03.09.2003 · Eine amerikanische Soldatin gerät erst in irakische Kriegsgefangenschaft und dann ins Rampenlicht. Nun schreibt die zur Nationalheldin stilisierte Jessica Lynch ihre Autobiographie. Wie viel Faktentreue verträgt ein solches Werk?
Von Martin BenninghoffEs kommt selten vor, daß eine 20 Jahre junge Frau ihre Autobiographie schreibt. Und wenn, kann diese wohl kaum mit einem Verlag rechnen, der ihr für eine Million Dollar (rund 925.000 Euro) die Rechte abkauft. Bei der Amerikanerin Jessica Lynch, die Anfang April aus irakischer Kriegsgefangenschaft befreit worden war und in Windeseile zur Nationalheldin avancierte, ist alles anders. Der Vertrag mit dem Verlag Alfred A. Knopf steht ebenso fest wie der Titel des Buches, den in bester Tradition amerikanischer Memoiren ein Hauch von Legende umweht: „I Am a Soldier Too: The Jessica Lynch Story“ (Ich bin auch ein Soldat: Die Geschichte der Jessica Lynch).
Ihr Buch werde sich um mehr drehen als um ihre Kriegserlebnisse, erklärte Lynch nun jüngst in einer Pressemitteilung ihres Verlages. Auch um ihre Kindheit und Jugend in den Vereinigten Staaten solle sich der Plot ranken. Das klingt freilich mehr nach einer belanglosen Vorstadtposse denn nach einer packenden Geschichte. Dennoch macht sich der Verlag keine Sorgen, die erste Auflage von 500.000 Exemplaren im November dieses Jahres an den Mann zu bringen. An Lynchs Seite, oder besser an ihrer Computertastatur, sitzt ein prominenter Ko-Autor: Rick Bragg, Journalist und Pulitzer-Preisträger 1996, sorgt für den sprachlichen Feinschliff und sicher auch für den nötigen Spannungsbogen, den die bloßen Fakten der wahren Jessica-Lynch-Story mitunter vermissen lassen.
Das Gewehr hat geklemmt
Zur Heldin wurde die junge Soldatin, als schwerbewaffnete Elitesoldaten das Krankenhaus in Nasirija stürmten, in dem sie festgehalten wurde. Kameramänner des Pentagon hatten die Aktion, bei der die Männer in Tarnfarben mit vorgehaltener Waffe Türen und Fenster eintraten, filmreif auf Video gebannt. Auf einer Bahre trugen sie die Verletzte in den wartenden Helikopter. Ärzte und Krankenschwestern berichteten später, die Elitesoldaten hätten das Angebot, einfach die Tür zu benutzen, rundweg abgelehnt. Irakische Soldaten seien gar nicht im Krankenhaus gewesen.
Als Märchen stellte sich auch ein Pentagon-Bericht heraus, wonach Lynch bis „zum Tod“ gekämpft und ihre ganze Munition verschossen habe. In Wahrheit hatte ihr Gewehr geklemmt. Auch ihre schweren Verletzungen, Knochenbrüche und Verletzungen der Wirbelsäule, soll die Zwanzigjährige nicht durch einen zunächst in den Medien lancierten Überfall durch im Hinterhalt lauernde Iraker davongetragen haben, sondern ganz profan durch einen Autounfall.
Jubelstürme im Heimatort
Die Vorwürfe verschiedenster Medien an der propagandistischen Darstellung der Rettungsaktion wurden schon kurz danach laut. Erst im Juli sorgte dann ein Bericht der amerikanischen Armee für ein wenig Klarheit: Kein Hinterhalt, sondern Granatenbeschuß des Konvois habe zu den Verletzungen geführt. Buchreif war dann noch die Inszenierung ihrer Rückkehr aus dem rheinland-pfälzischen Militärkrankenhaus in Landstuhl in ihre amerikanische Heimatstadt Palestine in West-Virginia. Unter dem Jubel von tausenden begeisterten und Fähnchen schwenkenden Menschen zog sie im offenen Wagen durch den Ort.
Jeanne d'Arc soll Frauen rekrutieren
Mancher Kritiker mutmaßt, die Verkörperung einer modernen Jeanne d'Arc durch Jessica Lynch sei nur ein weiterer Versuch, Frauen für die Armee zu rekrutieren. Lynch als Vorzeigesoldatin? Zumindest tat man alles daran, sie mit möglichst vielen Auszeichnungen als solche hinzustellen. Öffentlichkeitswirksam erhielt sie unter anderem die Medaille „Purple Heart“ sowie eine Medaille für Kriegsgefangene.
Ko-Autor Rick Bragg kann den Auftrag gut gebrauchen, nachdem sein Name in journalistischen Kreisen und darüber hinaus jüngst arg gelitten hatte. Als Redakteur der „New York Times“ war er vor einigen Monaten beurlaubt worden. Ihm war vorgeworfen worden, sich bei seinen Reportagen auf Recherchen freier Mitarbeiter zu stützen, ohne diese in der Autorenzeile zu nennen. Für einen Bericht über einen Austernfischer hatte er einen Assistenten angeheuert und kaum Zeit gefunden, dessen Recherchen zu überprüfen. Bragg fühlte sich ob dieser Vorwürfe gemobbt und reichte im Mai die Kündigung ein.
Der Vorschuß wird geteilt
Dieses Mal ist allerdings klar, wer an der einzig autorisierten Autobiographie Lynchs, die mittlerweile ehrenhaft die Armee verlassen hat, beteiligt ist. Die junge Frau, die immer noch auf Krücken angewiesen ist, und Bragg wollen sich den Vorschuß in Höhe von einer Million Dollar teilen, verlautete es aus Verlagskreisen. Ob Jessica Lynch sich an das Geschehen überhaupt korrekt erinnern kann, sei dahingestellt. Bei der Pressekonferenz anläßlich ihrer Rückkehr nach Palestine hatte sie angegeben, an Gedächtnislücken zu leiden. Vielleicht ein entscheidender Vorteil, mag man den Ausführungen Arthur Schnitzlers glauben: „Man hat es so leicht, seine Erinnerungen zu schreiben, wenn man ein schlechtes Gedächtnis hat.“