http://www.faz.net/-gqz-6uz6r
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 09.11.2011, 16:08 Uhr

Italien ohne Berlusconi Der Pate, letzter Teil

Erst wenn der Boss nichts mehr zu bieten hat, wechseln seine Kreaturen die Seiten. Aber wie sieht die Alternative zum Berlusconismus aus? Auch ohne ihn sind die Aussichten Italiens verheerend.

von
© Longo/Graffiti/ROPI

Berlushka, bye-bye“ - mit einem für diesen Moment vorbereiteten Videoclip feiert die italienische Soubrette Sora Cesira in leichtem Kostüm den Abgang Silvio Berlusconis und wünscht ihm ein ruhiges Alter auf Antigua. Fernsehstationen nehmen rund um die römischen Regierungspaläste feiernde Menschen auf - wenige genug. Denn auch nach dem angekündigten Ende der Ära Berlusconi ist die Stimmung verhalten.

Nicht eine beispiellose Kette von Strafverfolgungen, Sittenskandalen, Peinlichkeiten hat den mächtigsten Mann zum Rückzug gezwungen, sondern der Druck der Schulden und eine altbekannte Palastintrige - wie immer in der republikanischen Geschichte Italiens. Das Volk, aus dem sich am Ende kaum noch jemand offen zu dem Mogul bekannte, blieb außen vor.

Nicht mal als Urlaubsvertretung tauglich

Und schon mehren sich die Stimmen voller Heidenrespekt vor dem trickreichen Spiel des fanatischen Fußballers, der nie verlieren konnte. Der Publizist Peter Gomez raunt von der „Rache des Kaimans“. Hinter dem staatsmännischen Schachzug, vor dem Abtreten noch Spar- und Reformmaßnahmen durchzupeitschen, verberge sich das übliche Kleingedruckte: Ausnahmegenehmigungen, Straferlasse ad personam, Erbschaftsteuer-Geschenke für die Sippe. Da klingt die Hypothese des „Corriere della sera“ noch am elegantesten: Man werde den zähen „Cavaliere“ schnell zum Senator auf Lebenszeit ernennen und ihn so vor Strafverfolgung schützen.

Aufstieg und Fall des Silvio Berlusconi Aufstieg und Fall des Silvio Berlusconi © REUTERS Bilderstrecke 

„Berlusconi ist aber gar nicht unser Problem, sondern die Opposition.“ Stets kulminiert unter den nachdenklicheren Italienern die Analyse der Silvio-Dämmerung in einem fast verzweifelten Achselzucken. Es gibt nach siebzehn Jahren Mediokratie keine Basisbewegung auf den Plätzen, keine schwungvolle parlamentarische Erneuerungsbewegung, ja nicht einmal einen erkennbaren Leader der Gegenseite. Der Medienmilliardär hinterlässt eine politische Landschaft, in der alle Welt nurmehr über ihn redet, in der kein vermeintlicher Kronprinz neben ihm Kontur bekommen durfte: Berlusconistan eben. Der vorgeschobene Sizilianer Angelino Alfano, der bereits Probleme wegen Mafiakontakten hat, ist erst seit Tagen aus dem Schatten seines Paten getreten und taugt vor allem beim norditalienischen Wahlvolk nicht einmal als Urlaubsvertretung.

Er weiß, wie es gemacht werden muss

Berlusconi erwies sich - entgegen allen Ridikülisierungen und Dämonisierungen vor allem im Ausland - eben als politisches Genie, das die immensen Schwächen des demokratischen Systems in Italien gnadenlos für seine Person ausnutzte. Er agierte dabei nicht als Ursache der Krise des Landes, sondern ist nur ein (wenn auch das schrillste) Symptom für einen kulturellen und ethischen Verfall, der die gesamte politische Klasse einschließt. „La casta“ - so nennen die Italiener nicht erst seit dem ernüchternden Bestseller des Autorenduos Rizzo/Stella ihre gewählten „Unberührbaren“. Ein seit Julius Cäsar entwickeltes System des politischen Klientelismus sorgt trotz aller ideologischen Umbrüche dafür, dass sich die Anführer von parlamentarischen Kleingruppen - den gefürchteten „correnti“ - wie Stehaufmännchen durch alle Verfehlungen und Antipathien hinweg recyceln.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bestseller von Elena Ferrante Diese Autorin ist nicht zu fassen

Alle Welt liest die Bücher von Elena Ferrante. Auch die Kritikerzunft ist hellauf begeistert. Doch über all dem steht ein Rätsel: Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym? Mehr Von Ursula Scheer

16.05.2016, 09:41 Uhr | Feuilleton
Waldbrände in Kanada Luftbrücke für 25.000 Menschen

Im Kampf gegen die verheerenden Waldbrände in Kanada sollen 25.000 von den Flammen bedrohte Bewohner der Stadt Fort McMurray über eine Luftbrücke in Sicherheit gebracht werden. Die Menschen müssen sich darauf einstellen, länger nicht in die Stadt zurückkehren zu können. Mehr

07.05.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Fußball international Van Gaal holt FA-Cup und muss gehen

Beim FA-Cup-Sieg von Manchester United schlägt die große Stunde eines Youngsters. Trainer van Gaal hilft der Titel aber wohl auch nicht mehr. In Frankreich und Italien holen die Meister auch den Pokal. Mehr

21.05.2016, 23:53 Uhr | Sport
Parteitag der Linken Wagenknecht gibt sich nach Tortenangriff gelassen

Ein Tortenangriff hat am Samstag nicht nur auf dem Linken-Parteitag in den Messehallen Magdeburg für Aufregung gesorgt. Die Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht war bekleckert mit dunkler Cremetorte. Von Parteikollegen wurde sie abgeschirmt und dann außer Sichtweite von Kameras und Journalisten gebracht. Nach drei Stunden erschien Wagenknecht erneut auf dem Parteitag und wurde mit stehenden Ovationen empfangen. Gegenüber den Journalisten gab sich die Fraktionsvorsitzende gelassen. Mehr

29.05.2016, 11:00 Uhr | Politik
FAZ.NET-Thema: Polizei Auch viele Linke haben nichts mehr gegen die Bullen

Die politische Linke und die Polizei – spätestens seit Benno Ohnesorg war das ein Verhältnis des größtmöglichen gegenseitigen Misstrauens. Doch die Grünen und der linke SPD-Flügel denken da heute anders. Mehr Von Eckart Lohse, Berlin

20.05.2016, 17:53 Uhr | Politik
Glosse

Echo des Poseidon

Von Andreas Rossmann

Der Künstler Markus Lüpertz hat am Duisburger Rheinhafen eine Skulptur aufgestellt, und nur ein Bundeskanzler war Zeuge. Das war doch früher einmal anders. Mehr 1

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“