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Italien Uns schmeckt’s

Wenn die Italiener die Parlamente verkleinern müssen, setzen sie erst einmal eine Kommission zur Verkleinerung der Parlamente ein. So entsteht die teuerste Demokratie der Welt.

Dieser Tage in einem kleinen, feinen Restaurant in der toskanischen Provinzstadt Arezzo. Zum Mittag ist kaum etwas los, nur zwei weitere Tische sind besetzt mit Herrschaften im Anzug. Klar, die Finanzkrise hat Italien im Griff: Jugendarbeitslosigkeit, sinkende Renten, Entlassungen. Wer soll sich da noch ein Pranzo leisten? Zumal wenn im November die Touristen weg sind. Im Übrigen ist die Stimmung gelöst und fidel; man hat Zeit. Schließlich ist jetzt die Saison der Wildschweinpasta und der toskanischen Kastanien, dazu Rotwein und hinterher Dolce. Draußen warten im Halteverbot gleich diverse der berüchtigten „macchine blu“, das sind die unauffällig-auffälligen Dienstwagen der italienischen Herrscherkaste. Zum Essen sind heute ausschließlich „Onorevoli“ gekommen, also irgendwelche Abgeordnete, Staatssekretäre, Unterminister, Consiglieri aus Provinzen und Regionen samt jungen Sekretärinnen und Assistentinnen.

Grazie, Ministro!

Dirk Schümer Folgen:  

Als die zwei Tischgemeinschaften aufstehen, wird nicht bezahlt, das regelt man anderswo und anderswie. „Grazie, Ministro“. Dann spurten die im Kalten wartenden Chauffeure herbei, fahren vor, sperren die Straße, damit die Politiker auch nicht fünf Schritte zum geöffneten Wagenschlag gehen müssen. Ein ganz normaler Arbeitstag in der politischen Provinz geht zu Ende. Kein anderes Land der Welt außer Italien leistet sich so viele und so teure Politiker, so üppig gepolsterte Dienstwagen mit Personenschutz bis zum Lebensende für ähnlich viele Privilegierte.

Die teuerste Demokratie der Welt

Die Sparmaßnahmen der Regierung Monti sahen immerhin vor, die beiden nationalen Parlamente um rund 180 Sitze zu verkleinern. Darüber kam es unter den 945 Onorevoli leider zu keiner Einigung. Schließlich hat auch in der Biologie noch nie ein Parasit freiwillig sein Wirtstier geschont. Warum also in der Politik? Nun erfolgte der einmütige Beschluss: Eine Kommission mit neunzig Mitgliedern zur Verkleinerung der Parlamente wird eingesetzt. Jeder neue Onorevole erhält für ein Jahr dieselben Gelder und Privilegien eines Parlamentariers. Und bis dahin hat Landsmann Draghi sicher genug Geld nachgedruckt. Für zwanzig Millionen Euro also neunzig anspruchsvolle Esser mehr in der teuersten Demokratie der Welt. Wer redet da noch von Krise? Buon appetito!

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 25.11.2012, 16:01 Uhr

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