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J. D. Salinger wird neunzig : Macht damit, was ihr wollt!

J. D. Salinger auf einer undatierten Fotografie Bild: AP

Um ein Gefühl für J. D. Salinger zu bekommen, sollte man seine besten Stories lesen: Zum neunzigsten Geburtstags eines Autors, der seit vielen Jahren nur noch zum eigenen Vergnügen schreibt und nichts mehr veröffentlicht.

          Literarisch schweigt er seit 1965, als seine letzte Erzählung erschien. Die späteste verfügbare Fotografie zeigt einen Alten mit wutverzerrtem Gesicht dicht vor dem Objektiv des Fotografen, der ihm mit der Kamera zu nahe gekommen ist – ein unschöner, indiskreter Augenblick und eine beredte Anklage unseres neuigkeitsbesessenen Zeitalters. Man sollte sich schämen, dieses Foto zu betrachten.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Aber die Welt lässt J. D. Salinger, den Autor des Bestsellers „Der Fänger im Roggen“ (1951), nicht in Ruhe. Bei dem erfolgreichen Versuch, die Veröffentlichung einer Biographie zu verhindern, die aus seinen unveröffentlichten Briefen zitierte, gab Salinger gerichtlich so viel zu seiner Person zu Protokoll, wie man wohl je aus ihm herauskriegen wird. Sie sei undefinierbar, seine Tätigkeit am Schreibtisch, sagte er dort. Er arbeite „mit Figuren“, und je nachdem, wie diese sich entwickelten, arbeite er weiter. Bücher könne man das nicht nennen, hieß das. Und ans Veröffentlichen denke er ohnehin nicht. Oder wie er es zuvor einmal formuliert hatte: „Ich schreibe gern. Ich liebe es, zu schreiben. Doch ich schreibe nur für mich und zum eigenen Vergnügen.“

          Sprudelnde Gerüchte

          Es ist eine Botschaft, die in der Kulturindustrie einfach nicht ankommt. Dabei müsste es allmählich reichen: Morgen, am 1. Januar, wird der Schriftsteller neunzig Jahre alt. Lässt man die periodisch sprudelnden Gerüchte außer acht, er arbeite heimlich am großen amerikanischen Roman unserer Tage oder habe zwei druckreife Typoskripte in der Schublade, hatten alle neueren Nachrichten zu Salinger mit seinem Privatleben zu tun, genauer, mit den zähen Versuchen der Mitwelt, den widerborstigen Mann ins Licht der Öffentlichkeit zurückzuzerren. Inzwischen haben eine Ex-Freundin und seine Tochter Bücher über ihn geschrieben, die einen von Kontrollwahn und Paranoia zerfressenen Eremiten zeigen. Andererseits könnte es ähnlich unangenehme Menschen in unserer Nachbarschaft geben, nur dass niemand Bücher über sie schreibt. Vielleicht sollte man sich an einen Satz von William Gaddis halten, der die Hauptfigur seines Romans „Die Fälschung der Welt“ sagen lässt: „Was ist der Künstler anderes als der Bodensatz seines Werks? Was bleibt von ihm übrig, wenn seine Arbeit getan ist?“

          Es erschien1951 und machte seinen Autor berühmt: „Der Fänger im Roggen”.
          Es erschien1951 und machte seinen Autor berühmt: „Der Fänger im Roggen”. : Bild: Time & Life Pictures/Getty Image

          Um ein Gefühl für J. D. Salinger zu bekommen, muss man seine besten Stories lesen. Zum Beispiel „Ein perfekter Tag für Bananenfisch“, die erste seiner „Neun Erzählungen“ aus dem Jahr 1953. Während seine Frau sich im Hotelzimmer die Fingernägel lackiert, liegt der junge Seymour Glass allein an einem entlegenen Stück Strand. Aus der Art, wie die vierjährige Sybil Carpenter ihn dort anspricht, schließen wir sofort, dass zwischen den beiden ein Verständnis besteht, das die restliche Welt aussperrt. Ein paar Seiten plaudern sie so dahin, gehen ins Wasser, gehen wieder hinaus, und es liest sich wunderbar, wie der erwachsene Mann zum Spielkameraden des kleinen Mädchens wird. Später, als Seymour wieder im Hotelzimmer ist, wo seine Frau schlafend auf dem Bett liegt, holt er die Pistole aus dem Koffer und erschießt sich.

          Kultische Verehrung für einen Roman

          Dieser Selbstmord bleibt eines der großen Rätsel in Salingers Werk, der Fluchtpunkt aller Überlegungen zu seinen phantasiebegabten Kindern und alleingelassenen Jugendlichen: Die Welt der Erwachsenen ist ein schrecklicher Ort, und wer sie einmal betreten hat, kommt nicht mehr zurück. Eine weitere große Erzählung – „Für Esmé mit Liebe und Unrat“ – lässt keinen Zweifel daran, dass Salingers männliche Hauptfiguren die alles verdunkelnde Erfahrung des Autors in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs teilen. Salinger erlebte die unsagbar verlustreiche Schlacht im Hürtgenwald, die Ardennenoffensive und die Landung der Alliierten in der Normandie. Kaum war der Krieg zu Ende, erlitt er einen Nervenzusammenbruch.

          Bei vielen amerikanischen Schriftstellern hinterließ die schiere Dimension des Tötungsbetriebs Spuren im literarischen Werk, von Norman Mailer bis zu Joseph Heller und Kurt Vonnegut. Doch niemand hat das, was er im Krieg sah, so zwanghaft mit einem Bann belegt wie Salinger. Als könnte er schreibend wieder unschuldig werden und vergessen, was ihm unauslöschlich ins Gedächtnis gegraben ist, schafft er in seinen Erzählungen Kinderfiguren, die die moralische Heuchelei der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft nicht mit Worten, sondern durch Gesten, Träumereien und Schweigen verurteilen. Auch Holden Caulfield, der jugendliche Held des „Fängers im Roggen“, ist ein depressiver Misfit auf einer Odyssee durch New York. Mehr als alles andere ist es sein schnodderiger Ton, der den Außenseitern dieser Welt zu verstehen gibt: Hier spricht einer von euch. Öfter, als man später wahrhaben will, gehörte jeder Einzelne von uns auch einmal dazu, zumindest in der eigenen Phantasie. Dass die Jugend eine Hölle sein kann, erklärt die kultische Verehrung, die der Roman unter Aufwachsenden genießt. Bis heute wurden mehr als fünfzehn Millionen Exemplare verkauft.

          Unheimliches Nachleben eines Buchs

          Alfred Kazin hat schon 1961 in einem Essay von exquisiter Herablassung gesagt, was ihn an Salinger stört: Seine Jugendlichen seien so süß, charmant und sensibel, dass man wohl annehmen müsse, ihr Schöpfer empfinde sich gegenüber dem Rest der Gesellschaft als etwas Besseres. Auf unheimliche Weise hat das Nachleben des „Fängers im Roggen“ jedoch seine eigene Dynamik entwickelt. Der Roman fungiert offenbar als Passwort und Geheimcode von derangierten Einzelgängern. Nicht nur Mark David Chapman, der Mörder John Lennons, trug den „Fänger“ in der Tasche, auch John Hinckley Jr., der das Attentat auf Ronald Reagan verübte, hatte ein Exemplar in seinem Hotelzimmer liegen. Erklären lässt sich das nicht. Und der Autor würde vielleicht sagen: Macht damit, was ihr wollt.

          Quelle: F.A.Z.

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