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Jens und Reich-Ranicki Summa summarum

29.08.2004 ·  Zehn Jahre lang hatten Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki kein Wort mehr gewechselt, seit ihre Freundschaft lautstark in die Brüche ging. Jetzt haben beide ihre Versöhnung demonstriert - mit einem Gedicht.

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Dreht sich im Leben wirklich immer alles nur um "Lirum Larum"? Immerhin war es Theodor Fontane, der dies behauptet hat, und es war, immerhin, Walter Jens, der diese Überzeugung am vergangenen Wochenende zitierte. Jens zitiert Fontane. Na und? Lirum Larum?

Mag sein, aber Jens zitiert Fontane in der "Frankfurter Anthologie", jener Rubrik also, die von einem Mann betreut und redigiert wird, mit dem Jens zehn Jahre lang kein Wort mehr gewechselt hatte. Fünfunddreißig Jahre währte die Freundschaft, die 1959 im Kreis der "Gruppe 47" ihren Anfang genommen hatte, als sie 1994 lautstark in die Brüche ging. Freundschaft wie Zerwürfnis sind legendär, und beides gehört zum Inventar der geistigen Republik.

Eine Annonce für die Welt

Jetzt haben Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki, gewissermaßen als Annonce für die literarische Welt, einen Text von Jens in der "Frankfurter Anthologie" veröffentlicht. Jens wählte Fontanes "Summa Summarum", ein Gedicht also, das einen Strich zieht unter eine Rechnung und zugleich, Lirum Larum, alles nicht ganz so schrecklich ernst genommen wissen will, nicht die Rechnungen, nicht die Striche darunter und auch das Leben selbst nicht.

Bilanzen, so gibt uns Jens in seinem wunderbar doppelbödigen Kommentar vom vergangenen Wochenende zu verstehen, sind immer eine vertrackte Sache. Und manchmal ist es besser, auf strenge Rechnung zu verzichten. Ist hier Altersweisheit, Altersmilde am Werk? Von beidem reden die meisten von uns wie vom Einhorn, dessen Schönheit wir bewundern, obwohl wir noch nie eines gesehen haben.

Verstehen, vergeben, vergessen - nicht gerade die Lieblingsdisziplinen alter Männer. Mitfühlen, mitwundern, mitfreuen - nicht gerade die Stärken unserer Zeit. Walter Jens, 81 Jahre alt, und Marcel Reich-Ranicki, 84 Jahre alt, haben Frieden geschlossen und wollen über alten Zwist und Hader nicht mehr rechten. Das sollten wir anderen respektieren - und das Einhorn weiter bewundern und an seine Existenz glauben. "Der Dichtung eine Gasse", lautet das Motto der "Frankfurter Anthologie", und Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki haben beide ihr ganzes Leben darauf verwandt, diese Gasse zu bahnen. Jetzt gehen sie wieder Seite an Seite.

Quelle: igl / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2004, Nr. 201 / Seite 43
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