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Jean-Henri Fabre: Erinnerungen eines Insektenforschers : Welch feiner Chirurg die Grabwespe ist!

Bild: Matthes&Seitz

Ganz nah am fliegenden und krabbelnden Leben, doch auch mit kühler Methode: Der erste Band einer vollständigen Ausgabe von Jean-Henri Fabres „Erinnerungen eines Insektenforschers“ liegt vor.

          Wenn Marcel Proust im ersten Teil der "Suche nach der verlorenen Zeit" ein Porträt der später noch bedeutsamen Dienerin Françoise gibt und ihr Verhalten gegenüber den anderen Dienstboten schildert, greift er zu einem recht detailliert ausgeführten Tiervergleich. Und wie zumeist bei Proust geht es dabei tief hinunter in der Geschichte des Lebens, in diesem Fall wieder einmal zu den Insekten. Denn "wie jener von Fabre beobachtete Hymenopteros, die Schlupfwespe, die, damit ihre Jungen nach ihrem Tod frisches Fleisch zur Verfügung haben, ihre Grausamkeit durch anatomisches Wissen unterbaut und gefangenen Rüsselkäfern und Spinnen mit staunenswerter Kenntnis und Geschicklichkeit das Nervenzentrum durchbohrt, von dem die Bewegung der Beine abhängt, jedoch die übrigen Körperfunktionen nicht beeinflusst werden, so dass das gelähmte Insekt, neben dem sie ihr Eier ablegt, für die ausschlüpfenden Larven eine gefügige, wehrlose, zu Flucht und Widerstand unfähige, aber jeglichen Hautgouts entbehrende Beute abgibt", so habe auch die rastlos um ihre Herrschaft besorgte Köchin ausgeklügelte und grausame Listen angewandt, um allen anderen dienstbaren Geistern das Haus zu verleiden.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Unvergleichlicher Beobachter

          Jean-Henri Fabre hätte diese (fast korrekte) Referenz auf seine zwischen 1879 und 1907 in zehn Bänden erschienenen "Souvenirs entomologiques" sogar noch lesen können. Er starb 1915 im Alter von zweiundneunzig Jahren, nachdem er noch einige Jahre einen späten, erst mit dem Abschluss der "Erinnerungen" einsetzenden Ruhm hatte genießen können. Da häuften sich die Ehrungen von Akademien und wissenschaftlichen Gesellschaften für den Insektenforscher, der es aus ärmlichen Verhältnissen zum Physikprofessor in Avignon gebracht hatte, bevor er aus politischen Gründen - er hatte sich für volksbildnerische Projekte engagiert, die in konservativ-kirchlichen Kreisen keine Zustimmung fanden - entlassen wurde und dann als Privatier mit seiner Familie aus den Einnahmen der von ihm verfassten Schul- und Lehrbücher lebte.

          Prousts Hinweis auf Fabre, dessen "Erinnerungen" die Insektenkunde beim französischen Publikum populär machten, wird zeitgenössische Leser kaum überrascht haben. Und er fügt sich ein in eine lange Liste von literarischen Verbeugungen vor der Beschreibungs- und Erzählkunst des auch bei Darwin genannten "unvergleichlichen Beobachters": von Victor Hugo, der die nicht unbedingt glückliche Wendung "Homer der Insekten" aufbrachte, über Maeterlinck und das Umfeld der Surrealisten bis hin zu Ernst Jünger, dem dieser Autor unmöglich entgehen konnte.

          Studien im natürlichen Lebensraum

          Auszüge aus den "Erinnerungen" sind auf Deutsch öfter erschienen, zuletzt ein hübsches schmales Bändchen (F.A.Z. vom 19. März 2008). Nun aber liegt der erste Band einer Ausgabe vor, die sie bis zu Fabres hundertstem Todestag 2015 vollständig in zehn Bänden präsentieren soll. Und weil es bei diesem Autor - Homer hin oder her - tatsächlich auch auf den langen epischen Atem ankommt, können deutsche Leser jetzt herauszufinden suchen, warum dieser erzählende Naturgeschichtler gegen Ende seinen Lebens sogar als Kandidat für den Literaturnobelpreis ins Spiel gebracht wurde.

          Für heutige Leser mag es ohnehin unvermeidlich sein, die im engeren Sinn literarischen Qualitäten abseits der seinerzeit durchaus bahnbrechenden Einsichten in das Verhalten von Insekten zu würdigen. Selbst wenn die Verklammerung beider Aspekte gerade den Reiz ausmachte, der die "Erinnerungen" zum Klassiker eben nicht nur unter entomologisch passionierten Lesern werden ließ. Denn Fabre war zu Recht stolz darauf, sich nicht länger anhand aufgespießter Exemplare an Formenvielfalt und taxonomischen Überraschungen zu delektieren, wie es bis dahin unter Naturhistorikern meist üblich war, sondern das Verhalten zu studieren: im natürlichen Lebensraum vor allem, aber auch mit vielen Kontrollversuchen im Studierzimmer seines Landhauses, dem "Harmas", in Sérignan-du-Comtat - das erhalten blieb und heute als Museum zugänglich ist.

          Dieses Anwesen in der Vaucluse, mit dessen Kauf - unterstützt übrigens durch ein kleines Darlehen seines Freundes John Stuart Mill - Fabre sich 1879 einen Herzenswunsch erfüllte, ist Ausgangspunkt der "Erinnerungen". Hier und bei Wanderungen durch die südfranzösische Landschaft der Umgebung, mit dem nahe gelegenen Steinkegel des Mont Ventoux als fast exotisch anmutender Besonderheit, heftete sich Fabre mit kaum glaublicher Geduld auf die Spuren seiner - bleiben wir beim ersten Band - Scarabäen, Grabwespen und Bienen.

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