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Ökonom Jeremy Rifkin : Das Ende des Kapitalismus

Kein Mann der bescheidenen Thesen: Jeremy Rifkin letzte Woche in Berlin Bild: Gyarmaty, Jens

Der Ökonom Jeremy Rifkin liebt große Thesen, jetzt verkündet er den Niedergang des Kapitalismus und den Beginn einer sozialen Gemeinschaft. Das klingt nach einer naiven Utopie. Aber ist es überhaupt eine?

          Es hat ein bisschen gedauert, bis die Zukunft aussieht, wie wir sie uns einmal vorgestellt haben, wie eine Welt voller hilfreicher Roboter und Wunscherfüllungsautomaten, eine Welt also, in der sich nicht nur Nullen und Einsen steuern lassen, sondern auch Dinge, jene aus Holz und Stahl und Stein oder wenigstens solche aus Plastik. Zurzeit aber vergeht kein Tag mehr, an dem nicht eine neue Wundernachricht vom sogenannten Internet der Dinge zu hören ist, von schlauen Häusern und selbstfahrenden Autos, von T-Shirts, die unseren Schlaf steuern, und Pflastern, die unseren Puls messen, von Kühlschränken, die Milch nachbestellen, oder von Zimmern, die sich mit ein paar Wischbewegungen umbauen lassen.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auch in dieser Woche wurde der futuristische Maschinenpark wieder um zwei aufsehenerregende Neuheiten erweitert. Von der niedlichen Armbanduhr von Apple, jener als modischer Schnickschnack verharmlosten Disziplinierungsmaschine, dürften inzwischen auch Menschen ohne Smartphone gehört haben. Erstaunlich wenig Aufmerksamkeit dagegen bekam ein Menschheitstraum, der gestern auf einer Industriemesse in Chicago, nun ja, eben nicht vom Band lief: der „Strati“, das erste Auto aus dem 3-D-Drucker. Die amerikanische Firma Local Motors fertigte den zweisitzigen Buggy innerhalb einer Woche, Kernstück ist ein Chassis aus schnelltrocknendem Carbon-Plastik-Gemisch, Schicht für Schicht aufgetragen von einem riesigen 3-D-Drucker.

          Der Strati ist das Gegenmodell zur Apple-Uhr, designt von einem italienischen Amateur aus der Crowd, ein basisdemokratisch entworfener Volkswagen sozusagen. Und natürlich kann man darüber spotten, dass er so auch aussieht. Die interessantere Frage ist aber, warum er überhaupt noch Sitze hat. Damit aber der Drucker einen fahrerlosen Wagen ausspuckt, müsste man nur eine andere Software einlegen.

          Die prognostizierte  „Sharing Economy“

          Wie all diese neuen Apparate die Welt verändern, verbunden in einem gigantischen Netz; was sie mit ihren Benutzern machen, die unaufhörlich analysiert und optimiert werden, und auch mit jenen, die glauben, sich den Veränderungen durch Nichtbenutzung entziehen zu können, darüber kann man derzeit gar nicht so schnell spekulieren, wie der Wandel Wirklichkeit wird. Während man sich noch wundert, wer sich freiwillig eine elektronische Wanze anlegt, die den Pulsschlag an einen Großkonzern sendet, prophezeien Marktforscher 60 Millionen Käufer. Und 26 Milliarden Geräte, die bis zum Jahr 2020 ans Internet angeschlossen sein werden. Was das für die Wirtschaft bedeutet, das fassen die Analysten von Gartner, die diese Zahl ermittelt haben, so zusammen: „Milliarden Dinge, Billionen Dollar.“

          Ungefähr hier aber ist der Punkt, an dem die Utopien aufeinanderprallen, die momentan über die digitale Zukunft im Umlauf sind. Man muss nämlich gar kein Skeptiker sein, um Einwände gegen die kommerziellen Chancen zu haben, die das Internet der Dinge eröffnet; es reicht, die Apple Watch ein bisschen vorzustellen und die ökonomische Entwicklung auf die Spitze zu treiben. Die Frage nämlich, ob die Versprechen einer sozialen Weltgemeinschaft, ohne die kein Werbespot aus dem Silicon Valley auskommt, vielleicht tatsächlich eintreffen und damit all den schönen Profitphantasien ein Ende machen, wird mittlerweile von immer mehr Menschen mit Ja beantwortet. „Sharing Economy“ heißt der Begriff, unter dem diese Vision kursiert, und es sind längst nicht mehr nur ein paar schweißfüßige Couchsurfer, die daran glauben.

          „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“

          Nun hat auch einer der berühmtesten Berufsvisionäre der Gegenwart, der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin, seine umfangreiche Analyse über den Siegeszug des neuen Wirtschaftssystems vorgelegt, das er die „kollaborativen Commons“ nennt. Vor kurzem ist das Buch auch auf Deutsch unter dem Titel „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ erschienen. In der Ökonomie des Teilens und Tauschens sieht Rifkin ein neues Paradigma, und zwar eines im Sinne des Philosophen Thomas S. Kuhn, eines also, das alles verändern wird: die Wirtschaft, die Gesellschaft, unsere Art zu leben und zu denken. Der Kapitalismus, meint Rifkin, wird spätestens in ein paar Jahrzehnten nur noch in einigen Nischen stattfinden.

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