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Italien Das Orgelwunder

21.04.2009 ·  Seit einer Woche hat San Salvador eine neue Orgel. Der Französisch-Schweizer Jean Jaquenod hat das viele Geld gestiftet, um fortan mit seinem Instrument zu leben und es täglich bespielen zu dürfen.

Von Dirk Schümer, Venedig
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„Un miracolo“ steht in großen Lettern am Eingang der Kirche San Salvador direkt bei der Rialtobrücke in Venedig. Das Wunder, von dem hier die Rede ist, handelt nicht von sensationellen Heilungen, und es taugt nicht einmal als Wirtschaftswunder, auf das auch in Italien in Zeiten der Knappheit viele hoffen. Im Gegenteil – das Mirakel von San Salvador würde von nüchtern rechnenden Ökonomen als Musterbeispiel von Verschwendung bilanziert: Seit einer Woche hat San Salvador eine neue Orgel.

Es ist die erste venezianische Renaissance-Orgel seit Generationen, weil die unschätzbaren Instrumente im Laufe der Jahre alle abgebaut wurden. Die revolutionäre Orgelmusik venezianischer Meister wie Monteverdi, Gabrieli, Merulo kann erst jetzt wieder am Ort ihrer Entstehung erklingen. Fast hätte es der Denkmalschutz noch verhindert, dass in den originalen Orgelkasten von 1530, den Gemälde von Tizians Bruder Sebastiano Vecellio schmücken, der Nachbau der ostfriesischen Orgelbauerfirma Ahrend eingepasst werden durfte. Nun thront das Gesamtkunstwerk aus Renaissance und Historismus über dem Seitenschiff.

Alle Ersparnisse gegeben

Der Französisch-Schweizer Jean Jaquenod hat das viele Geld gestiftet, um fortan mit seinem Instrument zu leben. Der ehemalige Mönch aus Taizé ist nicht reich; er hat für seinen Traum das Elternhaus verkauft und alle Ersparnisse gegeben. Wie viel das neue Prunkstück genau gekostet hat, weiß Jaquenod gar nicht. Seine einzige Bedingung war, die Orgel bespielen zu dürfen und dafür von der Gemeinde einen Raum bei der Kirche gestellt zu bekommen. Jaquenod spricht noch kein Italienisch, kennt außer dem Priester Don Natalino kaum jemanden in der Stadt und ist noch nicht einmal katholisch. Doch der Pfarrer von Salvador hat bereits festgestellt, wie die altmeisterlichen Improvisationen die Liturgie heben und die Menschen verzaubern.

In Zukunft bekommt die Kirche ein ambitiöses Programm mit Orgelvespern prominenter Solisten, von denen Maestro Andrea Marcon am Sonntag der Erste war. Noch wichtiger aber ist der Klang des Alltags. Hinter dem Instrument liegt eine kleine Tür, die in Jean Jaquenods Wohnung führt. Bis abends um elf könnte er spielen, dann springt die Alarmanlage an. Der Organist von San Salvador hat alles Materielle hergetauscht für die Musik. Doch ist Geld nicht ebenso flüchtig wie die Luft aus Orgelpfeifen?

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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