Home
http://www.faz.net/-gqz-6uz6r
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Italien ohne Berlusconi Der Pate, letzter Teil

Erst wenn der Boss nichts mehr zu bieten hat, wechseln seine Kreaturen die Seiten. Aber wie sieht die Alternative zum Berlusconismus aus? Auch ohne ihn sind die Aussichten Italiens verheerend.

© Longo/Graffiti/ROPI Vergrößern

Berlushka, bye-bye“ - mit einem für diesen Moment vorbereiteten Videoclip feiert die italienische Soubrette Sora Cesira in leichtem Kostüm den Abgang Silvio Berlusconis und wünscht ihm ein ruhiges Alter auf Antigua. Fernsehstationen nehmen rund um die römischen Regierungspaläste feiernde Menschen auf - wenige genug. Denn auch nach dem angekündigten Ende der Ära Berlusconi ist die Stimmung verhalten.

Dirk Schümer Folgen:  

Nicht eine beispiellose Kette von Strafverfolgungen, Sittenskandalen, Peinlichkeiten hat den mächtigsten Mann zum Rückzug gezwungen, sondern der Druck der Schulden und eine altbekannte Palastintrige - wie immer in der republikanischen Geschichte Italiens. Das Volk, aus dem sich am Ende kaum noch jemand offen zu dem Mogul bekannte, blieb außen vor.

Nicht mal als Urlaubsvertretung tauglich

Und schon mehren sich die Stimmen voller Heidenrespekt vor dem trickreichen Spiel des fanatischen Fußballers, der nie verlieren konnte. Der Publizist Peter Gomez raunt von der „Rache des Kaimans“. Hinter dem staatsmännischen Schachzug, vor dem Abtreten noch Spar- und Reformmaßnahmen durchzupeitschen, verberge sich das übliche Kleingedruckte: Ausnahmegenehmigungen, Straferlasse ad personam, Erbschaftsteuer-Geschenke für die Sippe. Da klingt die Hypothese des „Corriere della sera“ noch am elegantesten: Man werde den zähen „Cavaliere“ schnell zum Senator auf Lebenszeit ernennen und ihn so vor Strafverfolgung schützen.

Aufstieg und Fall des Silvio Berlusconi Aufstieg und Fall des Silvio Berlusconi © REUTERS Bilderstrecke 

„Berlusconi ist aber gar nicht unser Problem, sondern die Opposition.“ Stets kulminiert unter den nachdenklicheren Italienern die Analyse der Silvio-Dämmerung in einem fast verzweifelten Achselzucken. Es gibt nach siebzehn Jahren Mediokratie keine Basisbewegung auf den Plätzen, keine schwungvolle parlamentarische Erneuerungsbewegung, ja nicht einmal einen erkennbaren Leader der Gegenseite. Der Medienmilliardär hinterlässt eine politische Landschaft, in der alle Welt nurmehr über ihn redet, in der kein vermeintlicher Kronprinz neben ihm Kontur bekommen durfte: Berlusconistan eben. Der vorgeschobene Sizilianer Angelino Alfano, der bereits Probleme wegen Mafiakontakten hat, ist erst seit Tagen aus dem Schatten seines Paten getreten und taugt vor allem beim norditalienischen Wahlvolk nicht einmal als Urlaubsvertretung.

Er weiß, wie es gemacht werden muss

Berlusconi erwies sich - entgegen allen Ridikülisierungen und Dämonisierungen vor allem im Ausland - eben als politisches Genie, das die immensen Schwächen des demokratischen Systems in Italien gnadenlos für seine Person ausnutzte. Er agierte dabei nicht als Ursache der Krise des Landes, sondern ist nur ein (wenn auch das schrillste) Symptom für einen kulturellen und ethischen Verfall, der die gesamte politische Klasse einschließt. „La casta“ - so nennen die Italiener nicht erst seit dem ernüchternden Bestseller des Autorenduos Rizzo/Stella ihre gewählten „Unberührbaren“. Ein seit Julius Cäsar entwickeltes System des politischen Klientelismus sorgt trotz aller ideologischen Umbrüche dafür, dass sich die Anführer von parlamentarischen Kleingruppen - den gefürchteten „correnti“ - wie Stehaufmännchen durch alle Verfehlungen und Antipathien hinweg recyceln.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Italien Renzi schwächt Arbeitsmarktreform ab

Eigentlich hatte sich der junge italienische Ministerpräsident Renzi ambitionierte Ziele gesteckt. Aber immer wieder bremsen ihn die anderen Politiker - nun auch in einer wichtigen Arbeitsmarktreform. Mehr Von Tobias Piller, Rom

30.09.2014, 11:22 Uhr | Wirtschaft
Berlusconi: Für Deutsche haben KZs nie existiert

Wieder hat Italiens ehemaliger Ministerpräsident für einen Eklat gesorgt: Bei einer Wahlkampfveranstaltung behauptete er, für Deutsche hätten Konzentrationslager nie existiert. Mehr

28.04.2014, 09:22 Uhr | Politik
Schriftsteller John Burnside Schottland braucht, was jedes Volk Europas braucht

Nach der Abstimmung kann nur ein radikaler Wandel des politischen Systems zum Ziel führen. Die Schotten müssen lernen, weiterhin Nein zu sagen. Mehr Von John Burnside

25.09.2014, 16:52 Uhr | Feuilleton
Polizei nimmt Dutzende Camorra-Mitglieder fest

Der spanischen Polizei ist ein Schlag gegen die Camorra gelungen. 32 mutmaßliche Mitglieder der Mafia sind ihr ins Netz gegangen. Die Razzia war der Höhepunkt groß angelegter Ermittlungen. Mehr

09.07.2014, 22:30 Uhr | Gesellschaft
Europäische Kommission Schmeckt ziemlich deutsch

Jean-Claude Juncker hat die EU-Kommission geschickt umgebaut. Die Staaten bekamen, was sie wollten – und werden sich noch wundern. Eine Analyse. Mehr Von Thomas Gutschker

22.09.2014, 10:57 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.11.2011, 16:08 Uhr

Schnöde Müllerin

Von Andreas Rossmann

In Wuppertal soll das Theater einen neuen Auftritt haben. Aber kann es mit einer biedermeiernden Aufbereitung von Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ seine Unverzichtbarkeit demonstrieren? Mehr 1