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: Jahrmarkt der Bilder

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Es war keine geringe Sensation, als das Museum Ludwig vor gut anderthalb Jahren die Sammlung "Agfa Foto-Historama" - bis dahin als Dauerleihgabe im Haus - für 3,2 Millionen Euro erwerben konnte und damit seinen Ruf als Deutschlands Heimstatt für Fotografie untermauerte.

          Es war keine geringe Sensation, als das Museum Ludwig vor gut anderthalb Jahren die Sammlung "Agfa Foto-Historama" - bis dahin als Dauerleihgabe im Haus - für 3,2 Millionen Euro erwerben konnte und damit seinen Ruf als Deutschlands Heimstatt für Fotografie untermauerte. Es ist eine grandiose Sammlung mit insgesamt elftausend Fotografien, Alben, Büchern und Archivmaterialien, und man wundert sich nicht, daß sie Anfang vorigen Jahres in das Verzeichnis national wertvollen Kulturguts eingetragen wurde.

          Nachdem längst einzelnen Schwerpunkten der Kollektion eigene Bilderschauen gewidmet worden sind oder die Aufnahmen andere Ausstellungen unterfütterten, etwa die der Ägyptenfotos von Maxime Du Camp, der Porträts von David Octavius Hill und Robert Adamson oder die großartige Einführung in die Frühzeit der Fotografie, "Silber und Salz", stellt nun die Ausstellung "Tatsachen" in einem wahrhaft überwältigenden Überblick die ursprüngliche Idee der Sammlung vor. Ins Zentrum stellt sie deshalb Erich Stenger, der die Bilder von 1906 bis in die fünfziger Jahre zusammengetragen hatte, ehe er sie dem Fotounternehmen Agfa für hundertzwanzigtausend Mark verkaufte, verbunden mit der Hoffnung, es würde ihnen ein Museum eingerichtet. Das geschah auch, allerdings erst 1974, siebzehn Jahre nach dem Tod Erich Stengers. Untergebracht wurde es in der neunten Etage des Agfa-Verwaltungsgebäudes in Leverkusen. Bilder aus der Zeit lassen es als ein Sammelsurium mit schräg gestellten Stellwänden, reichlich Tischchen und Vitrinen sowie allerhand optischen Instrumenten erscheinen - fast so, als sei es eine Technikausstellung. Man muß sich nicht wundern.

          Denn auch die Ausstellung jetzt im Museum Ludwig läßt keinen Zweifel an dem umfassenden Wissen Stengers, und sie deutet mit höflicher Zurückhaltung die Fortüne an, dank derer ihm ganze Konvolute von Fotografien - nicht selten von buchstäblich hochherrschaftlicher Provenienz - in die Hände fielen. Nur von Leidenschaft ist nirgendwo die Rede, im Gegenteil. Im Katalog heißt es, Stenger habe sich stets als "forschender und kritischer Sammler" verstanden und seine Sammlung "nach Chronolgie, Technik und Anwendungsgebieten des Mediums" geordnet - ein Konzept, welches die Kuratoren von "Tatsachen" nun ebenfalls übernommen haben. Sie tun sich damit keinen Gefallen. Selten wohl wurde ein solcher Schatz von Hunderten großartiger Aufnahmen aus gut hundert Jahren Fotografiegeschichte weniger sinnlich präsentiert.

          Didaktisch in knapp siebzig Sektionen unterteilt, verbreitet die Ausstellung den Charme eines Nachschlagewerks. Mal bedeutenden, mal weniger bedeutenden Fotografen gewidmete Kapitel wechseln sich ab mit Themen wie "Schlösser und Herrensitze in Mecklenburg", "Ereignisfotografie im neunzehnten Jahrhundert" oder "Die frühe Farbe". Dabei hängen die Bilder, allesamt einigermaßen identisch gerahmt, in kaum überschaubarer Fülle dicht an dicht an den Wänden, gerade so, als habe man sich an der Präsentationsform der fotografischen Leistungsschauen des neunzehnten Jahrhunderts orientiert, deren sinnbetäubenden Hängungen hier im übrigen mit einer Reihe von Dokumentarfotografien ebenfalls ein eigener Abschnitt gewidmet ist - darunter überraschenderweise eine Aufnahme von Alfred Stieglitz.

          Daß tausend Fotos mehr sagen als ein Wort, bedarf keiner Ausführung. In dieser Ausstellung aber verliert sich die Darstellung trotz aller systematischen Strenge in einer Geschwätzigkeit, die vom Hölzchen zum Stöckchen kommt und dabei viel zu oft auch Themen Raum gibt, die der Fotografie nur nahe sind. Alles wird angedeutet, nichts wird hervorgehoben: hier ein Stich aus dem achtzehnten Jahrhundert mit der schematischen Darstellung einer Camera obscura, dort ein Plakat von 1930 mit der verzerrten Zeichnung eines rasenden Fotoreporters auf seinem Motorrad. Etliche Sensationen, allen voran das Album mit zweiundzwanzig Kalotypien, das William Henry Fox Talbot, als Erfinder des Negativs einer der Pioniere der Fotografie, 1844 Alexander von Humboldt vermachte, verlieren sich im Einerlei. Was eine Kabinettausstellung hätte werden müssen, wurde zum Jahrmarkt. Freddy Langer

          "Tatsachen", Museum Ludwig, bis 13. August. Der Katalog, erschienen im Steidl Verlag, kostet 32 Euro.

          Quelle: F.A.Z., 22.07.2006, Nr. 168 / Seite 37

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