20.08.2008 · Endlos verlängerte Kaffeepausen, Einkäufe während der Bürozeiten, Strandurlaub auf Kosten des Staates: Ein venezianischer Revisor macht Italiens notorisch lahmen Staatsdienern Beine.
Von Dirk Schümer, VenedigEin Gespenst geht um im sommerlichen Italien, und es hat zwei Gesichter. Einerseits zeigt es die Angst der Beschäftigten im öffentlichen Dienst vor Überwachung und Schikane. Auf der anderen Seite präsentiert es ein lächelndes Antlitz der Hoffnung. Denn da reiben sich Millionen Italiener die Augen über den Feldzug der Regierung Berlusconi für mehr staatliche Effizienz. Sollte es tatsächlich glücken, die notorisch lahme Verwaltung zu straffen, nachdem Dutzende von Regierungen vor den mächtigen Gewerkschaften und regionalen Interessenvertretern kapituliert hatten? Renato Brunetta, dem neuen Minister mit dem merkwürdigen Portefeuille für „öffentliches Funktionieren“, ist es ernst mit seiner „Jagd auf Nichtstuer“. Das italienische Pendant dieses Wortes – „fannullone“ – ist über Generationen zum Inbegriff geworden für eine Verwaltung, die, anstatt den Bürgern zu dienen, diese oft genug nur als lästige Bittsteller kujoniert.
Wer noch nie frühmorgens in einer Schlange an einer italienischen Meldestelle stundenlang ausgeharrt hat, um Dutzende von Vermittlern begleitete Bevorzugte geisterhaft an sich vorbeiziehen zu lassen, der weiß nichts von den Raffinessen der italienischen Bürokratie. Postschalter, an denen ostentativ Unbeschäftigte hinter einem Schild mit der Aufschrift „geschlossen“ ins Leere starren, während nebenan die Kunden in langer Schlange leiden; plötzlich, aber immer zur Stoßzeit im Rathaus anberaumte Belegschaftsversammlungen; Baugenehmigungen, die im Dschungel der Ämter jahrelanges Nachhaken benötigen – das sind auch abseits von alltäglicher Kleinkorruption Malaisen des Dienstleistungsstaates, mit denen sich alle Italiener herumschlagen müssen. Erst in den stickigen Fluren italienischer Behörden wird deutlich, dass keineswegs die peniblen Preußen, sondern die Römer eine fast ausschließlich mit sich selbst beschäftigte Administration erfunden haben.
Der arme Fantozzi
In Italien hat die lahmliegende Verwaltung, die das Land jährlich viele Milliarden Euro kostet, gar einen eigenen Menschentypus hervorgebracht: den Fantozzi. Das ist in einer Serie von Filmkomödien der Name eines kleinen römischen Beamten, der glücklos und unauffällig in einer anonymen römischen Riesenbehörde sitzt und in den Tücken des Systems verlorengeht. Während eine Unzahl von Bürokollegen mit privaten Telefonaten, Einkäufen, Urlauben fröhlich ausgefüllt ist und jedes Publikum ausgeschlossen hat, wird gar nicht bemerkt, wenn der arme Fantozzi wieder einmal von seinem ignoranten Chef gefoltert wird oder er für Tage in einem Lichtschacht verschwindet. Fantozzi – allein das Wort verkörpert für alle Italiener einen typischen Beamten, der selbst nicht erklären kann, womit sich seine abstruse Behörde überhaupt befasst.
Und mit dieser vollentwickelten Unternehmenskultur des Fannullonismus soll nun, nach Generationen, die in den Genuss immer neuer, immer schwerer durchschaubarer Privilegien von Frühpensionierung, Krankschreibung, Sonderurlaub, Fortbildung kamen, auf einen Schlag Schluss sein? Renato Brunetta will es jedenfalls so. Vor ein paar Tagen präsentierte der kleinwüchsige Venezianer, der äußerlich in nichts dem Großinquisitor Torquemada gleicht, als den ihn die Medien beschreiben, seine neuesten Zahlen. Die besagen, dass die krankheitsbedingten Abwesenheiten im öffentlichen Dienst im Vergleich zum Vorjahr um nicht weniger als 37 Prozent zurückgegangen sind.
„Staunenswerte Zahlen“
Diese – so der Minister süffisant – „staunenswerten Zahlen“ sind auf neue Dekrete und Gesetze zurückzuführen, die eine Krankschreibung durch den Arzt vom ersten Tag an obligatorisch machen, die Lohnkürzungen für Krankheitstage vorsehen, die bei der dritten Krankheit pro Jahr den Gang zum Amtsarzt vorschreiben. Solche klaren, doch für italienische Verhältnisse revolutionären Maßnahmen hatte Brunetta schon nach seiner Vereidigung den Medien in den Block diktiert, was in den verbleibenden Tagen des Mai zu einem vorauseilenden Rückgang der Ausfalltage um elf Prozent geführt hatte. Im Juni war es dann ein Minus von zwanzig Prozent, im Juli – traditionelle Phase eines ermogelten Tages am Strand oder in den Bergen – erreichte das Arbeitsfieber die fabelhaften 37,1 Prozent – und das, obwohl Schulen und Universitäten wegen der dreimonatigen Ferienzeit noch nicht unter die siebzig Behörden fallen, die bei der Erhebung beteiligt waren.
„Wir werden als Staat offenkundig nicht nur effektiver“, lautete der sarkastische Kommentar der linken „Repubblica“, „sondern auch viel gesünder.“ In der Tat lässt sich der drastische Rückgang kurzer Erkrankungen nur durch eine vorher grassierende Unternehmenskultur des Absentismus erklären. Während italienische Staatsdiener pro Jahr und Kopf im Schnitt auf zwanzig Krankheitstage kamen, wurden Beschäftigte der Privatwirtschaft nicht einmal halb so oft krank. Brunetta, der längst auch von Oppositionsmedien für seine venezianische Lakonik und Furchtlosigkeit gegenüber dem römischen Schlendrian gelobt wird, hat es sich aufs Panier geschrieben, den Abgrund zwischen privater und staatlicher Effizienz zu schließen.
Verschüttete Sonderbestimmungen
Während in diesem Klima die lange allmächtigen Gewerkschaften sich auffällig mit Kritik zurückhalten, haben sich die ersten Beamtenverbände mit „Anti-Brunetta-Papieren“ zu Wort gemeldet. Hier wird auf verschüttete Sonderbestimmungen aufmerksam gemacht, nach denen es Staatsdienern erlaubt ist, im Dienst die Kinder zur Schule oder zum Arzt zu bringen, in der Arbeitszeit zur Apotheke aufzubrechen oder kranke Familienangehörige tagelang zu pflegen. Freilich ist zu erwarten, dass der streitbare Minister eher dankbar für Hinweise auf solche Schlupflöcher ist – um sie dann per Dekret ebenfalls zu schließen.
Unter Italienern war der laxe Umgang der Behörden mit den eigenen Pflichten ohnehin allbekannt – die endlos verlängerte Kaffeepause, der rituelle Einkauf während der Bürozeiten, der Strandurlaub auf Staatskosten. Genüsslich wurden jetzt in der Presse die ärgsten Missstände heruntererzählt, etwa wenn im Archäologischen Museum im sizilianischen Marsala alle siebenundzwanzig Beschäftigten nicht zur Arbeit erschienen; wenn in einem Sozialamt in Neapel eine ganze Abteilung wegfiel; wenn ein vermeintlich blinder Telefonist eines Krankenhauses in Apulien beim Zeitungslesen ertappt wurde; oder wenn die Angestellten in den Reparaturwerkstätten der Mailänder Verkehrsbetriebe ein florierendes Geschäft zur Herstellung hölzerner Hundehütten unterhielten. Die verbreitete Praxis, die Stechuhr mit allen Karten der Kollegen durch einen turnusmäßig Anwesenden zu betätigen, ist gerade acht Eisenbahnern in Genua nun zum Verhängnis geworden; sie wurden fristlos gekündigt – und die Gewerkschaften sprechen bereits verbittert von überzogener Strenge duch den „Brunetta-Effekt“.
Brunetta, der als Lokalpolitiker im traditionell linken Venedig jahrelang eine verheerende Wahlniederlage an die andere reihte, gehört plötzlich zu den politischen Aufsteigern Italiens. Er kann schließlich vorrechnen, dass jetzt täglich durch seine Maßnahmen fünfzigtausend Angestellte des Staates mehr zur Arbeit erscheinen als unter der vorherigen Regierung. Nun bleibt nur die Hoffnung, dass es in den Dienststellen für so viel Andrang überhaupt genügend zu tun gibt.
Italiens Verwaltungsmisere
Wilhelm Rggrt (Wilhelm29)
- 20.08.2008, 22:48 Uhr