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Jakobsweg Noch 2727 Kilometer bis nach Santiago

20.06.2007 ·  Gerade einmal 68 Menschen pilgerten 1970 nach Santiago de Compostela. 2006 waren es schon hunderttausend. Seit Hape Kerkelings Bestseller sind die Deutschen eine der größten Gruppen. Doch was erhoffen sie sich von diesem Massenbetrieb? Lisa Nienhaus war auf einer Teststrecke in Franken unterwegs.

Von Lisa Nienhaus
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Beim allerersten Stempel gucken die Pilger noch etwas pikiert. Sie sind schließlich noch keinen einzigen Meter gelaufen, schon prangt der heilige Jakobus im Pilgerausweis, und der Ausweis verkündet optimistisch, man sei auf dem Weg von Würzburg nach Santiago de Compostela in Nordspanien - „a pie“, zu Fuß. Santiago, wo Jakobus nach Überzeugung der katholischen Kirche begraben liegt, ist mehr als 2500 Kilometer entfernt. Selbst schnellen Schrittes und ohne längere Rast benötigte man drei bis vier Monate, um das Ziel zu erreichen. So mancher Pilger fühlt sich gleich zu Beginn als Hochstapler, sind doch die kommenden fünf Tage auf dem fränkischen Jakobsweg von Würzburg nach Rothenburg ob der Tauber für viele der Teilnehmer an der Gruppenreise ein erster Versuch auf dem Jakobsweg.

Das gilt nicht für Hildegard und Norbert Braun. Das Ehepaar aus Litzendorf bei Bamberg geht stramm voran durch das Maintal - rechts der Fluss, links die Schnellstraße, dazwischen vierundzwanzig Pilger auf dem Wege zu sich selbst, zu Gott und nach Ochsenfurt, zur nächsten Herberge. Die Brauns sind kirchlich engagiert und mit ihrer Gemeinde schon den ersten Abschnitt des Jakobswegs gelaufen, denn „der beginnt vor der eigenen Haustür“. Den zweiten Teil der Gemeinde-Pilgerfahrt haben die Brauns verpasst, nun holen sie ihn mit der Gruppe des Bayerischen Pilgerbüros nach. Der dritte Abschnitt steht noch in diesem Jahr an. Doch ob sie je in Santiago ankommen werden, wissen die Brauns nicht. „Wir haben einmal ausgerechnet, dass wir dann neunundachtzig Jahre alt wären“, sagt Hildegard Braun. Den Jakobsweg sehen sie als Möglichkeit, den Alltag hinter sich zu lassen, zu sich zu finden. Tiefe spirituelle Erlebnisse versprechen sie sich nicht.

Zu Fuß kommt man nicht von der Stelle

Die bleiben auch erst einmal aus. Nach einer Stunde des Gehens in geruhsamem Tempo folgen die erste Rast und das Gefühl des ans Auto gewöhnten Neupilgers, zu Fuß einfach nicht von der Stelle zu kommen. Nach wenigen Stunden bleibt dem einen die Luft weg, dem anderen schmerzen die Füße und den dritten drückt der Rucksack. Der sportliche Ehrgeiz schwindet. Man unterhält sich, erkundet die Gründe für die Teilnahme der Mitpilgernden. Noch ist die Zeit der inneren Einkehr nicht gekommen.

Nach einer Stunde fällt zum ersten Mal der Name Hape Kerkeling - und er wird uns auf dieser Reise nicht mehr verlassen. Bei fast allen Teilnehmern liegt der Langzeit-Bestseller „Ich bin dann mal weg“ zumindest angelesen auf dem Nachttisch. Eine Pilgerin hat von ihrer Schwester eigentlich ein gemeinsames Wellness-Wochenende geschenkt bekommen. „Aber ich wollte lieber auf den Jakobsweg, wie Hape Kerkeling“, sagt sie. Ihre Familien haben die Schwestern daheimgelassen.

Hape Kerkeling als Symbol

Hape Kerkelings Reise, was auch immer man unter literarischen Gesichtspunkten von ihr halten mag, ist ein Symbol: Pilgern ist in der säkularen deutschen Gesellschaft angekommen. Es geht eine Bewegung durch Europa, die mehr ist als der „Urlaubstrend des Jahres“, den Reiseveranstalter ausrufen, wenn sie vom Jakobsweg sprechen. Zahlreiche kleine Pilger-Rinnsale durchziehen Ost- und Mitteleuropa, vereinen sich in Frankreich zu Bächen, Flüssen, einem Strom, der in Spanien zu einer Welle anschwillt, die den heiligen Ort Santiago de Compostela überrollt. Im Sommer kommen mehr als achthundert Pilger am Tag in die Stadt.

Noch 1970 hatten gerade einmal achtundsechzig Pilger im Jahr die letzten hundert Kilometer nach Santiago de Compostela zu Fuß, Fahrrad oder Pferd zurückgelegt. 1990 waren es schon knapp fünftausend. 2006 kamen allein aus Deutschland 8097 Menschen, insgesamt erreichten mehr als hunderttausend Pilger das Ziel in Nordspanien. Rückkehrer sprechen von einer Pilgerschwemme, warnen davor, bloß nicht diesen Sommer auf dem nordspanischen Jakobsweg zu gehen. Einsamkeit und innere Einkehr seien angesichts des Gedränges erschwert. „Gehen Sie lieber erst in Deutschland oder Frankreich“, sagt ein erfahrener Pilger. „Dort finden Sie noch Ruhe.“

Einheit von Pilgern und Wein

Beim Bayerischen Pilgerbüro stehen für den ersten Tag keine Stille und Selbstfindung auf dem Programm, sondern eine Weinprobe. Die Pilger sind sich nicht ganz einig, ob das zu ihrem Vorhaben passt, trinken den guten Tropfen in kleinen Schlucken und scharren mit den Wanderstiefeln. Dabei ist die Einheit von Pilgern und Wein eine Tradition, über die schon Wilhelm Busch bei der Beschreibung der Pilgerfahrt seiner frommen Helene spottete: „Hoch von gnadenreicher Stelle/Winkt die Schenke und Kapelle“. Häme fällt leicht und ist praktisch. Denn so vermeidet man, die wahren Beweggründe seines Pilgerns offenzulegen, über Gott und Selbstfindung zu sprechen, über Trauer und Dankbarkeit, Gemeinschaft und Einsamkeit.

Eine fröhliche braungebrannte Frau mit von der Sonne beinahe weiß gebleichten Haaren sagt: „Jeder, der nach Santiago geht, hat einen Grund. Man spricht nur nicht darüber.“ Sie selbst ist mit ihrem Mann durch Nordspanien gelaufen, mit dem Gepäck auf dem Rücken und Übernachtungen in den typischen Pilgerherbergen. „Ich habe das aus einer großen Dankbarkeit heraus getan“, sagt sie. „So eine Pilgerreise macht man nicht einfach so. Ich habe im Leben viel Gutes erfahren.“ Auf dem Pilgerpfad erlebte sie Begegnungen, die sie nie mehr vergessen wird. Wenn sie davon erzählt, wird ihr Schritt schneller. Einmal, mitten auf dem Weg an einem heißen Tag, seien sie an einem Haus vorbeigekommen, vor dem ein Junge gesessen und einen Apfel gegessen habe. Kaum seien sie ein paar Meter weit weg gewesen, sei der Junge hinter ihnen hergelaufen und habe ihnen seinen angebissenen Apfel gereicht. „Aber teilen“, sagte er. „Das haben wir gemacht. Er hat wohl gelernt, dass man Pilgern auf ihrem Weg helfen müsse, und als er uns gesehen hat, hat er sich daran erinnert.“

Verlauste Feldbetten und wilde Hunde

Die Begeisterung für den Jakobsweg rührt auch daher, dass man auf dem Pfad auf eine sehr elementare Weise hilflos ist, so dass man auf andere angewiesen ist und in Kontakt treten muss. Im Mittelalter war der Weg lebensgefährlich. Zahlreiche Menschen kehrten nicht wieder heim. Heute beschreibt eine der Pilgerinnen die Fußreise durch Spanien als „eine Art modernes Abenteuer“. Man ist nicht gefeit gegen Wind und Wetter, begegnet wilden Hunden, kann sich verlaufen, muss in vielfach benutzten und verlausten Feldbetten nächtigen. Schulter, Beine, Knie und vor allem die Füße schmerzen. Und man läuft, läuft, läuft.

„Alle sagen immer, auf dem Weg war es schön, so schön!“, ruft die JakobswegErfahrene. „Aber es ist nicht immer schön. Es ist oft sehr anstrengend.“ Und dann komme es zu Erlebnissen der Herzlichkeit und Barmherzigkeit, denen der Pilger gerade wegen der vorangegangenen Strapazen mit größter Dankbarkeit begegne.

Der Ursprung des Pilgerstroms war eine Sensation. Mitte des neunten Jahrhunderts ging die Sage um, das Grab des Jakobus sei gefunden worden: Einer der Apostel, begraben in Nordspanien. Die Kirche wusste diese Neuigkeit schnell zu verbreiten. Immer mehr Menschen machten sich auf, zum Grab zu pilgern. Rund um die Grabstätte wuchs eine Stadt: Santiago de Compostela.

Immer bis zum nächsten Kirchturm

Für die Pilger in Franken ist Santiago nur eine vage Vorstellung. Auf ihrem Weg geht es erst einmal bis zum nächsten Kirchturm, der über den Hügeln aufragt, bis zum nächsten Stempel. Schon am zweiten Tag bilden sich Stempelschlangen in den Kapellen. Es wird gesungen, mancher betet still, um dann gleich wieder loszustürmen. Der Weg ist so, wie ihn Hape Kerkeling beschreibt: Schön, aber nicht so schön, dass man nicht weitergehen möchte. Und der Weg zieht sich. Es ist schwülwarm, drückend. Die Gespräche verstummen zu immer länger währenden Pausen. Die Pilger setzen mechanisch einen Fuß vor den anderen, verlieren sich in ihren Gedanken und können doch an nichts denken. Der eigene Trott ist rhythmisch, fast meditativ. Wenn man nicht laufen würde, man würde einschlafen. Ein Kaffee wäre jetzt schön oder ein Brötchen, aber die Verpflegung ist längst verzehrt.

„Jetzt können es doch höchstens noch drei, vier Kilometer sein“, sagt ein sportlicher Mann. Die Pilgerführerin schüttelt den Kopf. „Noch fast zwei Stunden zu laufen“, sagt sie, doch man könne hier vorne in diesem Haus kurz einmal die Toilette benutzen. Die Gruppe tritt ein, begrüßt die Hausherrin - und glaubt, eine Fata Morgana zu sehen. Im Garten stehen Bleche mit Erdbeer- und Pflaumenkuchen, Sahnetorte und Kannen voller Kaffee. Die Frau des Hauses hat gebacken, kostenlos für die Pilger. Dass die Wandersleute keine Luftsprünge machen, liegt nur an den schmerzenden Füßen. „Noch nie habe ich mich so über Kuchen gefreut“, sagt eine von ihnen ein wenig verwundert. Vielleicht ist es das Wiederentdecken der Dankbarkeit, was die Menschen auf den Jakobsweg zieht. Das letzte Wegstück jedenfalls läuft sich nach dieser Rast sehr viel angenehmer.

Quelle: F.A.Z., 19.06.2007, Nr. 139 / Seite 44
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Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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