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Italienische Sumpfblüten Bunga-Bunga

 ·  Politopathologie nennen die Italiener das schamlose Schmarotzertum ihrer politischen Eliten, das nun endlich ans Licht kommt.

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Ist Mario Draghi der Comandante Schettino unserer gemeinsamen Währung? Ein italienischer Kapitän bei der Kreuzfahrt des Euro durch die schönsten Verschuldungsgebiete des Mittelmeeres wird sicher erst im passenden Moment von Bord gehen. Die politische Klasse Italiens sitzt beim lukrativen Captain’s Dinner dieweil weiter am Luxustisch. Seit Tagen können die Italiener bestaunen, wie sich die gewählten Vertreter der Region Latium Pöstchen, Spesen und Partys in wenig verschämter Weise vom Steuerzahler finanzieren ließen, dieweil eine nationale Regierung von Technokraten den Wählern und der Welt die Mär vom neuerdings sparsamen Italien verkauft. In den Regionen wird weiter munter gefeiert, ganz nach dem Vorbild des großen Patrons, der beim permanenten Bunga-Bunga auch nicht auf die Spesen schaute. Stimmungsvoll die Fotos einer spätrömischen Orgie zum Wahlsieg eines rechten Regionsvertreters in Cinecittà: „Heimkehr des Odysseus“ hieß 2010 die Party des drittrangigen Ex-Gewerkschafters; leichte Mädchen in geschürzter Toga trafen beim Wasserballett unter Pappmaché-Tempeln auf Jungpolitiker mit rosa Schweinemasken - und mittendrin die Regionspräsidentin Polverini, die jetzt widerstrebend abtrat. Notabene: Ihrem linken Vorgänger wurden die Dienstfahrten in ein Transvestitenbordell zum Verhängnis. Sollte die Zeit getürkter Millionenspesen für Flüge, Austern, Schampus und Bordelle vorbei sein?

Kokain im Dienstwagen

Nun purzeln in Latium auch die Gefolgsleute von Polverinis Rivalen Tajani, der nicht zufällig als Vizepräsident der EU-Kommission Europas Industriesubventionen verwaltet. Gleichzeitig mit der auch in Brüssel wild feiernden Latium-Gang kommt ans Licht, wie der Poststellenleiter des italienischen Senats mit parlamentarischen Dienstwagen die Kokainmafia Roms bediente. „Politopathologie“ wird das schamlose Schmarotzertum der gesamten Parteienkaste von links bis rechts in Italien genannt. Nur im Norden will man nicht verstehen: Politik hat am Mittelmeer nichts mit Überzeugungen und Gemeinwohl, sondern alles mit Klientelismus und Bereicherung zu tun. Mario Draghi wurde seinerzeit Chef der italienischen Zentralbank, als die Staatsanwalt gegen seinen Vorgänger wegen Bestechung ermittelte. Eines wussten schon die späten Römer bei ihren Feldzügen bis zur Nordsee: Was sind die Fleischtöpfe Latiums und Italiens gegen die eines ganzen Kontinents?

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Venedig.

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