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Jakob Augstein im Grünen : Die politischen Tugenden eines Gärtners

  • -Aktualisiert am

Der Gärtner in Journalistenverkleidung ruht an seinem steinernen Löwen, dessen Grinsen an die Katze aus „Alice im Wunderland“ erinnert. Bild: ullstein bild

Wenn wir unser Land so haben wollen, dass es uns gefällt, können wir uns Trägheit nicht leisten: Jakob Augsteins Hymne auf den Garten ist ein engagiertes Buch gegen das Zaudern.

          Nur neunzehn Sekunden braucht man, um den in diesem Buch so innig beschriebenen Garten der Länge nach zu durchschreiten, für die Breite sogar nur zwölf. In diesem überschaubaren Ausschnitt der Welt in einem Berliner Vorort steht ein Mann und sieht darin die ganze Welt, sieht die Schönheit, die den Menschen in den Geschichten vom ersten Garten, dem Garten Eden, versprochen ist, er sieht die Gefahr, er schwitzt und hofft und lässt sein Blut in diesem Garten. Er sieht auch den Tod.

          Als der Teich im tiefen Winter unter Eis lag, nahm er ein Werkzeug, um durch das Eis nach seinen Fischen zu schauen, sah aber nichts, außer der Schwärze des Wassers, spürte die Kälte und dachte, so müsse das Ende sein.

          Der Berliner Journalist Jakob Augstein hat mit „Die Tage des Gärtners“ (Hanser Verlag) ein ganz unerwartetes Buch geschrieben, wie es noch keines zuvor gab. Es ist eine Anleitung für den Gartenbau, die auch von solchen verschlungen werden wird, die keinen Garten haben und nie einen wollen. Es ist eine literarische und philosophische Reflexion, die mit Referenzen an Asterix und Brecht einigermaßen postmodern wirken mag, sich dann aber überraschend liebevoll dem deutschen Kanon nähert.

          Wie wir heute leben

          Und es ist ein politisches Buch. Alles zusammen ergibt einen Band, der mehr als alle zeitgenössischen Romane Zeugnis davon ablegt, wie wir heute leben, was wir hoffen und woran wir scheitern. Und da es ein Mann in den besten Jahren geschrieben hat, ist es mehr ein Buch über Männer, über Väter als über Rhododendren, obwohl der Autor denen die zärtlichsten Stellen widmet.

          In der Rolle als Gärtner realisiert der Autor all das, womit sich viele seiner Geschlechts- und Altersgenossen schwertun: Er übernimmt Verantwortung, plant, überwindet den Geiz und geht Risiken ein. Der Gärtner kann sich hinter niemandem verstecken, seine Leistungen und Fehler bringt das Frühjahr ans Licht.

          Es ist ein Buch gegen das Zaudern, aber es verspricht keine Erlösung. Viele verbinden mit dem Garten den Einklang mit der Natur und erwarten von so einem Buch eine Wegbeschreibung dorthin. Dem widerspricht der Autor und nimmt eine in Deutschland sehr seltene, ja radikale Position ein: Die Natur, schreibt er, gelte es zu beherrschen. Den Naturzustand gebe es so nicht, ein natürliches Leben sei lebensbedrohlich.

          Der Garten, wie er in diesem Buch nicht nur botanisch und geographisch, sondern eben auch philosophisch und poetisch angelegt wird, ist ein reines Kunstprodukt. Und das erst, schreibt Augstein, mache seine Schönheit aus. Ohne das Auge des wissenden Menschen wird das Tal nicht zur Landschaft, der Berg bleibt ein toter Fels.

          Ohne Gärtner kein Garten

          Radikaler Anthropozentrismus ist die Haltung dieses Gartenbuchs, denn ohne Gärtner gibt es keinen Garten. Der Kernbegriff des ganzen Buches ist die Arbeit. Hier bekommt es seine politische Dimension. Denn auch im Garten gilt, was Willy Brandt in seiner letzten Rede für die soziale und demokratische Entwicklung ganzer Gesellschaften schrieb: Nichts kommt von alleine, und nur wenig ist von Dauer.

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