Home
http://www.faz.net/-gqz-14liz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Italien Universitär-mafios

01.12.2009 ·  Das Wunder der europaweiten Reform scheint in Italien darin zu bestehen, dass in Bologna-Land, wo 1088 die erste Universität Europas gegründet wurde, überhaupt noch studiert werden kann.

Von Dirk Schümer
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wenigstens unter zwei Rubriken ist Italien in Europas Hochschulwesen führend: Mit der Universität Bologna kann das Land die älteste Lehranstalt Europas vorweisen. Und „La Sapienza“ (Die Weisheit) in Rom soll, passend zum Namen, immer noch Europas größte Universität sein. Bei so ziemlich allen anderen Rangordnungen, von schulischen Leistungstests bis zur baulichen Instandhaltung liegt Italien in Europa hingegen recht abgeschlagen hinten. Der Bologna-Prozess, durch den das Mutterland des Humanismus der Abwicklung des Humanismus seinen Namen mitgab, hat denn auch gravierende Probleme des gesamten Systems schmerzlich offenbart.

Wie immer in Italien lässt sich die Lage am treffendsten mit einem Paradox beschreiben: Es gibt zu wenig Geld für eine angemessene Universitätsausbildung. Und es gibt viel zu viel Geld, als dass es nicht mit landestypischer Kreativität systematisch aus den Etats geplündert und zweckentfremdet würde.

5500 unterschiedliche Studiengänge: eine riefe Leistung

Seit Jahren macht etwa das Nachrichtenmagazin „Espresso“ auf absurde Missstände der „universitären Mafia“ aufmerksam. So geriet beispielsweise der Lehrbetrieb im beschaulichen Abruzzenstädtchen Celano ins Visier, wo siebzehn Studenten bei sieben Professoren Agrartechnik lernen sollen. Immerhin unterhalten die neunzig Universitäten des Landes 330 Dependancen auf dem Land, was sehr nach geschickter Strukturpolitik aussieht. Durch „Bologna“, das in Italien freilich auf den Namen „3+2“ hört, war dem Einfallsreichtum beim Erfinden neuer Studiengänge - von Hygiene der Katze bis Geschichte der Frauenbewegung - dann keine Grenze mehr gesetzt, da die Vergabe faktisch an die lokale Autonomie - also an die Bevorrechtigten selbst - delegiert worden war.

Derzeit soll es 5500 unterschiedliche Studiengänge mit je eigenen Qualifikationen geben, was selbst für ein Land, in dem jeder Gymnasialabgänger „Dottore“ gerufen wird, als reife Leistung erscheint. Noch unter der letzten Regierung Prodi blähten linke Seilschaften den ohnehin gewaltigen Wasserkopf der stark überalterten Professorenschaft so noch einmal ins Unermessliche. Bei Stichproben fanden Publizisten Lehrstühle wie den eines Universitätsrektors, der sämtliche Stellen seines Instituts einschließlich des Sekretariats mit Familienangehörigen besetzt hatte und dies auch noch listig mit der genetischen Überlegenheit von Professorenkindern rechtfertigte. Auch in Norditalien ist in Instituten, bei denen sich gewöhnlich um die siebzig Professoren um dasselbe Fach drängeln, schamloseste Vetternwirtschaft längst keine Ausnahme mehr.

Wie soll da sinnvoll oder gar innovativ geforscht werden?

Unterrichtsministerin Gelmini will die über Beziehungen ins System geschleusten „linken Barone“ in ihren tadellos gepolsterten Positionen aufschrecken, doch dürften die Umschichtungen der Berlusconi-Regierung eher auf Kürzungen bei der ohnehin schon dürftigen Ausstattung hinauslaufen - also die desillusionierten und perspektivlosen Studenten weiter schädigen. Premierminister Berlusconi schockieren Mahnungen wie die des Direktors der Scuola Normale Superiore, Salvatore Settis, vor dem Tod der Forschung ebensowenig wie spektakuläre Auswanderungsfälle aus dem Mittelbau des Prekariats. Berlusconi lässt seinen Nachwuchs ohnehin am liebsten in Amerika studieren; bei anderen Kindern reicher Leute ist auch die Schweiz sehr beliebt.

Bei landesweit 37.000 Professoren- und 22.000 festen Assistentenstellen belaufen sich vor allem im armen Süden die Personalkosten auf gut 95 Prozent des Etats. Etliche Lehrkörper müssen sich zu vielen ein winziges Büro teilen. Wie da sinnvoll oder gar innovativ geforscht werden soll, ist eine Frage, die weder Regierung noch die starken, einzig an der Verteidigung der Privilegien interessierten Erziehungsgewerkschaften beantworten können. Fest steht nur, dass bis 2014 auch noch anderthalb Milliarden Euro im Universitätswesen eingespart werden sollen. Dagegen läuft seit letztem Herbst eine massive Protestwelle mit Streiks oder - wie an der renommierten Universität Pisa - gar mit Straßenkampf und Verletzten. Nur die wenigen, teuren Privatuniversitäten und mit Einschränkungen die katholischen, aber von der Allgemeinheit subventionierten Universitäten scheinen noch einigermaßen zu funktionieren. Das Wunder der europaweiten Reform scheint in Italien also darin zu bestehen, dass in Bologna-Land, wo 1088 die erste Universität Europas gegründet wurde, überhaupt noch studiert werden kann.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

Jüngste Beiträge

Landesfahrrad

Von Hannes Hintermeier

Wer hat´s erfunden? Na hoffentlich die Schweiz. Ihren Nationalstolz lässt sie sich einiges kosten: 2.000 Euro Stückpreis pro Militärfahrrad. Nur leider saugt der Sattel Regenwasser auf. Mehr 2