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Japanisch-Chinesischer Inselstreit : Wenn Imperien über die Vergangenheit entscheiden

Ein Flugzeug der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte überfliegt die umstrittene Inselgruppe Bild: AP

Japans Geschichtsvergessenheit macht den Streit um die Inselgruppe im Westpazifik noch riskanter. Ist ein Showdown unvermeidlich?

          Es gibt noch eine andere Geschichte über die Eskalation im Ostchinesischen Meer. Die erste Geschichte ist im Westen wohlbekannt: Sie handelt vom reich gewordenen China, das seine gewachsene Macht zusehends in außenpolitische Aggressivität ummünzt und dabei nicht davor zurückschreckt, seinen Nachbarn zu drohen und immer engere Spielräume zu lassen. Diese Geschichte ist nicht falsch, aber sie ist unvollständig. Die andere Geschichte erzählt von Revisionismus und von der „Großen ostasiatischen Wohlstandssphäre“, mit der Japan 1940 den Höhepunkt seines seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts geschaffenen Kolonialreichs markierte.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Verbrechen gegen die Souveränität anderer Völker und gegen die Menschlichkeit, mit denen dieses Imperium zustande kam, wurden in Japan nach 1945 nur halbherzig eingestanden und prägen die Beziehungen unter den Staaten der Region daher bis heute und zur Zeit sogar besonders stark. Die liberaldemokratische Regierung unter Ministerpräsident Shinzo Abe erlaubt es sich in ihrem Bemühen, den Japanern wieder Stolz und Zuversicht zu geben, selbst die zaghaften Aufarbeitungsversuche in Schulbüchern als eine „ideologisch selbstquälerische Sicht auf die Geschichte“ zu denunzieren und sich damit ausdrücklich in eine Kontinuität zu der unheilvollen Vergangenheit zu stellen.

          Es geht um mehr als ein paar Felsen im Meer

          Die unbewohnten Felseninseln, um die es jetzt geht, spielten in dieser Geschichte keine große Rolle, aber sie waren ein Teil von ihr, so dass China sie jetzt zum Realsymbol seines durch seine gewachsene Macht möglich gewordenen Verlangens nach einer neuen geopolitischen Ordnung machen kann. Unbestritten ist, dass Japan die Inseln 1895 im Zuge des Ersten Chinesisch-Japanischen Krieges seinem Reich einverleibte und Senkaku nannte, doch China weist die japanische Behauptung zurück, es habe sich um terra nullius, also um von keinem Staat kontrolliertes Territorium, gehandelt.

          Tatsächlich werden die Inseln in japanischen Dokumenten des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, die der taiwanische Historiker Han-Yi Shaw vor einem Jahr in der „New York Times“ präsentierte, als chinesisches Eigentum erwähnt; Japans Außenminister riet mit dieser Begründung noch 1885 von einer Besetzung ab. Laut chinesischen Wissenschaftlern kommen die Diaoyu-Inseln seit dem fünfzehnten Jahrhundert in Büchern als Teil Chinas vor und noch 1893 in einem Brief der Kaiserinwitwe Cixi, die die Inseln einem chinesischen Heilkundler zur Gewinnung seltener Kräuter zur Verfügung stellte.

          Abschied vom pazifistischen Kurs der Nachkriegszeit

          Was dies nun völkerrechtlich bedeutet, ist nicht eindeutig. Japan argumentiert vor allem positivistisch, dass der Vertrag von San Francisco 1951 zwischen Amerika und Japan die Inseln anders als Taiwan nicht China zurückgab, sondern wie Okinawa unter die Verwaltung Amerikas stellte, die 1970 dann zusammen mit Okinawa an Japan rückübertragen wurde. China wirft Amerika eben dies vor, dass es den Erklärungen von Kairo und Potsdam (1943 und 1945) zuwidergehandelt habe, denen zufolge Japan alle gestohlenen Gebiete an China zurückgeben solle und die früher erzwungenen Verträge null und nichtig seien. Erst 1969 waren die Inseln wegen der in ihren Gewässern entdeckten Bodenschätze interessant geworden.

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