07.03.2002 · Till Brönner, der Popstar unter den Jazzmusikern, hat mit „Blue Eyed Soul“ eine schöne Balance zwischen Jazz und Clubmusik gefunden.
Von Fridtjof Küchemann„Laid back“, das ist englisch für lässig, entspannt. Es ist dieses „Zurücklehnen“, das den Jazz seit einigen Jahren auf eine bestimmte Art salonfähig gemacht hat. Freilich heißen die Salons heute nichtmehr Bars, sondern Lounges. An die Stelle des Barhockers ist der bequeme Sessel getreten.
Die Musik in solchen Etablissements ist zumeist anregend, dabei aber unaufdringlich. Sie verbindet klangliche Gesetztheit mit Signalen von Zeitgenossenschaft. Manchmal ist es Jazz. Und manchmal sind es Aufnahmen von Till Brönner, einem 30-jährigen Berliner Trompeter, der mit „Blue Eyed Soul“ gerade ein neues Album veröffentlicht hat.
Man mag sich halt
Mehr als 30 Jahre ist es her, dass die Innovatoren des Jazz musikalische Formen jenseits der gewohnten Songs mit ihren Abfolgen von Strophe und Refrain einführten. An die Stelle stetig wechselnder Harmonien traten organisch fließende Klangschichten. Der Solist improvisierte in Modi statt über harmoniebezogene Skalen. Aus wiederholt durchlaufenen Songstrukturen wurden Landschaften aus Klang.
Der Jazz hat damit ein wesentliches Strukturmerkmal zeitgenössischer Club-Musik vorweggenommen. Das erklärt vielleicht das Interesse vieler Jazzmusiker unserer Zeit an den musikalischen Formen des Loops, einer wiederholt abgespielten Klangschlaufe, und des Samples, einer Sequenz, die nach Bedarf und Geschmack in die Klanglandschaft eingepflanzt wird. Und es erklärt das Interesse vieler Erzeuger moderner Clubmusik an Jazz. Gemeint ist hier vor allem eine gewisse musikalische Gelenkigkeit und Geschmeidigkeit. Und die Vorliebe für verschränkte, mehrdeutige Harmonien, rhythmische Finessen und prägnante Phrasen, die sich vorzüglich als Samples einsetzen lassen.
Jazztrompeter trifft DJ
„Blue Eyed Soul“ hat Till Brönner zusammen mit dem japanischen DJ Samon Kawamura produziert. Das Duo versucht den Interessenausgleich: „Sobald Jazzgedudel aufkam, hat Samon die Augen verdreht", erzählt der Jazzmusiker. "Und wenn er mit 'korrektem Hip Hop' um die Ecke kam, habe ich die Jazzchords ausgepackt."
Das Ergebnis von immerhin neun Monaten Studioarbeit ist ein entspanntes, geistreiches, dabei nur selten zu verspieltes Album. Mit seinem weichen, beweglichen Trompeten-Sound gleitet Brönner elegant über elektronisch angereicherte, aber auch „akustisch“ eingespielte Klanglandschaften hinweg, spielt knappe Einwürfe von erfrischender Präsenz und raffinierte Phrasen, die die Harmonik des Untergrunds umdeuten, um sie schließlich doch wieder zu bestätigen.
Warmherzig und gewitzt
Schnelle Jam-Stücke wechseln mit flächig strukturierten Nummern. Neben dem Billy-Joel-Klassiker „Just The Way You Are“, zu dem man sich eine ironisch glitzernde Diskokugel vorstellt, findet sich eine von ihm selbst geschriebene Ballade Brönners, zu der der Trompeter auch singt - in bester Tradition der Altvorderen seines Fachs wie Chet Baker, dem Brönner sein 2000er Album „Chattin' with Chet“ widmete.
Vielleicht verdankt der 30-Jährige seiner Jugend die unverkrampfte Aufgeschlossenheit für elektronisch erzeugte und manipulierte Beats und Grooves. Bestimmt verdankt er seiner Erfahrung - Brönner spielte mit Jazzgrößen wie Dave Brubeck, James Moody, Peter Herbolzheimer oder Monty Alexander - die Geschmackssicherheit und Rafinesse seines Spiels.
„Blue Eyed Soul“ ist ein schönes Jazz-Album: gewitzt, aber nicht affektiert, warmherzig, aber nicht sentimental, zugänglich, aber nicht flach, zurückgelehnt, aber nicht lasch, salonfähig, aber nicht overdressed. Till Brönner ist ein guter Mensch.