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Italien und die Finanzkrise Genies am Rande des Abgrunds

29.10.2008 ·  In Italien hat die Krise der Finanzmärkte zu keiner Panik geführt, aber es formiert sich Widerstand gegen die wachsende Staatsmacht. Die Medien haben die Italiener ohnehin gelehrt, andere Dinge für wichtiger zu nehmen.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Die einzige beruhigende Nachricht zur Finanzkrise erreichte die Italiener von der höchsten weltlichen Instanz: Es handle sich hier nur um zeitliche Güter, ließ Papst Benedikt XVI. aus seinem prächtigen Palast in Castelgandolfo verlauten. Einzig Gott sei ewig. Dieses Bekenntnis zum gelassenen Bankrott klingt zwar etwas merkwürdig, wenn es von einer reichen Institution wie der katholischen Kirche kommt, die um jeden Cent Steuernachlass feilscht wie ein HedgeFonds-Manager. Doch zu Zeiten wirtschaftlicher Horrormeldungen nehmen die Italiener Trost, woher sie ihn bekommen können.

Was hatte Ministerpräsident Berlusconi verkündet? „Jeder Euro Erspartes ist sicher, die Banken sind immer noch der bessere Platz für das Geld als die Matratze.“ Einem Politiker, das bewiesen Umfragen schon lange vor der Finanzkrise, glauben Italiener traditionell überhaupt nichts. Doch wenigstens in seiner Eigenschaft als Baulöwe, Medienunternehmer und Chef eines verschachtelten Firmenimperiums verströmt Berlusconi bei seinen Wählern wie Widersachern den Ruch ökonomischen Sachverstands, der anderen Funktionsträgern sonst rundweg abgesprochen wird.

Kein Grund zur Panik

Dagegen haben südlich des Brenners Banker gute Chancen, es zum Staatspräsidenten zu schaffen. Nach dem Abtreten von Carlo Azeglio Ciampi, der Italien als Nationalbankpräsident in den Euroraum gelotst hatte und danach als Präsident ungemein populär wurde, verkörpert nun Mario Draghi den italienischen Sachverstand auf dem Börsenparkett. Immerhin leitet der Römer Draghi jetzt das internationale Krisengremium der wichtigsten Industriestaaten.

Was man aber nicht so gerne hört: Vorher hatte sich Draghi, der jetzt wie ein Zauberkünstler täglich die Sicherheit aller Bankeinlagen beschwört, als Investmentbanker bei Goldman Sachs betätigt. Erst bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren hatte er seine Anteile dort abgegeben und die künftigen Gewinne einem guten Zweck versprochen. Es wurde, wie man weiß, kein besonders gutes Geschäft. Doch angesichts eines Multimilliardärs an der Spitze der Regierung, angesichts des größten klaffenden Unterschieds zwischen Arm und Reich in Alteuropa und erschreckend niedriger Löhne ist die Panik in Italien einstweilen ausgeblieben. Vielleicht stimmt das Klischee ja tatsächlich, dass Italiener ihre Genialität erst am Rande des Abgrunds abzurufen vermögen. So viel steht fest: Sie werden sie benötigen.

Auslagerung auf Nebenschauplätze

Während auch die Mailänder Börse sich an der globalen Talfahrt beteiligt, streitet das Land weiter über Nebenkriegsschauplätze: Die Massenproteste gegen die Kürzungen im Schulwesen, die unreformierte Justiz, die marode Fluggesellschaft Alitalia, Italiens Rückschritte beim Klimaprotokoll – und vor allem über die Paralyse der weiter zerstrittenen Linken, die nicht einmal die Krise des Kapitalismus zu einer systematischen Opposition gegen den allgegenwärtigen Mogul inspiriert. Oder ist eine solche Krise eine besonders gute Zeit für den starken Mann?

Italien war dem Absturz der zwanziger Jahre schließlich nicht nur mit Kolonialkriegen in Afrika und auf dem Balkan, sondern auch mit einer Art „New Deal“ begegnet, bei dem das faschistische Regime von Hungerleidern Sümpfe trockenlegen, Bergwerksstädte gründen, Schwerindustrien anfeuern ließ. Der Respekt für Mussolini, der bei Millionen Italienern trotz verlorenen Krieges, Bürgerkrieges und ehrlosen Endes des „Duce“ bis heute andauert, wird von den Historikern mit dem Mythos vom starken, ökonomisch agierenden Staat erklärt, den das Regime der Schwarzhemden nach Kräften nährte.

Ein weiterer Ausgriff der Berlusconi-Galaxie

Heute hat Italien einen schwachen Staat mit einer undurchschaubaren Bürokratie, einer flexiblen und erfindungsreichen Ökonomie hunderttausender Kleinbetriebe und einer kleinen Oligarchie, die wie eine Großfamilie die Spitzenpositionen untereinander abspricht. Es sieht so aus, dass die Finanzkrise den Unterbau von Familien und Kleinbetrieben ungemein hart trifft; jede Familie kostet der „Crac“ jetzt bereits weit über hundert Euro monatlich – wie die Zentralbank vorrechnete. Doch statt Erleichterungen zu versprechen, greift der Staat nun von der Kultur bis zum Sozial- und Bildungswesen durch ein scharfes Sparprogramm in die Taschen der Bürger.

Die Massenproteste vom Wochenende in Rom, bei denen vierhunderttausend Menschen gegen Berlusconis Schulpolitik demonstrierten, bilden nach Ansicht der meisten Kommentatoren nur den Anfang einer neuen Opposition von der Straße. In der allerobersten Etage jedoch könnte der „Palazzo“ der Mächtigen, den die außerparlamentarische Opposition des Komikers Beppe Grillo erfolgreich verteufelt, nun sogar noch gestärkt werden. So sieht es jedenfalls der namhafte Wirtschaftspublizist Marco Panara, der in der „Repubblica“ die „neue Berlusconi-Galaxie“ mit Hilfe der Staatsmacht nun auf das letzte Segment der Wirtschaft zugreifen lässt, welches dem Selfmademan eher ferngestanden hatte: das Bankwesen.

Bewusstseinsverneblungen

Dabei hilft Berlusconi sein mächtiger Wirtschaftsminister Giulio Tremonti, der als alter Sozialist und Stamokap-Theoretiker ohnehin nie viel vom Markt gehalten hat. Für Panara geht das alte italienische Klientel- und Intrigenspiel angesichts eines starken Staatsfonds und wankender Banken nun in eine neue Runde. Unter Federführung von Berlusconis Kabinettschef Gianni Letta und mit der Mailänder „Mediobanca“ als Knotenpunkt würden jetzt entscheidende neue Kontakte innerhalb der Oligarchie festgezurrt: „Jede Bank, die Geld möchte, muss ihr Management ändern. Und raten Sie mal, wer die neuen Posten besetzt!“ In diesem Sinne ist die traditionell gute Laune des verjüngten, die Nächte in Diskotheken durchfeiernden Premiers durchaus solide untermauert. Denn die Krise ums irreale Geld verschafft ihm realen Machtgewinn.

Die Italiener haben sich an diese Verquickung privater Interessen mit denen ihres Staates längst gewöhnt. Und sämtliche elektronischen Medien trugen mit dem Vorrang für Unterhaltung, Erotik und Verbrechen das Ihre bei, das Bewusstsein realer Gefahren systematisch zu vernebeln. Man muss nur die Liste der meistgelesen Artikel italienischer Zeitungen im gestrigen Netz anschauen, um die italienische Befindlichkeit zu Zeiten der Finanzkrise zu verstehen: Auf Platz eins lag das Magengeschwür eines Mitwirkenden von „Big Brother“, knapp gefolgt von erotischen Fotos eines Popstars. Hatte der Papst nicht recht: Was bedeutet der Kredit der Börse gegen solch ewige Glaubensfragen?

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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