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Italien Gefangenenchöre

Jeder italienischen Region ihre eigene Hymne, fordert ein Senator der „Lega Nord“. Aber lässt sich Italiens fragile Einheit noch zusammenhalten, wenn der Sizilianer die Mafia und der Südtiroler seinen Kaiser besingt?

Als der italienische Senator Federico Bricolo jüngst das Recht der italienischen Regionen auf separate Hymnen einforderte, erklärten ihn sogar Angehörige der eigenen Koalition zum Wichtigtuer. Wer zwanzig neue Provinziallieder fordere, habe wohl einen Sonnenstich. Die Bemühungen von Bricolos „Lega Nord“ zugunsten regionaler Symbole reichten bislang von grünen Krawatten bis zur Forderung, Italiens martialische Mameli-Nationalhymne durch Verdis Gefangenenchor aus „Nabucco“ zu ersetzen. Die Vorstellung, bei Fußball-Länderspielen die Azzurri als arme Häftlinge – vielleicht gar der eigenen politischen Kaste? – in Tränen ausbrechen zu sehen, hat der an sich schönen Idee den Garaus gemacht.

An einer geeigneten Hymne der Sarden, der Toskaner, der Piemontesen mangelt es weiterhin. Dabei könnte im armen, aber sangesfreudigen Mezzogiorno eine Ausschreibung für eine Basilicata-Hymne oder einen Lobgesang der Apulier eine echte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme lostreten. Ob allerdings Italiens fragiler Zusammenhalt nicht noch weiter litte, wenn erst einmal die Sizilianer stolz ihre Mafia und die Südtiroler ihren Kaiser Franz Joseph besingen dürfen?

Mit Kölsch und Chianti

Ein Blick nach Norden könnte die Italiener freilich lehren, dass ein Wust von Hymnen für eine Nation nicht automatisch das Ende bedeutet. Das offizielle Hessenlied etwa („Ich kenne ein Land so reich und so schön“) ließe sich sicher problemlos ins Lombardische umdichten. Dass auch das kleine Saarland seine eigene Hymne hat („Hier ist meine Heimat im Lande der Saar“), müsste das Aostatal inspirieren. Und wenn Papst Benedikt inbrünstig „Gott mit dir, du Land der Bayern“ schmettert, dann sollte dem Patriarchen von Venedig die Markushymne nicht untersagt werden. Aus der Unzahl deutscher Stammesgesänge können die Italiener sich gern bedienen. „Gott segne Sachsenland“ klingt fromm genug, das Badnerlied ist angemessen weinselig, das Westfalenlied („Wo in den Bergen ruht das Eisen“) empfiehlt sich für abgewrackte Industrielandschaften, und meerumschlungen wie Schleswig-Holstein ist die ganze italienische Halbinsel auch.

Nur antiitalienische Zeilen aus dem Lied eines erdverwachsenen Stammes sollte man füglich weglassen: „Wo fiel’n die römischen Schergen? Wo versank die welsche Brut? In Niedersachsens Bergen, an Niedersachsens Wut.“ Nein, dann schon lieber der nachbarschaftliche Ton im zu Unrecht unvergessenen „Lied für NRW“ der Bläck Fööss: „Kölsch, Alt und Pils – wir steh’n hier Hand in Hand.“ So etwas Ähnliches müsste doch auch mit Barolo, Chianti und Prosecco hinzukriegen sein.

Quelle: F.A.Z.

 
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