11.10.2006 · Wir sind hier: Ein neorealistischer Film über die massive Einwanderung aus Fernost gibt dem italienischen Unbehagen und den Gefühlen der Zuwanderer ein Gesicht.
Von Dirk Schümer, ChioggiaItaliens bekannteste Bar liegt im venetischen Fischerstädtchen Chioggia, direkt am Kutterkai der Lagune, und heißt „Osteria Paradiso“. Doch handelt es sich hier weder um ein Esslokal noch um ein Paradies, sondern um eine hundsnormale Kaffeebar, in der tagsüber die lokalen Rentner Karten spielen oder Einsame an Automaten daddeln. Das Fernsehen läuft wenig beachtet vor sich hin, der Billardtisch steht verwaist in der Ecke. Besonders typisch ist die Bar „Paradiso“ durch ihre Besitzer, denn es sind Chinesen. Von ihrer neuen Welt handelt Andrea Segres Film „Io sono Li“, der jetzt in ganz Italien Besuchermassen anzieht und unlängst auf den Filmfestspielen am venezianischen Lido, quasi in Sichtweite von Chioggia, gefeiert wurde.
Die Geschichte ist simpel, beinahe melodramatisch und erzählt von der jungen Chinesin Shun Li, die in norditalienischen Textilfabriken chinesischer Provenienz rackert, um ihren kleinen Sohn aus dem Heimatland nachkommen zu lassen. Als sie in die Bar „Paradiso“ versetzt wird und sich schnell die Dialektausdrücke für maritime Speis und alkoholischen Trank der Fischer aneignet, beginnt eine bittere Romanze mit dem alten Bepi, der sozusagen die entgegengesetzte Geschichte zur agilen chinesischen Zuwanderung durchmacht. Verwitwet, die Kinder sind aufs Festland gezogen, ist ihm wie vielen Kollegen in der Einsamkeit der Rente nurmehr das Fischen zu eigenem Spaß geblieben. Zwei Isolierte – die eine jung und ohne Ruhetag, der andere alt und ohne Beschäftigung – freunden sich an. Was beide Gemeinschaften, die italienische und die chinesische, brutal zu verhindern wissen.
„Io sono Li“ ist im Italienischen ein Wortspiel und bedeutet „Ich bin Li“, doch gleichermaßen „Ich bin hier“. Dieses Hier hat der junge Regisseur Andrea Segre, der bisher nur Dokumentarfilme produziert hat, in der Tradition des großen italienischen Kinos der Neorealisten eingefangen und unterscheidet sich damit markant von den oft kitschigen und pompösen Studioproduktionen vieler Kollegen. Segre zeigt ein Italien, wie es kein Tourist erlebt: mit Schwenks durch riesige Kleidermanufakturen chinesischer Frauen, mit heruntergekommenen Hinterzimmern, in denen die Arbeitssklaven zum Dichterfest die schwimmenden Kerzen in einer schmuddeligen Badewanne schwimmen lassen, mit chinesischen Großmärkten. Und nicht zuletzt mit einer penibel eingespielten „Organisation“, welche jedem Chinesen ein Arbeitspensum, einen Wohnort und eine Zeitplanung vorgibt, der sich alle unterwerfen müssen. Während andere Filmer und sogar Journalisten streng aus dem Schattenalltag der chinesischen Immigration gedrängt werden, konnte Segre überraschend offen von der Anonymität der einzelnen Arbeiterinnen, von den Massenunterkünften und von der maschinenhaften Planung der Einwanderung berichten. Zwar herrscht hier nur das Geld, doch nicht alles ist inhuman. So kommt am Ende Shun Lis kleiner Sohn tatsächlich gegen Bezahlung nach Italien, während eine andere Chinesin inzwischen die Bar „Paradiso“ übernommen hat.
Sie arbeitet auch an diesem warmen Herbsttag in Chioggia hinter der Theke, denn Liu Hayan steht nicht mehr im Dienst der „Organisation“, sondern konnte sich nach Jahren der Ausbeutung selbständig machen. Bis hin zu den chinesischen Buntdrucken an der Wand ist bei ihr alles wie im Film, sogar einige der Stammkunden des Kinofilms – wie der schnurrbärtige Fischer „Baffo“ – trinken ihren mittäglichen Spritz beim Chinesen und schwadronieren wie im Film von der unbegreiflichen Einwanderung all dieser „Cinesi“, die ihnen Wein einschenken.
Segre musste tatsächlich kaum etwas verändern für sein Szenario, dessen Hauptrollen freilich – gegen das markant niedrigere Honorar einer Low-Budget-Produktion – die beiden internationalen Stars Zhao Tao und Rade Šerbedžia übernahmen, und auch Marco Paolini in der Rolle des Fischers „Coppe“ ist in Italien ein Theaterstar. Liu Hayan, die keinen Ruhetag hat und nie ins Kino geht, ist ein wenig stolz, dass in ihrer Bar ein internationaler Film gedreht wurde. Sie will nun Standfotos aufhängen, wenngleich es nicht so scheint, als würde es die Trinker wirklich interessieren. Ihre Geschichte ist typisch für die rasante chinesische Einwanderung in Italien: Einige Jahre Hosennähen bei Modena in der Po-Ebene, dann Kellnerin in einem chinesischen Restaurant, dann hatte sie nach dreizehn Jahren genug Geld für die Bar in Chioggia beisammen. Ihre zwei Kinder – der Sohn geht aufs Gymnasium und ist ein As in Mathe – fühlen sich längst als Italiener, während Liu Hayan und ihr Mann wieder nach China zurückwollen – irgendwann, vielleicht, möglicherweise.
Liu und ihr Gatte haben wie die meisten Chinesen von den Einheimischen längst christliche Vornamen verpasst bekommen. Wer mag sich im Veneto schon Chinesisch merken? Darum heißt sie bei den Kunden „Chiara“ und er „Luigi“. Doch sie feiern, ganz wie im Film das traditionelle Poetenfest tatsächlich, indem sie Kerzen auf dem Wasser schwimmen lassen, in Chioggia an schlimmen Tagen gar auf dem acqua alta, das von der Lagune in die Bar hineinschwappt.
Nicht überall gelingt die chinesische Immigration so reibungslos wie in Chioggia, und auch der Film erzählt schließlich von der strengen Abriegelung der Populationen, vom Misstrauen der Italiener gegen „das neue Imperium“, gegen die „Invasion“ aus Fernost. Wer heute etwa in Mailands Chinatown in die Via Paolo Sarpi kommt, bemerkt, welche Dimension die organisierte Zuwanderung im Belpaese längst angenommen hat: Viele Hunderte von Krimskramsläden verkaufen chinesische Waren, aber auch Seidenschlipse und Ledertaschen, die Chinesen in chinesischen Fabriken in der Lombardei angefertigt haben.
Wie viele in Italien leben, weiß niemand, auch keine Behörde, weil fast alle Chinesen mit Touristenvisa im Land leben und keine Steuern zahlen. Francesco Bonsembiante, der Produzent von „Io sono Li“, erzählt von seiner Heimatstadt Padua, in der ein hektargroßer Kleidermarkt ganz Osteuropa bis Istanbul mit chinesischen Anzügen und Hemden versorgt. Dass es in seiner Stadt drei rein chinesische Grundschulen gibt, wusste er vorher nicht: „Nur die medizinischen Notfallstationen, die per Eid jeden Menschen behandeln müssen, wissen wirklich, wie ungemein viele kleine Chinesen bereits bei uns geboren werden.“ Aber darüber gibt es keine Statistiken.
In der toskanischen Textilstadt Prato kommt – geschätzt – bereits jeder sechste der 180000 Einwohner aus China und arbeitet in einer der – geschätzt – zweitausend Nähereien, die den Italienern mit chinesischer Ware „made in Italy“ schwere Konkurrenz machen. Erst in diesem Frühjahr wurde Prato von drei Mafiamorden unter Chinesen erschüttert, und die Lega Nord betreibt ihren Wahlkampf längst nicht mehr mit Parolen gegen die vermeintlichen Schmarotzer aus dem Mezzogiorno und den gierigen Zentralstaat in Rom, sondern mit Kampagnen gegen „die anderen“ aus aller Welt.
Insgesamt zehn italienische Filme, fast die gesamte Jahresproduktion, bei den venezianischen Filmfestspielen handelten jetzt von der Zuwanderung, von der Sklavenarbeit, von den Boatpeople oder – gedreht von Ermanno Olmi – von den namenlosen Menschen in Karton-Slums. In Italien, wo sich nach einer neuen Erhebung fünfzehn Prozent aller Nachrichten um die „immigranti“ drehen, sind das alles unterschiedliche Geschichten: die als drogenkriminell empfundenen Schwarzafrikaner, deren Frauen im Straßenstrich auf italienische Kundschaft warten; die Bootsflüchtlinge aus Tunesien und Libyen, die auf Lampedusa anlanden und bis zur Durchreise nach Frankreich gern renitent werden; die – geschätzt – anderthalb Millionen Rumänen und Moldauer, die auf Märkten, auf dem Bau die italienische Drecksarbeit erledigen und im August wie zu Weihnachten in einer Völkerwanderung die Autobahnen gen Osten verstopfen; die vielen tausend Ukrainerinnen, die illegal als Pflegepersonal für die immer zahlreicheren italienischen Greise des Bürgertums arbeiten; die beliebteren Tamilen bei der Feldarbeit in der Po-Ebene; die Albaner, die, als Kleinkriminelle denunziert, oft in illegalen Feldlagern als Hirten oder Tagelöhner arbeiten; die besser organisierten Bengalen, die in Capri in allen Hotels die Betten machen; oder eben die undurchsichtigen Chinesen, deren rätselhafte Import-Export-Präsenz im Hafen von Neapel als Erster Roberto Saviano in seinem „Gomorra“-Epos beschrieben hat.
Das einstige Auswanderungsland Italien mit offiziell sieben, vielerorts aber weit über zwanzig Prozent Zuwanderern fühlt sich „bedroht, an jeder Front, aus jeder Himmelsrichtung“, wie der Publizist Ilvo Diamanti in einem klugen Essay im „Corriere della sera“ schrieb. Das umso mehr, als die meisten Menschen das diffuse und komplexe Phänomen der Zuwanderung nicht anders begreifen denn als „cronaca nera“ – als Schwarzmalerei der Kriminalberichterstattung und als Angst um die eigenen Arbeitsplätze.
Im Veneto streben die Chinesen, wie im Film beschrieben, derzeit massiv in die lukrative Gastronomie. Viele deutsche Touristen dürften gar nicht bemerkt haben, dass die landestypische Osteria, die nette Eisdiele aus dem Urlaub längst von Chinesen betrieben wird, weil diese gern Nordafrikaner als Kellner beschäftigen, damit die Touristen sich ganz wie in Italien fühlen. Die ominöse „Organisation“ der Zuwanderung agiert bei alldem wie eine Menschenfabrik, staunenswert selbstsicher, reibungslos und inzwischen oft auch völlig legal. Filmproduzent Bonsembiante weiß von einer strikten Dreiteilung des Geschäfts mit drei verantwortlichen Köpfen zu berichten, die ihre Zuwanderer aus ebenso genormten drei Regionen in China beziehen. Niemand kann aus dem Regiment ausbrechen. Und ohne das Placet der allmächtigen „Organisation“ hätte das Melodram um die schwermütige chinesische Mutter Shun Li nicht gedreht werden können.
Während viele Italiener erst mit der Fischerromanze aus Chioggia, mit der anrührenden Interpretation durch Zhao Tang den Einzelschicksalen der opaken Zuwanderer aus Fernost ein Gesicht, ein menschliches Gefühl zuweisen können, sind die Vorurteile und Ängste, genau wie „Io sono Li“ dies schildert, weiter allgegenwärtig. Als die stolze chinesische Barbetreiberin Liu Hayan den Produzenten um eine DVD bittet, damit sie den Film, in dem sie sich selbst spielt, ihren Eltern in China schicken kann, verneint Bonsembiante nur milde lächelnd: „Ich will ja nicht, dass noch vor unserem Vertrieb hunderttausend Raubkopien in Italien auf den Markt kommen.“