12.12.2008 · Italien wählt sein Wort des Jahres, und das Rennen machen Wörter, die ganz unitalienisch klingen. „Yes-we-can“ liegt einsam an der Spitze, auch „Facebook“ ist gut plaziert. Wer will auch schon von „fallimento“ oder „recessione“ geplagt sein?
Von Dirk Schümer, VenedigZum Jahresausklang das „Wort des Jahres“ zu küren, gehört inzwischen ebenso zu den unvermeidlichen Dezemberbräuchen wie Weihnachtsmarkt, Fernseh-Jahresrückblick oder Adventskranzglühen. Wie wäre es, endlich einmal den Begriff „Wort des Jahres“ zum Unwort des Jahres zu krönen? Na ja, Spaß beiseite. Kaum ein nutzloser Brauch ist, einmal in der Welt, je wieder auszurotten. In Italien ruft derzeit die Tageszeitung „Corriere della Sera“ ihre Leserschaft auf, die durchschlagendste Wortkreation 2008 zu wählen.
Momentan liegt „Yes-we-can“ einsam an der Spitze. Aber es sind noch weitere Begriffe gut im Rennen, die durchschnittliche Italiener kaum aussprechen können. „Facebook“ zum Beispiel. Da mögen Pädagogen klagen, dass die Englischkenntnisse der italienischen Schüler hundsmiserabel seien; zu einem Wort des Jahres (eigentlich sind es ja zwei) wie „Special One“ reicht es dann aber gerade noch. Zur Information: Der ominöse Begriff meint den portugiesischen, in Britannien sozialisierten Fußballtrainer Mourinho, der eher hundsnormal als speziell in Mailand sein vieles Geld verdient.
Das Herz an die Hoffnung verloren
„Yes-we-can“, an das die optimistischen Italiener ihr Herz verloren haben, ist nun nicht nur kein Wort, ist nicht nur nicht Italienisch, sondern dem Ursprung nach wohl Spanisch. Als Motto einer latinoamerikanischen Gewerkschaft ist „Sí, se puede“, amerikanisiert durch einen Politiker kenianisch-hawaiischer Provenienz, in den globalen Sprachgebrauch gerutscht und würde in korrekter Übersetzung südlich des Brenners „Si, si può!“ klingen. Irgendwie genauso knackig, aber auch ähnlich beknackt wie das angelsächsische Original. Dabei dringt die italienische Sprache angesichts diverser florierender Miseren munter in andere Idiome vor. Nachdem „Mafia“ längst weltweit zum Markenzeichen wurde, hat durch Savianos Buch auch „Camorra“ reichlich Boden gutgemacht, dicht gefolgt von der auch in Deutschland agilen, wenngleich schwer auszusprechenden „'ndrangheta“. Alle drei Unwörter haben es, sieht man einmal von dem in Neapel beliebten Camorra-Derivat „rifiuti“ (Müll) ab, in der Umfrage des „Corriere“ leider nicht einmal auf die Vorschlagsliste geschafft.
Immerhin tragen einige Begriffe uritalienischer Provenienz der derzeitigen Weltlage Rechnung: „fannulloni“ (phantasievolle Drückeberger im Dienst). Oder „fallimento“ (klingt doch viel schöner als das deutsche „Bankrott“). Oder ganz unromantisch: „recessione“. Das ist mal ein Begriff, dem Politiker, Ökonomen und Verbraucher in diesem Dezember weltumspannend und inbrünstig entgegenrufen dürfen: „Yes-we-can!“