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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

James Joyce' „Ulysses“ Bloomsday weltweit: Was am 16. Juni 1904 geschah

 ·  Eine Schiffskatastrophe in New York, der Fund eines blutigen Messers in Berlin, ein Wirbelsturm über Kuba: Hintergründe über das Weltgeschehen vom 16. Juni 1904, das James Joyce in seinem „Ulysses“ verarbeitete.

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Eine Schiffskatastrophe in New York, der Fund eines blutigen Messers in Berlin, ein Wirbelsturm über Kuba: Hintergründe über das Weltgeschehen vom 16. Juni 1904, das James Joyce in seinem „Ulysses“ verarbeitete.

Tanger: Etwa 400 marokkanische Soldaten aus Casablanca sind in Tanger gelandet, um die hiesigen Europäer zu schützen.

Seit der Entführung des Amerikaners Ion Perdicaris durch den Banditen Mulai Ahmed er Raisuli aus seiner Villa bei Tanger am 18. Mai sieht sich der Sultan starkem Druck ausgesetzt, die Sicherheit für die in Marokko lebenden Ausländer zu gewährleisten. Allgemein wird aber befürchtet, daß die Ankunft der als besonders brutal bekannten Truppen für die Verhandlungen mit Raisuli über Perdicaris' Freilassung einen Rückschlag bedeuten und sogar das Leben der Geisel gefährden könnte. So haben die Vertreter Großbritanniens und der Vereinigten Staaten bereits gegen diese Maßnahme des Sultans protestiert.

Die amerikanische Regierung hatte erst kürzlich ihrerseits den Konflikt verschärft, als sie Kanonenboote über den Atlantik geschickt und vom Sultan entweder die Freilassung Perdicaris' oder den Tod des Entführers gefordert hatte. Riasuli verlangt 70.000 Dollar in Gold und die Anerkennung seiner Herrschaft über zwei Bezirke in der Umgebung von Tanger.

Helsinki: Nikolai Bobrikow ist tot.

Der russische Generalgouverneur von Finnland erlag am Abend den Folgen eines Revolverattentats. Sein Mörder, der finnische Beamte Eugen Schaumann, richtete sich unmittelbar nach der Tat selbst. Er hinterläßt einen Abschiedsbrief, in dem er Bobrikow beschuldigt, die Herrschaft einer kleinen russischen Clique in Finnland zu befördern und die verfassungsgemäßen Rechte der einheimischen Bevölkerung zu unterdrücken. Der Brief ist an Zar Nikolaus II. gerichtet, den Schaumann dazu aufruft, sich ein "wahres Bild" der Zustände im Großfürstentum zu verschaffen. Außerdem beteuert der Mörder in dem Schreiben, daß er nicht Teil einer Verschwörung, sondern Einzeltäter sei.

Der vierundsechzigjährige Bobrikow hatte in Finnland zahlreiche Gesetze außer Kraft gesetzt, die Pressefreiheit weiter eingeschränkt und sein Regime auf eine hohe Zahl von Geheimpolizisten gestützt. Den Unwillen vieler Finnen erregte er mit seinem Befehl, finnische Soldaten im russisch-japanischen Krieg einzusetzen. Über Eugen Schaumann heißt es, er habe immer einen Revolver bei sich getragen, seit der Gouverneur mit Kosaken gegen Demonstranten vorgegangen sei.

Über Bobrikows Nachfolger ist noch nichts bekannt. Beobachter vermuten, daß sich der Zar für Generalleutnant von Wahl entscheiden werde. Der jetzige Gehilfe des Innenministers war zuvor Gouverneur von Wilna und dort für seine Grausamkeit berüchtigt. Auch auf ihn wurde vor zwei Jahren ein Attentat verübt, das er aber ohne größere Verletzungen überstand.

New York: Nach der gestrigen Schiffskatastrophe, bei der wahrscheinlich über tausend Menschen ums Leben kamen, trägt die Hafenstadt heute Trauer.

Der Raddampfer "General Slocum" war beim jährlichen Ausflug der Sankt-Markus-Gemeinde auf dem East River in Brand geraten und völlig zerstört worden. Inzwischen warten die Angehörigen vor den Sammelstellen und den Behelfsleichenhallen auf Nachrichten über die Opfer, beten gemeinsam und singen Kirchenlieder. Da der Dampfer überwiegend Frauen und Kinder an Bord genommen hatte, haben viele Männer im Viertel mit einem Schlag ihre gesamte Familie verloren.

Ein Teil des Wracks ragt mit den beiden langen Schornsteinen noch aus dem Wasser, und Taucher steigen immer wieder in den Schiffsrumpf hinab, um weitere Leichen zu bergen. Sie berichten von grausigen Begegnungen unter Wasser: von der Mutter, die ihre drei kleinen Kinder an sich gepreßt hält und den Weg ins noch tiefere Deck versperrt, von dem Säugling, der in seinem Kinderwagen festgeschnallt war, als das Schiff sank, und von den kleinen schwarzen Körpern im Heck, die am rußigen Fenstergitter hängen.

Unterdessen werden Vorwürfe gegen den Kapitän William van Schaick und gegen die Reederei laut. Überlebende berichten von katastrophalen Zuständen an Bord, von Rettungsbooten, die sich nicht vom Mutterschiff lösen ließen, von geplatzten Löschwasserschläuchen und bröseligen Korkwesten, die niemandem geholfen hätten. Außerdem soll untersucht werden, warum sich die Mannschaft bis auf einen Seemann vollständig retten konnte, während soviele Opfer unter den Passagieren beklagt werden.

Berlin: Bei den Ermittlungen im Mordfall Lucie Berlin hat die Polizei heute einen großen Erfolg bekannt gegeben.

Nachdem am Dienstag nachmittag der Kopf und die Arme des Mädchens am Hafen in Plötzensee gefunden worden waren, wurde gestern in der Wohnung von Johanna Liebetrut, einer Nachbarin der Familie Berlin im Haus Ackerstraße 180, in einem Wäschestapel verborgen ein etwa 50 cm langes Messer mit Blutspuren entdeckt, das allgemein für die Tatwaffe gehalten wird.

Frau Liebetrut konnte die Herkunft des Messers nicht erklären, da sie die Wohnung in den letzten drei Tagen ihrem Lebensgefährten, dem Gelegenheitsarbeiter Berger, überlassen hatte, während sie eine Haftstrafe wegen sittenpolizeilicher Kontravention abbüßte. Berger ist bereits wegen Körperverletzung vorbestraft. Er wurde in der Wohnung festgenommen. Eine Freundin der Lucie Berlin belastete ihn gestern Abend schwer: Sie habe Berger am vergangenen Donnerstag gemeinsam mit Lucie in Richtung Gartenplatz laufen sehen.

Mit der Festnahme Bergers erwartet die Polizei nun Auskunft über den Verbleib der restlichen Leiche des Mädchens. Unklar ist, ob ein weiterer mutmaßlicher Täter, der unlängst festgenommene Versicherungsbeamte Otto Lenz, nach der Verhaftung Bergers nun freigelassen wird.

Santiago de Cuba: Ein Wirbelsturm, begleitet von heftigen Regenschauern, hat bislang mehr als hundert Menschen getötet und großen Sachschaden angerichtet.

Wegen der Zerstörung zahlreicher Leitungen herrscht in der Stadt Wassermangel.

Posen: Über den Fall einer angeblichen Erkrankung an schwarzen Pocken, welche von der aus Lodz zurückgekehrten Gattin des Bankdirektors Dr. Kusztelan eingeschleppt sein sollen, wird jetzt von amtlicher Seite mitgeteilt, daß es sich keineswegs um schwarze Pocken handelt, sondern daß die Kranke von echten Pocken befallen sei.

Es wurden sofort seitens des Kreisarztes als auch seitens des Polizeipräsidenten alle gesetzlich vorgeschriebenen Vorsichtsmaßregeln angeordnet und durchgeführt. Unterdessen wird aus Gnesen eine Typhusepidemie gemeldet. Bislang sind 47 Personen in Behandlung, drei sind bereits verstorben. Die Krankheit wurde durch verseuchte Milch aus dem Dorf Libau eingeschleppt.

Dar Es Salaam: Die Entscheidung des Reichstages, die Eisenbahnstrecke von Dar Es Salaam nach Morogoro zu bauen, löste in der ostafrikanischen Stadt große Begeisterung aus.

Eine improvisierte Feier fand in der mit Lampions geschmückten Schaurihalle statt. Ein Redner rief die Bevölkerung dazu auf, trotz des Erfolgs und der Freude über den Eisenbahnbau jetzt "nicht großspurig" zu werden. Die Teilnehmer trennten sich erst nach Mitternacht.

Bijsk: Reisende aus dem Altaigebirge berichten vom Auftauchen eines Mannes, der sich für den von Mongolen und Kalmücken lang erwarteten Gott Airot ausgebe und inzwischen in der Gegend von Ustjuana eine Jurte bewohne.

Er zeige sich dem Volk nicht und lasse sich von einem weißgekleideten Greis und jungen Mädchen bedienen, die er als Vermittler für seine Botschaften an die Bevölkerung benutze.

Es sei schwer, von diesen Botschaften Kenntnis zu erhalten, denn die Mongolen und Kalmücken, die früher den Russen gegenüber sehr offen gewesen seien, hielten jetzt alles geheim. Bekannt sei nur, daß nach der Lehre dieses Mannes verboten sei, anderes Geld als Gold- oder Silbermünzen zu besitzen, und daß die Mongolen sich deshalb des in ihrem Besitz befindlichen Papiergeldes um jeden Preis entäußerten.

Leuven: Die Studentenunruhen der letzten Tage flauen ab.

Ursache ist vermutlich die Drohung des Bürgermeisters, das große internationale gymnastische Fest zu verbieten, das für den Sonntag von den Studenten in der belgischen Stadt vorbereitet wird.

Frankfurt: Einen Tag vor dem internationalen Gordon-Bennett-Rennen ist der Kaiser in Frankfurt eingetroffen.

Unterdessen kam es auf der Strecke wiederholt zu Unfällen. Dabei wurde das Auto des schweizer Fahrers Dufaux so schwer beschädigt, daß er nicht mehr am Rennen teilnehmen kann. Als Favorit gilt der Belgier Camille Jenatzy, der mit seinem Mercedes das Rennen bereits im vergangenen Jahr gewonnen hat. Er startet morgen um sieben Uhr als erster.

Apia: Richard Deeken, der Direktor der "Deutschen Samoa Gesellschaft", ist zu vier Monaten Haft verurteilt worden.

Das Gericht sprach ihn schuldig, seine chinesischen Arbeiter schwer mißhandelt und den Gouverneur Dr. Solf beleidigt zu haben. Mehrere Zeugen hatten die Vorwürfe bestätigt. Das Urteil beendet vorerst einen bereits seit langem schwelenden Konflikt zwischen dem Pflanzer und dem Gouverneur.

Deeken, der sein Amt zwei Jahre lang ausgeübt hatte, zeigte sich unzufrieden mit Solfs nachgiebiger Haltung gegenüber den Samoanern. Um den Mangel an Arbeitskräften auf den Plantagen auszugleichen, warb er gegen den anfänglichen Widerstand Solfs chinesische Arbeiter an. Später beschuldigte er den Gouverneur, die Arbeiter heimlich gegen die "Deutsche Samoa Gesellschaft aufgewiegelt zu haben. Umgekehrt werfen viele Pflanzer Deeken vor, in einem vielgelesenen Reisebuch ein allzu paradiesisches Bild von Samoa gezeichnet zu haben. Er sei dafür verantwortlich, daß soviele Abenteurer aus Europa auf die Inseln gekommen waren und den Frieden störten.

Allgemein wird erwartet, daß Deeken von seinem Amt zurücktritt und nach seiner Haftstrafe die Inseln verlassen werde. Mit dem heutigen Tag tritt ein Gesetz in Kraft, nach dem die chinesischen Arbeiter beim Verlassen der Farmen Metallplaketten am Oberarm tragen müssen.

Unsere Meldungen stammen aus zahlreichen verschiedenen Zeitungen, darunter die Samoanische Zeitung in Apia, das Memeler Kreisblatt, die Frankfurter Zeitung, die St. Petersburger Zeitung und die Deutsch-Ostafrikanische Zeitung in Dar-es-Salaam.

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