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Japanische Architektur als Vorbild : Der Fluch des Eigenheims

Die Affäre Wulff zeigt, wie der Traum vom Einfamilienhaus zum Albtraum werden kann. Aber was wäre die Alternative? Wie könnten wir leben? Die Architektur Japans weist einen Weg.

          Unter den vielen Katastrophenbildern des Jahres gab es eins, das man fast übersehen hätte - weil es aussah wie das Bild eines Idylls: Christian Wulff steht im Garten seines fremdfinanzierten Einfamilienhauses bei Hannover vor einem penibel frisierten Buchsbaum, er hält etwas Duschkopfartiges in der Hand, mit dem er offenbar den Rasen sprengt. Die Botschaft war klar: Hallo, sagt der Mann auf diesem Bild, ich bin einer wie ihr, ich entspanne mich in meinem schönen Garten! Schon ohne die Kreditaffäre wäre es einem unbehaglich geworden bei diesem Foto. Der Mann ist schließlich gewählt, um sich um die sogenannte Res publica zu kümmern, nicht dazu, vor aller Augen seine Begonien zu gießen. Wer als Politiker heute glaubt, noch Zeit für seinen Garten zu haben, ist vielleicht auf dem falschen Posten, dachte man, als man das Foto sah, das auch eine Antwort auf die Frage nahezulegen schien, wo Wulff im Geiste war, als die Bankenkrise und die Arabellion stattfanden: daheim, hinterm Gartenzaun.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Foto vom Präsidenten vor dem überteuerten Eigenheim ist das Bild einer Katastrophe, die sich millionenmal wiederholt: Ein Mann steht vor einem Haus, das er sich nicht leisten kann; ein Mann verschuldet sich für eine Idee von Idyll, die ihn in den Abgrund reißt, weil er die Warnung des einst ebenfalls in Niedersachsen hausenden Arno Schmidt nicht beachtete, der einmal schrieb, er wolle bloß „ein winziges Häuschen in der Heide (achttausend höchstens, nicht wie diese Bausparkassen, die mit zwanzigtausend um sich werfen, als sei’s ein bloßer Silbenfall)“.

          Auffallend viele der großen aktuellen Krisen sind im Kern Immobilienkrisen. Die Wulff-Affäre handelt ebenso von jemandem, der unbedingt ein Haus haben will, das er sich nicht leisten kann, wie die amerikanische Immobilienblase, die am Anfang der globalen Bankenkrise stand. Und auch der Klimawandel wird verschärft dadurch, dass zu viele von einem Haus im Grünen träumen - von dem man dann mit einem Familienauto zur Arbeit pendeln muss, das noch mal Geld kostet und die Luft und die Ruhe zerdieselt, derentwegen man aufs Land zog. Das Ergebnis: Schulden auf dem Konto, Stress wegen des Pendlerstaus, schleichende Enttäuschung, weil, wenn Millionen aufs Land ziehen, dieses auch kein Land mehr ist, allenfalls seine suburbanisierte Schrumpfform. Wie kommt es, dass der Traum vom eigenen Haus, den es in dieser kollektiven Breitenentfaltung ja erst seit 1945 gibt, immer noch ungebrochen ist - obwohl ihn die wenigsten finanzieren können? Warum benehmen sich Millionen von Menschen, als sei es eine anthropologische Notwendigkeit, dass man, wenn man Kinder bekommt, sich sofort bis über beide Ohren verschulden muss, um ein mindestens hundertfünfzig Quadratmeter großes Haus mit Keller und Doppelcarport zu beziehen?

          Die Antwort ist einfach: weil es keine Alternativen zu geben scheint. Wenn es um den passenden architektonischen Rahmen für unser Privatleben ging, waren die Wahlmöglichkeiten bisher deprimierend gering: Entweder eine - je nach finanzieller Situation - kleine oder große Wohnung oder ein - je nach finanzieller Situation - kleines oder großes Haus, und die bauliche Form erzwang dabei fast den Lebensentwurf: Vater, Mutter, Kind, Haustier, Großraumlimousine im Carport. Schon auf die Frage, wie mit pflegebedürftigen Eltern, mit Geschwistern oder Freunden mit Kindern zu wohnen wäre, halten diese Bauformen keine Antwort bereit - weil der Lebensentwurf, um den herum sie entworfen wurden, solche Konstellationen nicht vorsieht.

          Die Lebensplanungen ändern sich, die sozialen Rituale, die ökonomischen Bedingungen ändern sich - nur die architektonische Hülle bleibt. Nicht nur Wulff ist Opfer dieser Diskrepanz geworden. Dass keine Alternativen in Sicht scheinen, hat seine Gründe auch in den kommerziellen Interessen einer Bauindustrie, die gut an den Einfamilienhauswürfeln auf der Wiese und den deprimierenden Apartmentriegeln in der Stadt verdient und nichts mehr fürchtet als die Frage: Wie könnten wir noch wohnen?

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