Italien ist ein altes Land. Nirgendwo sonst hat sich im Lauf der Jahrhunderte so viel Kultur angesammelt. Das ist amtlich verzeichnet, nicht nur mit den meisten Unesco-Welterbe-Stätten (fünfundvierzig), sondern auch in einem nagelneuen Rapport des nationalen Rechnungshofes. Freilich kann man sich streiten, ob die 3430 staatlichen Museen, die knapp zwölftausend Kirchen und Klöster, die 40 000 Schlösser und Burgen sowie 30 000 historischen Paläste, viertausend Gärten und Parks, dazu die tausend historischen Altstädte für das Land eher Fluch oder Segen bedeuten.
Finanzen und Lebenserwartung
In den Sonntagsreden müssen die „beni culturali“ als Ressource herhalten, als italienisches Erdöl sozusagen, das Kulturtourismus, Kunstproduktion, Forschung, Lebensqualität voranbringt. Der Rechnungshof hat sogar ermittelt, dass etwa die Uffizien in Florenz viel besser ausgelastet sind als der Louvre in Paris, weil am Arno zwar nur vierzig Prozent aller Kunst ausgestellt werden, sich dafür aber übers Jahr 45,8 Besucher pro Quadratmeter den knappen Platz teilen - Weltrekord! Für so viel Kulturdichte opfert Italien sehr wenig Volksvermögen.
In den vergangenen Jahren hat sich der Anteil am Bruttosozialprodukt mindestens halbiert. Die Franzosen geben fünfmal mehr für ihren Kulturetat aus als die Italiener, und die Deutschen erhöhen sogar die Zahlungen. Wer weniger historische Schätze hat, so könnte man folgern, lässt sie sich eben gern mehr kosten. Nun ist das „Belpaese“ nicht nur historisch ein altes Land, sondern auch demographisch. Und da hat sich die Abwärtskurve der Finanzen längst mit der Aufwärtskurve der Lebenserwartung überschnitten. Grassierende Arbeitslosigkeit unter Jüngeren ist die Folge.
Es gibt zwar ein „Gesetz zur Förderung junger Arbeitskräfte im öffentlichen Dienst“, doch das datiert von 1977. Damals hat man in Bibliotheken und Museen quasi jeden eingestellt, der schreiben oder wenigstens ein bisschen lesen konnte. Heute finden selbst Hochqualifizierte keinen Hilfsjob mehr. Für das bedeutende Staatsarchiv in Neapel hat der Publizist Giuseppe Galasso jetzt die Rechnung vorgelegt. Dort drängelten sich vor wenigen Jahren 130 Mitarbeiter, heute sind es noch gut sechzig. Und weil deren Altersschnitt bei sagenhaften sechzig Jahren liegt, wird fast das gesamte Personal sehr bald in Pension gehen.
Weil es gleichzeitig einen Einstellungsstopp gibt, werden dann sechs Mitarbeiter übrig sein. So ist das mit dem Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben: Alte Länder sind schön. Aber auch nah am Verfallsdatum.
Im Jahre 2014
Carsten Berg (Carberg)
- 11.07.2012, 08:43 Uhr