, der zwar härter geworden ist, wie er in „Marlow“ durch einen ganz speziellen Schachzug beweist, muss aufpassen. Politisch klarsichtiger ist er deshalb nicht. „Er wollte eigentlich“, heißt es gegen Ende, „dass alles so blieb, wie es war. Oder besser: Wie es einmal gewesen war.“ Er hat die Glocke noch immer nicht gehört.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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