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Italien nach der Wahl Grande Confusione

11.04.2006 ·  Tief gespalten und mißmutig, kommt Italien nach einer schrillen Wahlkampagne nur langsam zu sich. Zu knapp ist ihm der Sieg entglitten, als daß Berlusconi das Land aus seinem Griff entlassen würde.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Selten stand Deutschland in Italien so sehr im Rampenlicht wie nach dem Patt vom 10. April; selten war die Sehnsucht der Italiener nach den langweilig-geordneten Verhältnissen in „Germania“ so deutlich wie bei den konfusen Debatten in der längsten Wahlnacht der Geschichte.

Normalerweise ist es ja umgekehrt: Die Verklärung richtet sich auf die Italiener, die sich im linden Lüftchen des schönsten Landes der Welt sonnen und bei Pasta, Chianti und Prosecco das Leben fern der deutschen Nüchternheit genießen. Diese extrem gehässige Wahl jedoch, bei der es sich in Wahrheit um ein reines Berlusconi-Referendum handelte, ist der passende Anlaß, das verkehrte deutsche Italienbild zurechtzurücken: Statt als charmante Kompromißler zeigen sich die Italiener als verbissene Grabenkämpfer. Und hinter dem Chor gutgelaunter Schnulzenfreunde, in den sich Berlusconi zuweilen einreihte, demaskieren sich knallharte Individualisten, die mit Steuern, Gemeinsinn, Zukunft wenig am Hut haben. Tief gespalten und mißmutig, kommt das Land nach einer schrillen Wahlkampagne nur langsam zu sich.

Geiseln der Extremisten

Plötzlich klagen in Italien selbst Politiker extremistischer Kleinparteien über die Unregierbarkeit; das Wort von der „großen Koalition“ macht - im deutschen Original - die Runde, um dann aber sogleich wegen der Unvereinbarkeit der Fronten verworfen zu werden. Daß die ehrwürdige, dann aber schmählich implodierte Democrazia cristiana jahrzehntelang nichts anderes war als eine geniale „grande coalizione“, die Extremisten aller Couleur von der Macht fernhielt und das Land wie eine schrille Großfamilie durch die Zeitläufte kungelte, wird erst jetzt, dreizehn Jahre nach der Ersten Republik, mit viel Nostalgie gewürdigt. Auf beiden Seiten des politischen Grabens wächst angesichts einer hauchdünnen Mehrheit für Prodis heterogenes, wenn nicht bereits zerstrittenes Bündnis das Unverständnis, wie sich die Gemäßigten beider Lager nur so weit auseinanderleben und dadurch zu Geiseln der jeweiligen Extremisten machen konnten.

Die Hauptschuld für diese Zuspitzung bis zur Unregierbarkeit trägt naturgemäß Berlusconi, dessen juristische und ökonomische Verwicklungen Kompromisse mit dem Gegner stets unmöglich gemacht haben. Er zehrte von der medialen Aufheizung, von der Blockbildung nach amerikanischem Vorbild, von der ideologischen Brandmarkung des Gegners und stellte sein demagogisches Geschick auch bei diesem Wahlkampf wieder unter Beweis, nutzte die Klaviatur seiner Medien bravourös und ließ alle Widersacher wie Stümper aussehen.

Totale Aufpeitschung

Daß die Linke an ihren Vorsprung in den Meinungsumfragen geglaubt hatte, muß sie sich nun als Naivität vorwerfen lassen. Während Berlusconi noch in der Wahlnacht die Demoskopen als „verbrecherische Vereinigung“ lächerlich machte, höhnte sein Wirtschaftsminister Tremonti: „Wieso sollte ein Volk, das bei der Steuererklärung schummelt, den Meinungsforschern die Wahrheit sagen?“ In der Tat erwies sich Berlusconis Kalkül, mit totaler Aufpeitschung die eigene Klientel an die Urnen zu treiben, als richtig.

Obwohl der Medientycoon mit seinen zynischen Mitteln der unbegrenzten Politreklame schließlich aber doch an Grenzen stieß und die Wahl - das sollte man nicht vergessen - als Verlierer beendete, wird er das Land nicht aus seinem Griff entlassen. Zu knapp ist ihm der Sieg entglitten, zu verführerisch die Aussicht, in potenter Wartestellung zu bleiben. Dasselbe gilt für seinen jovialen, doch wenig beliebten Gegner Romano Prodi, der von der Wählerschaft abgestraft wurde, weil er aus der drohenden Massenarmut und der miserablen Wirtschaftspolitik seines milliardenschweren Widersachers kein echtes Kapital zu schlagen vermochte. Heute ist er trotzdem weniger entbehrlich denn je. Darum drohen beide politischen Führer dem Land noch länger erhalten zu bleiben, und vielleicht muß gar der sechsundachtzigjährige Staatspräsident Ciampi als einziges Verfassungsorgan inter partes für eine zweite Amtszeit in Dimensionen adenauerscher Vergreisung vordringen.

Ein konservatives Land

Der argumentative Tiefstand, der unverhohlene Klientelismus, die faschistischen und kommunistischen Sauriersymbole sowie die allgegenwärtige politische Senilität verraten: Italien ist im Kern immer noch ein konservatives Land, katholisch, provinziell, gegenmodern. Auch eine Linke, die mit dem von Helmut Kohl unterstützten Musterkatholiken und Parteilosen Prodi antritt, zeugt von der zögernden Öffnung eines Landes, das seine Mitte sucht. Erstmals gibt es nun hier numerisch eine linke Mehrheit, was im politischen Laboratorium Europas eine kleine Revolution bedeutet. Aber wie jede kategorische Tat der Italiener wird auch diese schon in ihren Anfängen blockiert, zurückgenommen.

Und so hat sich das Land getreu dem anarchischen und mißtrauischen Grundzug seiner Bürger gegen alles entschieden: Man will keinen Berlusconianismus, keinen Abschied aus Europa, keine Politstars im Rentenalter, aber man will auch keine europäische Zahlungsmoral, keinen Syndikalismus, keine Ideologien und keine große Koalition. Soviel Ende war nie. Aber was läßt sich damit anfangen?

Quelle: F.A.Z., 12.04.2006, Nr. 87 / Seite 39
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