Berlushka, bye-bye“ - mit einem für diesen Moment vorbereiteten Videoclip feiert die italienische Soubrette Sora Cesira in leichtem Kostüm den Abgang Silvio Berlusconis und wünscht ihm ein ruhiges Alter auf Antigua. Fernsehstationen nehmen rund um die römischen Regierungspaläste feiernde Menschen auf - wenige genug. Denn auch nach dem angekündigten Ende der Ära Berlusconi ist die Stimmung verhalten.
Nicht eine beispiellose Kette von Strafverfolgungen, Sittenskandalen, Peinlichkeiten hat den mächtigsten Mann zum Rückzug gezwungen, sondern der Druck der Schulden und eine altbekannte Palastintrige - wie immer in der republikanischen Geschichte Italiens. Das Volk, aus dem sich am Ende kaum noch jemand offen zu dem Mogul bekannte, blieb außen vor.
Nicht mal als Urlaubsvertretung tauglich
Und schon mehren sich die Stimmen voller Heidenrespekt vor dem trickreichen Spiel des fanatischen Fußballers, der nie verlieren konnte. Der Publizist Peter Gomez raunt von der „Rache des Kaimans“. Hinter dem staatsmännischen Schachzug, vor dem Abtreten noch Spar- und Reformmaßnahmen durchzupeitschen, verberge sich das übliche Kleingedruckte: Ausnahmegenehmigungen, Straferlasse ad personam, Erbschaftsteuer-Geschenke für die Sippe. Da klingt die Hypothese des „Corriere della sera“ noch am elegantesten: Man werde den zähen „Cavaliere“ schnell zum Senator auf Lebenszeit ernennen und ihn so vor Strafverfolgung schützen.
„Berlusconi ist aber gar nicht unser Problem, sondern die Opposition.“ Stets kulminiert unter den nachdenklicheren Italienern die Analyse der Silvio-Dämmerung in einem fast verzweifelten Achselzucken. Es gibt nach siebzehn Jahren Mediokratie keine Basisbewegung auf den Plätzen, keine schwungvolle parlamentarische Erneuerungsbewegung, ja nicht einmal einen erkennbaren Leader der Gegenseite. Der Medienmilliardär hinterlässt eine politische Landschaft, in der alle Welt nurmehr über ihn redet, in der kein vermeintlicher Kronprinz neben ihm Kontur bekommen durfte: Berlusconistan eben. Der vorgeschobene Sizilianer Angelino Alfano, der bereits Probleme wegen Mafiakontakten hat, ist erst seit Tagen aus dem Schatten seines Paten getreten und taugt vor allem beim norditalienischen Wahlvolk nicht einmal als Urlaubsvertretung.
Er weiß, wie es gemacht werden muss
Berlusconi erwies sich - entgegen allen Ridikülisierungen und Dämonisierungen vor allem im Ausland - eben als politisches Genie, das die immensen Schwächen des demokratischen Systems in Italien gnadenlos für seine Person ausnutzte. Er agierte dabei nicht als Ursache der Krise des Landes, sondern ist nur ein (wenn auch das schrillste) Symptom für einen kulturellen und ethischen Verfall, der die gesamte politische Klasse einschließt. „La casta“ - so nennen die Italiener nicht erst seit dem ernüchternden Bestseller des Autorenduos Rizzo/Stella ihre gewählten „Unberührbaren“. Ein seit Julius Cäsar entwickeltes System des politischen Klientelismus sorgt trotz aller ideologischen Umbrüche dafür, dass sich die Anführer von parlamentarischen Kleingruppen - den gefürchteten „correnti“ - wie Stehaufmännchen durch alle Verfehlungen und Antipathien hinweg recyceln.
Berlusconi hat das System nicht gesprengt, sondern nur auf seine Person zugeschnitten. Mit sehr viel Geld (das er sich über Steuer- und Mediengesetze dann aus der Staatskasse zurückholen konnte), mit Personenkult in den eigenen, dann auch noch den staatlichen Fernsehkanälen wurde er zum konsequentesten der volksfernen Volkstribunen, die sonst oft nur über Wähler in einem Abruzzental, über ein Netz im Gesundheitswesen, über einen Familienclan im Industriellenverband, über eine Gewerkschafts-Seilschaft verfügen und sich damit gnadenlos bis zu Ministerpöstchen hochhangeln.
Bezeichnend und oft vergessen ist, wie die Wähler zweimal den allpräsenten Populisten Berlusconi abservierten und durch den ehrgeizigen Christdemokraten Romano Prodi ersetzten. Zweimal wurde Prodi prompt von Brutussen aus dem eigenen Parteisekretariat gemeuchelt und die Macht im Staat auf dem Silbertablett von der Linken an Berlusconi übergeben. Auch Prodis Nachfolger Veltroni erledigten die Grauen Eminenzen. Vor bereits zehn Jahren hat der Filmemacher Nanni Moretti einen Parteikongress der Linkspartei „Partito democratico“ genutzt, um diese Regionalfürsten öffentlich als Nichtsnutze, als die eigentliche Pest im Staat zu beschimpfen.
Das Fußvolk jubelte, doch die zähen Funktionäre, die ihre Netzwerke diskret organisieren, sind allesamt noch da. Derzeit beraten Dauerbrenner wie der macchiavellistische Altkommunist Massimo D’Alema oder die basiskatholische Edelfunktionärin Rosy Bindi bereits wieder, wie sie aus Berlusconis Fall für ihre Strömung und ihre persönliche Karriere den größtmöglichen Nutzen ziehen können - naturgemäß ohne Neuwahlen. „Manovra di Palazzo“ nennen die Italiener dieses souveräne, unter der Christdemokratie perfektionierte Auskungeln der Exekutive: Palastintrigen in den Händen der Avvocati, der Consiglieri, der lebenslangen Senatori und all der namenlosen Onorevoli.
Sein Gegner ist nicht die Opposition
Die Italiener wissen, dass es ein solches Gemenge von Interessengruppen, Fraktiönchen und Kleinparteien im Schatten eitler Alphatiere sein wird, das bereits heute Silvios Haut verteilt - zur Linken wie zur Rechten. Mag sein, dass sich ausländische Politiker und Ökonomen dann angesichts des erwartbaren Dauerpalavers noch nach den zynischen, oft von der extremen Linken kommenden Technokraten Berlusconis wie Superminister Tremonti zurücksehnen werden. Wer wird ihn ersetzen? Derzeit firmiert der erfolglose Stadtrat Pierluigi Bersani aus der Emilia als idealtypischer „Oppositionsführer“: ein grauer Beamter ohne persönliches Charisma, ohne politisches Projekt, ohne Mut zur Macht. Man hat ihn genommen, weil kein Mensch von Format den Posten mehr bekleiden wollte. Wenn man Italiener fragt, was sie von solchen Hoffnungsträgern halten, läuft die Antwort auf verzweifeltes Grinsen hinaus: „Non abbiamo nessuno“ - wir haben niemanden.
Kein Wunder, dass seit Jahren ernsthafte gedankliche Widerreden zum Berlusconismus nicht von der parlamentarischen Opposition kommen, sondern von Basisgruppen oder Einzelgängern wie dem Schriftsteller Roberto Saviano. Dazu zählt auch die Piratenbewegung des Komikers Beppe Grillo, der im Internet vor großem Publikum das linke und das rechte Establishment gleichermaßen beschimpft. Geistig anspruchsvoller ist der Journalist Marco Travaglio, der im Netz gemeinsam mit heroischen Mitstreitern eine Gegenöffentlichkeit zur Gehirnwäsche der Berlusconimedien aufzubauen versucht.
Der Schlauberger gewinnt in Italien
Doch auch katholische Basisgruppen gehören dazu, die bei der Sozialarbeit nicht mehr auf den Staat bauen, sondern selbst Wohnheime und Armenküchen organisieren. Oder ein Heer von Freiwilligen, das vom Müllsammeln bis zur Unterstützung von Flüchtlingen dort in die Bresche springt, wo die Parteien nurmehr an sich selbst denken. Es sind diese Millionen von Menschen, die für das solidarische Italien der Familien und Nachbarschaften einstehen und einen Gemeinsinn leben, der ihrer politischen Kaste längst abhandengekommen ist. Kann man Jugendlichen, die in Italien mit Arbeitslosigkeit, Unterbezahlung und marodem Bildungssystem konfrontiert werden, ernsthaft verübeln, dass sie ans Auswandern denken, wenn sie erleben, dass sich die hochbezahlten Parlamentarier vorige Woche beim ersten zaghaften Sparpaket jedes persönliche Opfer ersparten?
So bezeugt Italien nur konsequent die Malaise einer Demokratie, in welcher stets der Schlauberger gewinnt, der den Menschen die dreistesten Versprechen macht und die Lüge dann auf Pump finanziert - sich selbst am royalsten. Jeden Berufspolitiker, der an einer Strategie der Vernunft arbeitete, der vor dem drohenden Abgrund hinter der Spaßgesellschaft der Fernsehshows warnte, hat das System bisher konsequent ausgemerzt.
Nun sind auch ohne Berlusconi die Aussichten verheerend, und es kam, wie es immer kommt in einem reinen Feudalwesen: Erst wenn der Boss nichts mehr zu bieten hat, wechseln seine Kreaturen die Seiten. Wenn man bedenkt, dass viele in Berlusconis Fraktion (nicht nur die jungen Damen) intime Vertraute, Angestellte, Geschäftspartner des Moguls sind und ihre Kinder von ihm aus der Taufe heben ließen, so sieht die Fluchtbewegung dieser Hinterbänkler tatsächlich nach Untergang aus: Die Nagetiere springen über Bord; der Tross drängt zu neuen Futterquellen. Aber am System ändert das nichts - im Gegenteil.
Und das Volk? Schaut man sich die Zahlen von Nichtwählern, von ungültig Stimmenden und von Anhängern reiner Protestbewegungen an, so ist das Heer derjenigen, die dieser Abart von Demokratie den Rücken gekehrt haben, nahe der Mehrheit - ohne je im Parlament Gehör zu finden. Doch die meisten Italiener sind bei aller Verbitterung keineswegs so abgestumpft wie der Plebs im späten Rom.
Die Regierung interessiert doch gar nicht mehr
Wenn es eine Alternative gibt wie zuletzt in Neapel, das linke Kommunalfürsten, Camorra und Berlusconis mediale Gesten gemeinschaftlich an den Abgrund gewirtschaftet haben, dann stimmen sie für die Hoffnung. Bei den Bürgermeisterwahlen erhielt der uneitle Basiskandidat De Magistris sagenhafte siebzig Prozent der Stimmen und hat nun Bürokratie, Camorra und die beleidigte Politik in Rom gegen sich.
Was die Italiener brauchen, um sich ihres politischen Personals zu entledigen, das bereits 1992 den moralischen Bankrott fast folgenlos zu überstehen vermochte - darüber grübeln viele im Land bis zur Mutlosigkeit nach. Unbelastete Parteien? Junge Gesichter? Einen charismatischen Retter? All das ist nicht in Sicht und wäre auch nicht ohne Risiko, während das gewiefte Politpersonal in den Hinterzimmern bereits wieder sein Süppchen kocht. Das Volk kommt in ihrem Kalkül eines „governo tecnico“ - einer ausgekungelten Lösung - ohnehin nicht vor. Aber ein Blick nach Griechenland könnte sogar Silvios gierige Zwerge ins Grübeln bringen. In einem Pleiteland hat die Regierung nichts mehr zu sagen.
Hoffe daß mit ein wenig Abstand auch diese Epoche in Italien ...
M Sack (sacke)
- 11.11.2011, 09:16 Uhr
Vielleicht geht es auch um was anderes:
Joseph Fischer (josephfischer)
- 10.11.2011, 16:52 Uhr
Es ist nachgerade witzig, dass die FAZ und die Mehrheit der
Kommentatoren hier
Michael Scheffler (Striesner)
- 10.11.2011, 15:48 Uhr
Eine gute Darstellung --
Thomas Philippi (mot2)
- 10.11.2011, 15:32 Uhr
Tausche Italien gegen Deutschland
Christopher Haku (Ulquiorra)
- 10.11.2011, 12:33 Uhr