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Frankreichs neuer Popstar : Jean d’O

In der vergangenen Woche ist der fast 90 Jahre alte Jean d’Ormesson mit vier Romanen in Gallimards legendäre Bibliothèque de la Pléiade aufgenommen worden. Hat er das verdient? Kritische Stimmen mehren sich.

          Welch glückliches Land, in dem die Aufnahme eines Schriftstellers in die Dünndruckklassiker-Bibliothek der Weltliteratur als Krönungszeremonie zelebriert wird und zugleich eine Debatte über den Niedergang der Nation und ihrer Institutionen auslöst. Am Freitag erschien der Band mit vier Romanen von Jean d’Ormesson in Gallimards legendärer Bibliothèque de la Pléiade: 1600 Seiten Bibelpapier, in feinstes Schafsleder gebunden. Im Sommer wird der Schriftsteller, der längst zu den Unsterblichen der Académie française zählt, neunzig.

          Seit drei Jahrzehnten beschert er seinem Verleger Antoine Gallimard Bestsellerauflagen. Zuvor war Jean d’Ormesson sehr viel umstrittener. Während des Kalten Kriegs war er Chefredakteur des „Figaros“, der dem Kollaborateur Robert Hersant gehörte. Während des Vietnamkriegs griff ihn der linke Barde Jean Ferrat in einem berühmten Chanson an - das Lied durfte im staatlichen Rundfunk nicht gesendet werden. Von Mitterrand wurde er am Ende seines Lebens als Gesprächspartner geschätzt.

          Ein Unbehagen

          Doch den weltlichen Tiefen ist er inzwischen entrückt, das Land huldigt Jean d’O wie einem Popstar. Seine Auftritte im Fernsehen sind Sternstunden der Zuversicht. Jean d’O gibt den Hans im Glück, der in diesem eher gottverlassenen Frankreich eine willkommene Lebensfreude verströmt. Seine beiden einzigen lebenden Kollegen, die in die Pléiade aufgenommen wurden, sind der Schweizer Philippe Jaccottet und Milan Kundera. Nicht aber die Nobelpreisträger Modiano und Le Clézio. D’Ormesson erscheint nach Mark Twain und vor Casanova. Das haben alle drei nicht verdient.

          Dass der ansonsten unbestechliche Traditionalist Marc Fumaroli das Vorwort besteuert, kann das Unbehagen nicht aus der Welt schaffen. Als „Marketing“ und „mondän“ rügt ein Kritiker den Vorgang. Weniger überzeugend ist der Autor eines Pamphlets, der den Niedergang der wichtigsten literarischen Instanz konstatiert. Denn seine literarischen Referenzen sind ausgerechnet Richard Millet und Renaud Camus und deren verbitterte, fremdenfeindliche Reden von der Dekadenz des Abendlandes. Nein, die Pléiade wackelt nicht. Aber sie ist für die Unsitten des schnelllebigen Literaturbetriebs anfälliger geworden.

          Auch d’Ormessons Gesundheitszustand gebe keinen Anlass zu Besorgnis, sagt die Familie. Er hat einen Krebs überlebt und am Mittwoch vor einem Liveauftritt im Fernsehen nur einen harmlosen Schwächeanfall erlitten. Mit dreißig sei er Schriftsteller geworden, um einem Mädchen zu gefallen, hatte er in der Sendung zuvor erzählt. Anfang der Woche wird er das Krankenhaus verlassen. Rekordverdächtig ist die Erstauflage seiner Klassikerweihe: 20.000 Exemplare. Das macht auch den Verleger glücklich.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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