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Freitag, 10. Februar 2012
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Jakob Augstein Der Meinungsmakler

24.01.2009 ·  In den letzten Monaten hat man Jakob Augstein vorwiegend als Kommentator der jüngsten Entwicklungen beim „Spiegel“ wahrgenommen. Das soll sich in einigen Tagen ändern. Augstein wird die Wochenzeitung „Freitag“ neu beleben - mit vorgezogenem Erscheinungstag und der Hilfe der Leser.

Von Peer Schader
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Alleinvertretungsberechtigter Dauertestamentvollstrecker. Wie das schon klingt. Umständlich. Anstrengend. Jedenfalls nicht gerade nach großem Vergnügen. Und dann antwortet Jakob Augstein in den meisten Interviews auch noch so nüchtern, so, als habe er sich vorher sehr genau zurechtgelegt, was er sagen wird, und vor allem: was besser nicht. Wer den 41-Jährigen nur aus den Interviews in der Zeitung kennt, die er immer dann gibt, wenn beim „Spiegel“ wieder wichtige Personalentscheidungen diskutiert werden, kommt leicht auf die Idee, dass er nicht besonders viel zu lachen haben kann. Vor allem nicht in den vergangenen anderthalb Jahren, als erst monatelang eine neue Chefredaktion gesucht wurde und anschließend auch noch der Geschäftsführer gehen musste.

Die Frage, ob ihm das nicht furchtbar auf die Nerven geht, ständig die Entscheidungen anderer zu kommentieren, findet Augstein überflüssig. „Für mich ist das ein Job“, sagt der Sohn des „Spiegel“-Gründers, der seit dem Tod seines Vaters in der Gesellschafterversammlung des Verlags die Interessen der Augstein-Erben vertritt. Auch wenn die Familie mit ihrem Anteil keinen direkten Einfluss mehr nehmen kann, wogegen Jakob Augstein lange gekämpft hat.

Diesmal ist er selbst der Chef

Kämpfen lässt er jetzt die anderen, und vielleicht gibt es deshalb keine leidenschaftlichere Antwort, in der Worte wie „Verpflichtung“ oder „Tradition“ vorkommen. Das ist halt nicht seine Art. „Sie ahnen gar nicht, wie nüchtern ich solche Sachen sehen kann“, sagt Augstein. Dann seufzt er genervt und erklärt es eben doch noch mal ausführlicher, damit der Fragesteller Ruhe gibt. Das mit ihm und dem „Spiegel“: „Ich habe irgendwann für mich akzeptiert: meine Stimme zählt in der Gesellschafterversammlung nicht. Aber ich bin jetzt schon der, der am längsten mit am Tisch sitzt. Und ich vertrete den Namen des Gründers. Das kann in diesem strategischen Kontext nur bedeuten, auf der Seite der Mitarbeiter-KG als Ratgeber zu fungieren und zu versuchen, deren Interessen mitzuformulieren.“

So. Und jetzt vergessen Sie mal den strategischen Kontext, die zurechtgelegten Antworten und die ganze Testamentvollstreckerei. Und stellen Sie sich Jakob Augstein stattdessen als einen Mann vor, der eine Idee hat, an die er glaubt und die er in jedem Fall verwirklichen will, weil er sie für gut hält und geradezu euphorisch klingt, wenn er davon erzählt. Ganz anders als sonst. Die Idee heißt Journalismus, und das Büro, von dem aus das passieren soll, liegt im Dachgeschoss eines sehr schick sanierten Berliner Altbaus am Hegelplatz in Mitte, schräg gegenüber der Humboldt-Universität. Dort ist Augstein vor einigen Wochen mit der Redaktion der linken Wochenzeitung „Freitag“ hingezogen, von der man bisher nicht gerade behaupten kann, sie werde mit Aufmerksamkeit überschüttet, und die Augstein im vergangenen Jahr gekauft hat, um das zu ändern.

Es ist nicht sein erstes journalistisches Projekt, aber es ist das erste, das kein Verlagschef im letzten Moment verhindern kann, weil es ihm zu risikoreich scheint, ganz einfach weil Augstein diesmal selbst Chef ist. Zehn Jahre hat er für die „Süddeutsche Zeitung“ geschrieben, sich dann aus dem Journalismus zurückgezogen, um für die Stiftung seines Vaters tätig zu werden, er hat den Verlag Rogner & Bernhard gekauft, dann doch wieder geschrieben, im Parlamentsbüro der „Zeit“ – aber am Ende hat wohl nichts davon gereicht, um auf Dauer zufrieden zu sein. Irgendwoher kommt dieser Drang, unbedingt publizistisch aktiv sein zu wollen, nicht bloß als Autor. Vielleicht ist das so, wenn der eigene Vater eines der publizistischen Leitmedien des Landes gegründet hat und man als Sohn nicht auf die Verwaltung des Erbes reduziert werden möchte.

Das probieren wir jetzt aus

In anderthalb Wochen wird der neue „Freitag“ am Kiosk liegen. Derzeit liegt die Auflage bei gerade mal 12.000 Exemplaren, und dazu, dass das nicht so bleibt, soll schon der neue Erscheinungstag seinen Teil beitragen: Ab 5. Februar soll die Zeitung donnerstags erscheinen, und zwar unter dem leicht abgewandelten Namen „Der Freitag“. Die wesentlichen Veränderungen, die Augstein und sein Team im Kopf haben, sind dagegen nicht ganz so marginal: Sie wollen ein Blatt, das sich nicht so einfach in die Reihe der existierenden Angebote einfügt, eines, das kommentiert und provoziert, auf Widersprüche hinweist, Alternativen aufzeigt und bei alldem seine Leser und deren Meinung so ernst nimmt, dass sie sich im Medium ständig sichtbar widerspiegelt. „Die Wahrheit ist doch: die Leser sind vielen Journalisten lästig“, sagt Augstein. „Die meisten Journalisten schreiben gar nicht für Leser, sondern für Parteien, Verbände, Kollegen. Ich hab’ das Gefühl, dass der Journalismus sich von den Lesern entfernt hat – genauso wie der politische Betrieb. Und wir glauben: es gibt Möglichkeiten, das anders zu machen. Wir wollen den Lesern zuhören, was sie zu unseren Texten und Themen zu sagen haben. Das probieren wir jetzt aus.“ Für jemanden, der nach eigenem Bekunden mit Pathos nicht viel anfangen kann, klingt das erstaunlich pathetisch.

Aber vielleicht braucht es gerade so jemanden wie Jakob Augstein, der das Geld und den Mut hat, so wahnsinnig zu sein und zu glauben, dass sich mit gutem Journalismus und einem spannenden Konzept etwas erreichen lässt, mitten in einer Zeit, in der viele Verlage sparen. Der neue „Freitag“ benötigt dafür bloß zwei Farben: Rot und Blau. Blau gekennzeichnet sind künftig die redaktionellen Texte, auf der neuen Website genauso wie im modern layouteten Blatt, das tatsächlich ein bisschen wie der „Guardian“ aussieht, mit dem Augstein für den „Freitag“ eine Kooperation abgeschlossen hat, um Texte übernehmen zu können. Rot hingegen ist die Farbe der Leser, die online kommentieren und eigene Blogs schreiben können, sich dabei gegenseitig bewerten und deren Beiträge, wenn sie genügend Empfehlungen anderer haben, in der Zeitung abgedruckt und honoriert werden. Und zwar nicht bloß Filmkritiken oder Szenegetuschel.

Inhaltlich soll das Blatt seiner politischen Tradition verbunden bleiben, mit neuen Rubriken und dem erweiterten Ressort „Alltag“, für das die Redaktion „intelligente Unterhaltung“ verspricht, aber lesbarer werden und lockerer wirken, und das ist auch dringend notwendig, weil die Zeitung in ihrer jetzigen Erscheinungsform so unscheinbar ist, dass sie sehr lange kaum jemandem aufgefallen ist.

Fast schon altmodisch

„Die Zeitung hat einen tollen Namen und eine eigene Identität – wir müssen den ,Freitag‘ nicht komplett neu erfinden“, sagt Augstein. Prügel hat er trotzdem schon einstecken müssen. Dafür, dass ein Luxusuhrenhersteller den Online-Countdown bis zur ersten Neuausgabe des bisher anzeigenfreien „Freitags“ sponsert. Oder dafür, dass es für manchen Leser so aussah, als habe Augstein eine feindliche Übernahme der Redaktion vollzogen. Dann erklärt er. Schreibt Antworten in den Blogs, aus denen die Kritik kommt, sehr ausführlich und mit einer Ruhe, die im Internet, wo sich alle die Argumente um die Ohren hauen, fast schon sonderbar wirkt. Und er erzählt: „Wir sind ja nicht mit einem festen Plan hergekommen, dem sich dann alle unterordnen mussten.“

Wir – das sind wohl vor allem er und Philip Grassmann, ehemals Journalist im Berliner Büro der „Süddeutschen Zeitung“ und seit vergangenem Jahr Chefredakteur des „Freitags“. Andere Kollegen kommen von der „taz“, vom „Tagesspiegel“ und der „Zeit“. Die bisherigen Redakteure wurden übernommen. Augstein selbst steht als „Mitglied der Chefredaktion“ im Impressum und sieht sich vor allem als derjenige, der das Projekt in die richtige Richtung lenkt. Als Verleger. Fast schon altmodisch.

Auch beim neuen „Freitag“ werden die Redakteure nicht fürstlich verdienen, weil Augstein zwar in die Zeitung investiert, aber dennoch Gehälter zahlt, für die viele etablierte Journalisten bei anderen Titeln keinen Finger rühren würden. Das werde durch die vielen Freiheiten bei der Arbeit ausgeglichen, und in Berlin sei ja sowieso alles günstiger, erklärt Augstein, und das klingt nicht besonders überzeugend. Es ist vor allem ein Kompromiss, um die Kosten nicht explodieren zu lassen. Aber auch einer, der nicht zu dem Anspruch passt, mit dem der neue „Freitag“ gemacht werden soll.

„Das, was wir vorhaben, fehlt im Markt bisher“

Das Risiko, das Augstein eingeht, ist in jedem Fall ein hohes, nicht nur aus finanziellen Gründen. Mit zwanzig Redakteuren eine Wochenzeitung und eine tägliche Berichterstattung im Netz stemmen zu wollen, die von den Redakteuren im Dialog mit den Lesern moderiert werden soll, ist – höflich formuliert – ehrgeizig. Und noch ist ja gar nicht klar, ob der neue „Freitag“ tatsächlich die diskussionsbereiten Nutzer bekommt, die er sich wünscht, oder ob diese im generellen Gemotze untergehen, das sich schon jetzt vielerorts im Netz breitgemacht hat.

Dafür, dass am 5. Februar alles fertig sein muss, macht Augstein derzeit noch einen relativ entspannten Eindruck. An diesem Wochenende ist er zum Streichen in den Kindergarten bestellt. Und vor fünf Wochen ist er zum dritten Mal Vater geworden. Aber irgendwie scheint das alles kein Problem zu sein, auch wenn manch einer, der schon mal mit ihm zusammengearbeitet hat, sich daran erinnert, dass das für die Kollegen ganz schön anstrengend sein kann, wenn in brenzligen Momenten plötzlich der Chef nicht da ist. An Optimismus fehlt es Augstein jedenfalls gerade nicht. „Ich glaube, ich kann das. Ich glaube, wir sind gut. Und das, was wir vorhaben, fehlt im Markt bisher“, sagt er. „Das ist, wie wenn man in der Garage einen Motor zusammenbauen und nachher keine Schraube übrig haben will.“

Das hört sich nun wirklich nicht nüchtern an. Sondern einfach überzeugt und ehrlich begeistert.

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