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Jahreswechsel in der Türkei : Noel Baba

Zur Bestürzung frommer Muslime driftet die türkische Neujahrstradition, sich gegenseitig kleine Geschenke zu machen, immer mehr in Richtung des christlichen Weihnachtsfestes: Gemeinsam schmückt die Familie am 31. Dezember einen Tannenbaum, und „Noel Baba“ verteilt Geschenke.

          Weihnachten war schön, Silvester auch. Doch jetzt ist endlich Schluss mit dem Brimborium. Keine hektischen Einkäufe mehr kurz vor Ladenschluss, vorbei der weihnachtliche Musikterror in der Innenstadt. Die Nikolauskostüme sind wieder im Schrank, der Weihnachtsbaum wandert spätestens (aber wirklich allerallerspätestens!) nach den Heiligen Drei Königen vor die Tür.

          In der Türkei wird man dagegen etwas länger brauchen, um sich von all dem zu erholen: Dort bebte der Lichter- und Einkaufsrummel bis in die Silvesternacht. Auch die Nikoläuse hatten noch alle Hände voll zu tun. Unsereins wollte sich in Istanbul die Augen reiben: Weihnachtsmänner in roter Robe und Wallebart, Menschen, die Tannenbäume nach Hause tragen. Statt Glockengeläut schallte über allem der Ruf des Muezzins. Kleine Geschenke – sehr beliebt ist rote Unterwäsche – macht man sich in der Türkei schon lange.

          Von oben zuckt kein Blitz

          Zur Bestürzung frommer Muslime driftet diese Neujahrstradition aber immer mehr in Richtung des christlichen Weihnachtsfestes: Gemeinsam schmückt die Familie am 31. Dezember einen Tannenbaum, und „Noel Baba“ verteilt Geschenke. Wer Neujahr wie Heiligabend feiere, sei gottlos, giften deshalb islamische Internetseiten. Auch das staatliche türkische Religionsamt reagierte alarmiert: Das alles spiele „der christlichen Missionsarbeit“ in die Hände.

          Ebenso zieht das nationalistische Lager gegen die „Noel Babas“ zu Felde – Agenten des westlichen Kulturimperialismus lautet sein Urteil. Die meisten Türken schert das wenig. Sie kopieren einfach, was Freude macht, sagen statt Weihnachtsbaum „Neujahrsbaum“ und sind für die Unkenrufe taub.

          Nun hat ein bezaubernder türkischer Kinofilm, „Neeli hayat“, auf dieses Durcheinander reagiert: Der arbeitslose Pechvogel Riza Senyurt nimmt einen Job als „Noel Baba“ in einem Istanbuler Einkaufszentrum an. Was ein Weihnachtsmann eigentlich macht, weiß er nicht genau, seine „Ho, Ho, Ho“ – Rufe klingen eher, als besänftige er ein Pferd, und ständig muss er sich Vorwürfe seiner konservativen Familie anhören. In einer Szene warten er und seine ähnlich gebeutelten Kollegen, alle schon im Nikolauskostüm, auf ihren Arbeitseinsatz, als ein fünfter „Noel Baba“ kommt. „Salam aleikum“ brummt er müde. „Aleikum salam“ grüßen die andern zurück, mit der muslimischsten aller Begrüßungsformeln. Und von oben zuckt kein Blitz, der sie erschlägt. Ein besseres Zeichen für das neue Jahr kann es kaum geben.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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          Quelle: F.A.Z.

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