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Italien und der deutsche Papst Papa Ratzi

20.04.2005 ·  Kein bierseliger Trachtenbub, sondern ein feinsinniger Mozartliebhaber ist Pontifex geworden: Unter dem Papst Benedikt XVI. werden viele Italiener ihr plattes Deutschlandbild wohl oder übel überdenken müssen.

Von Dirk Schümer, Venedig
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In Italien, wo der Heiligenkalender den Alltag rhythmisiert, war feinsinnig bemerkt worden, daß der zweite Tag dieses Konklaves dem heiligen Papst Leo IX. geweiht war, dem ersten Pontifex mit einer ausgedehnten Reisetätigkeit, Verursacher des Schismas mit der Ostkirche und letztem richtigen Deutschen auf dem Stuhle Petri.

Graf Bruno von Dagsburg-Egisheim starb am 19. April 1054 in Rom. Auf den Tag 951 Jahre später also wieder ein Deutscher. Und die Italiener, die das hatten kommen sehen, reiben sich gleich am ersten Tag des Ratzinger-Papstes an den liebgewonnenen Vorurteilen gegenüber dem großen europäischen Bruderland.

Hirte - Schäferhund

„Il pastore tedesco“ titelte nicht unwitzig, aber rüde und vorhersehbar der linksradikale „Manifesto“. Das Wortspiel bezeichnet nicht nur einen „deutschen Hirten“, sondern auch den „deutschen Schäferhund“. Dessen befürchteter Biß bot denn auch Anlaß, einer vorzugweise linken Deutschfeindlichkeit die Zügel schießen zu lassen. Die Vorurteile vom „Großinquisitor“, vom „Torquemada Wojtylas“ mußten ebenso erwähnt werden wie der hieratische erste Auftritt, der - so die „Repubblica“ - „die Seelen nicht erwärmte“. Auch der markante deutsche Akzent habe von Rom bis zum Erdkreis eine „Strömung der Angst“ aufkommen lassen. Schließlich habe Benedikt XVI., so der „Manifesto“, dreingeschaut wie der kannibalische Massenmörder Anthony Hopkins im „Schweigen der Lämmer“.

Daß dieselben Bilder, abhängig vom Wohlwollen der Betrachter, komplett unterschiedliche Wirkungen auslösen können, beweist die Sympathie und Hochachtung, die dem deutschen Papst die Mehrzahl der Beobachter entgegenbrachten. Im „Corriere della sera“ wurde sogar von den „cherubinischen Augen“ des Joseph Ratzinger geschwärmt, von seinem Kindergesicht und seiner intellektuellen Reinheit - vom diskreten Charme seines unüberhörbaren bayrischen Akzents ganz zu schweigen. Das grobere - vorzugsweise beim Oktoberfest gefestigte - Deutschlandbild vieler Italiener befriedigt die Herkunft dieses vergeistigten Universitätsprofessors ironischerweise aufs allerbeste.

Der Eiserne Kardinal

Benedikt XVI., den man auf seiner vorigen Karrierestufe den „Panzer“ (nach der Fußball-Nationalmannschaft) oder gar den „Eisernen Kardinal“ (in Anspielung auf Bismarck) schimpfte, muß noch Mißtrauen ausräumen. Ob er dabei das Klischee des autoritären, humorlosen, verschlossenen Deutschen bestärken wird - daran haben die klügeren unter den italienischen Kommentatoren Zweifel.

Er werde die Welt noch überraschen, hieß es nicht selten. Ratzinger hat sein kompaktes Programm schließlich selbst vor dem Konklave verkünden können: die Rechristianisierung Europas. Und wie Wojtyla den Kommunismus als Zielscheibe wählte, so gelte der Kampf seines Nachfolgers nun dem Relativismus der Werte. Ob er diesen ehrgeizigen Feldzug gewinnen könne?

Kein Hinweis auf die Deutschen

Daß der neue Papst ein Deutscher ist, daran müssen sich gut sechzig Jahre nach der Wehrmacht in Italien, nach der Räumung des römischen Gettos durch die SS viele Italiener erst noch gewöhnen. Bei der Beerdigung Johannes Pauls II., immerhin einer von einem Deutschen zelebrierten Totenmesse, war im Staatsfernsehen Rai auch nur der leiseste Hinweis auf Köhler, Schröder, Fischer unterblieben. Das wird sich bei der feierlichen Einführungsmesse am kommenden Sonntag gründlich ändern. Nun kommt man an einer überarbeiteten Bildformung der gerne marginalisierten Deutschen nicht mehr vorbei.

Schon angesichts des Lebenlaufes, der den Theologen nicht nur ins bierselige Monaco di Baviera, sondern auch durch obskure hyperboreische Dörfer wie Frisinga, Tubinga, Ratisbona (Freising, Tübingen, Regensburg) führte, müssen viele Italiener ihr plattes Deutschlandbild wohl oder übel überdenken. Da ist plötzlich von einem kirchenfrommen, bescheidenen, antifaschistischen und antipreußischen Elternhaus die Rede, von regionalem Stolz auf Traditionen, von Fleiß und Würde, von hochspekulativen Theologendebatten. Im Windschatten dieses Pontifex haben die Deutschen von nun an die Chance, das einseitige, rabiate Bild ihrer Heimat zu korrigieren.

Das faustische Format

Daß hier beileibe kein bierseliger Trachtenbub, sondern ein feinsinniger Mozartliebhaber Pontifex wurde, der wie Wojtyla Gedichte schrieb, aber am liebsten gründlich die geistige Tradition studiert, kommt dem faustischen Format der deutschen Seele sehr entgegen. Die römische Aristokratin Alessandra Borghese, Gefährtin der frommen Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, schwärmte im „Giornale“ vom strengen Abstinenzler Ratzinger, der am liebsten Huhn oder Gemüsesuppe esse, einen klaren Kopf und das Frühaufstehen liebe.

Und der italienische Talkmaster Bruno Vespa legte ebenso wie der germanophile Europaminister Rocco Buttiglione den Akzent nicht grundlos auf das „aristokratische Auftreten“ des neuen Papstes: Ein unerwartet bescheidener Ratzinger verzichtete darauf, sich in den Fußstapfen des verschmitzten Polen den Massen anzubiedern. So ahnen bereits die meisten, daß ihnen hier kein mediengeiler „Papa Ratzi“, sondern ein zurückhaltender selbstkritischer Denker a la Paul VI. ins Haus stehen könnte.

Abschluß des Katastrophenjahrhunderts

Die Namenswahl Ratzingers könnte sich als deutlichstes Zeichen erweisen, daß hier ein Kirchenmann den Akzent seiner Arbeit auf Europa, auf die wankenden Wurzeln der abendländischen Ethik legt. Als grüße er hinüber zum in Italien sehr geachteten Ernst Nolte, spannt Benedikt XVI. den Bogen über den europäischen Weltbürgerkrieg. Wie der fünfzehnte seines Namens im Ersten Weltkrieg den Suizid Europas begriff und daran verzweifelte, so scheint dieser intellektuelle Hirte das kurze und doch viel zu lange Katastrophenjahrhundert von 1914 bis 1989 abschließen zu wollen.

Der Kontinent, den geistig der Katholizismus formte, ist nicht nur in den Augen dieses Papstes nach 1914 durch die Ideologien von Kommunismus, Faschismus, Nationalsozialismus und ungebremsten Kapitalismus an den Abgrund gedrängt und in seiner christlichen Selbstgewißheit erschüttert worden. Der neue Ponitfex, der über den heiligen Augustinus promovierte, will offenbar dem Teufelskreis der Entwurzelung okzidentaler Ethik die Stirn bieten.

Berufung auf den Pazifisten

Daß damit die erwartete Öffnung der Kirche gegenüber den Problemen von Armut und Ungerechtigkeit in der Dritten Welt erst einmal aufgeschoben sei - dies meinen sogar die Kommentatoren der italienischen Rechten, die sich ansonsten enthusiastisch über die Wahl Joseph Ratzingers äußerten. Auf der anderen Seite stimmt es gemäßigt linke Exponenten wie den überzeugten Katholiken Romano Prodi freudig, daß die Namenswahl im Gefolge des Kriegsgegners Benedikt XV. einen expliziten Pazifisten der jüngeren Kirchengeschichte aus der Vergessenheit befördert.

Daß Benedikt XVI. als sechzehnjähriger Kindersoldat zu einer Flakstellung eingezogen wurde und kurzzeitig in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager arbeitete, weckt die Hoffnung, es erneut mit einem radikalen Pazifisten zu tun zu haben.

Der greise Ex-Ministerpräsident und päpstliche Intimus Giulio Andreotti nimmt Konklave und Namenswahl, wie zu erwarten war, eher persönlich und erinnerte scherzhaft daran, daß er unter einem Benedikt geboren sei und nun hoffe, „freilich nicht gar zu bald“ auch unter einem Benedikt zu sterben. So markant sind eben nur in Italien die historischen Schattierungen des Papsttums präsent - einer Institution, die das Land und seine Kultur geprägt hat wie keine andere. In diesem Sinn hat Leo IX., der sich 1049 vom regionalen Lehensmann der Salier zum zupackenden römischen Kirchenfürsten wandelte, seinen deutschen Nachfolger pünktlich und keinen Tag zu früh bekommen.

Quelle: F.A.Z., 21.04.2005, Nr. 92 / Seite 35
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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