2002 war ein besonders schlechtes Jahr für den deutschen Film. Der Marktanteil der einheimischen Kino-Produktionen dürfte die Zehn-Prozent-Marke am Jahresende nur knapp überschreiten, könnte aber sogar darunter liegen.
Denn gegen die nun in kurzen Abständen gestarteten Publikumsmagneten „James Bond, „Harry Potter“ und „Der Herr der Ringe“ gibt es keinen einzigen deutschen Streifen mehr, der chancenreich mit diesen internationalen Kassenhits konkurrieren könnte.
Es ist ohnehin kein gutes Zeichen für das nationale Filmschaffen, wenn ein mittelmäßiger Kinderfilm wie „Bibi Blocksberg“ mit rund zwei Millionen Besuchern zum erfolgreichsten deutschen Film 2002 wird. Denn die Mehrzahl der Kinogänger im alternden Deutschland sind nun einmal Erwachsene, die aber in der Regel die Ware aus Hollywood der einheimischen Kost vorzogen.
Sehnsucht nach Manitu
Nie im zu Ende gegangenen Jahr stand eine deutsche Produktion ganz an der Spitze der aktuellen Hitparade der kommerziell erfolgreichsten Filme. Das war 2001 noch ganz anders gewesen mit dem sensationellen Erfolg der Western-Groteske „Der Schuh des Manitu“, die inzwischen fast zwölf Millionen Zuschauer verzeichnet. Dank „Manitu“ wurde 2001 ein Markanteil von 18,4 Prozent erreicht, also fast das Doppelte der 2002 zu erwartenden Prozentzahl.
Allerdings muss dabei beachtet werden, dass in der offiziellen Statistik der Filmförderungsanstalt in Berlin Produktionen einbezogen werden, die mit Geldern aus deutschen Quellen finanziert wurden, ansonsten aber beim besten Willen nicht als deutsche Filme gelten können. Das betraf 2001 den französischen Kinohit „Die fabelhafte Welt der Amélie“ und betrifft 2002 zum Beispiel den Actionthriller „Resident Evil“. Immerhin rund eine Million Deutsche, die nun die Statistik aufbessern, schauten sich diesen für den internationalen Markt konzipierten Film mit ausländischen Darstellern und US-Team an.
Debakel für Dominik Graf
Künstlerisch wie kommerziell der überzeugendste deutsche Film 2002 waren Caroline Links Romanverfilmung „Nirgendwo in Afrika“, den 1,3 Millionen Zuschauer sahen, sowie Andreas Dresens präzis-witzige ostdeutsche Sozialstudie „Halbe Treppe“. Zwar fanden bislang nur 300.000 Besucher in diesen bei der Berlinale im Februar mit einem Silbernen Bären ausgezeichneten Film. Doch ist das eine vergleichsweise hohe Zahl für eine ambitionierte Produktion. Viel schlechter erging es den beiden anderen deutschen Beiträgen im Berlinale-Wettbewerb: „Baader“ von Christopher Roth zählte nur 23.000, „Der Felsen“ von Dominik Graf gerade mal 42.000 Zuschauer.
Doch auch Tom Tykwers neues Werk „Heaven“, die erste in englischer Sprache gedrehte Produktion des Filmemachers von „Lola rennt“, blieb mit rund 420.000 Besuchern weit unter den viel höheren Erwartungen. Hingegen übertraf Sandra Nettelbecks unterhaltsame Kochgeschichte „Bella Martha“ mit 450.000 Kinogängern die in diesen Film gesetzten Hoffnungen deutlich. Noch wichtiger aber ist der Erfolg von „Bella Martha“ im Ausland, wo der Streifen mit Martina Gedeck in der Titelrolle ausgerechnet auf dem für Importware so schwierigen amerikanischen Markt sein dankbares Publikum gefunden und fast vier Millionen Dollar eingespielt hat.
Ruf nach Reformen
Dieser feine Überraschungserfolg kann nicht die Misere verdecken, in dem der hochsubventionierte deutsche Kinofilm trotz aller Diskussionen und verschiedener Ansätze zur Belebung steckt. Der Produzent Günter Rohrbach hat erst jüngst dazu kritische Bemerkungen verfasst, die viele Kenner der einheimischen Filmbranche teilen können: „Das Elend des Gremienkinos wird seit Jahren beklagt, eine Reform wäre überfällig.“ Als positives Beispiel führt Rohrbach das Nachbarland Frankreich und seine blühende Filmkultur an. Doch es fällt gerade nach der trüben Bilanz des Kinojahrs 2002 schwer, noch Hoffnung auf eine positive Wende im deutschen Film zu hegen.