21.04.2004 · Die Attacken von Bibelfundamentalisten und Kreationisten gegen die Lehre von der Abstammung des Menschen tragen Früchte: Darwins Evolutionstheorie wird in Italien aus dem Lehrplan der Schulen verschwinden.
Von Dirk Schümer, VenedigLegendär ist die Reaktion einer frommen britischen Bischofsgattin, als Darwin seinerzeit die Evolutionslehre verkündete: "Ich hoffe, diese schreckliche Sache ist falsch. Aber wenn sie stimmt, muß man verhindern, daß sie bekannt wird." Italiens Erziehungsministerin Letizia Moratti schließt sich nach mehr als hundert Jahren dieser Haltung an, denn als Folge einer Verordnung ihres Hauses wird vom nächsten Schuljahr an Darwins Evolutionstheorie aus dem Lehrplan der Basisschulen verschwinden. Damit ist Italien das erste Land Europas, in dem die Attacken von Bibelfundamentalisten und Kreationisten gegen die wissenschaftliche Lehre von der Abstammung des Menschen Früchte tragen.
Dabei stellen sich Italiens Konservative schlauer an als ihre Gesinnungsgenossen in Amerika, wo in den meisten Bundesstaaten Darwins Lehre nur als eine umstrittene Theorie unter vielen gelehrt werden darf. In Italien jedoch fällt jetzt das Thema bis zur achten Klasse einfach weg. Die Kinder, so argumentiert man im Ministerium, verstünden eine so komplexe Materie in dieser Phase noch nicht. Statt von der Evolution wird im Lehrmaterial nun vage vom "Erscheinen des Menschen" auf der Erde gesprochen. Die freiwerdende Schulzeit wird unter anderem mit Nähen und Sticken ausgefüllt. Nur wer sich später naturwissenschaftlich spezialisiert, darf einstweilen noch mit der anrüchigen Evolutionslehre konfrontiert werden.
Der die Welt gemacht hat
Als ersten Erfolg eines seit mehr als zwanzig Jahren andauernden Kampfes feiern die italienischen Kreationisten die Entscheidung. Fortan komme Darwin nur noch im Fach Geschichte neben den Mythen der Naturvölker vor. Entscheidenden Einfluß sagt man dem Physiker Antonio Zichici nach, der als Präsident der "World Federation of Scientists" einen erbitterten Feldzug gegen Darwin führt. Schon der Titel seines 1999 erschienenen Werks weist eindeutig die Richtung zur katholischen Schöpfungsmythologie: "Weil ich an Den glaube, der die Welt gemacht hat".
Auch der Genetik-Professor Giuseppe Sermonti aus Perugia - Verfasser des Buches "Dimenticare Darwin" (Vergeßt Darwin) - kämpft an vorderster Front. In einem Interview hat Sermonti jüngst leutselig erklärt, was ihm an der ganzen Richtung nicht paßt: die Rolle des Zufalls bei der Menschwerdung und die Verwandtschaft von Mensch und Affe. Statt dessen sei durch Knochenfunde längst erwiesen, daß sich die Naturhistorie in unerklärlichen Sprüngen vollziehe. Mit Verweis auf ähnliche selbstgebastelte Theorien können nun Italiens Gemeindepriester hämischen Nachfragen ihrer Zöglinge nach der Schöpfungsgeschichte besser Paroli bieten, zumal die Konkurrenz einer in der Schule unterrichteten Abstammungslehre wegfällt.
Unheiliger Zusammenhang
Naturgemäß liest sich die Evolution der antidarwinistischen Verordnung als italienisches Politikum. Auch Freunde der Schöpfungslehre weisen auf den gefestigten katholischen Hintergrund der Manager-Ministerin Moratti hin. Schlüsselfigur dürfte hier der Journalist Maurizio Blondet sein, der für das Bischofsblatt "L'Avvenire" tätig ist und erst jüngst ein kreationistisches Werk über den Uccellosaurus herausgebracht hat. Außerdem hatte im Winter die faschistische Nachfolgepartei "Alleanza nazionale" Aktionswochen gegen die Evolutionstheorie abgehalten, in der zwischen linkem Fortschrittsglauben und dem Beelzebub Darwin ein unheiliger Zusammenhang konstruiert wurde. Prompt konstatierten Abgeordnete der "An" eine "weltweite Krise des Darwinismus". Dieser Schulterschluß von Italiens extremer Rechter mit dem Katholizismus wirkt angesichts der kryptodarwinistischen Rassen- und Aggressionslehren von Benito Mussolini einigermaßen überraschend. Doch hat man sich offenbar entschlossen, dieses Erbgut des Duce lieber beim politischen Gegner zu deponieren.
Die Darwinisten wollen die Verdammung der Evolutionslehre aus Italiens Basiswissen jedoch nicht kampflos hinnehmen. In mehreren Universitätsstädten finden derzeit Vortragsreihen zur Erklärung und Stützung des Darwinismus statt. Die konservative, doch unkirchliche Wirtschaftszeitung "Il sole - 24 ore" brachte eine darwinistische Sonderbeilage heraus. Und eine laizistische Wissenschaftlergruppe organisierte eine Protestkampagne mit Briefen an die jeweiligen Abgeordneten.
Ein politisches Konzept
Der Mailänder Wissenschaftshistoriker Enrico Bellone sieht einen engen Zusammenhang zwischen dem neuen rigiden Gesetz zur künstlichen Befruchtung und dem Antidarwinismus, die er beide auf katholischen Einfluß zurückführt. Die Regierung Berlusconi vollziehe, so Bellone, mit der neuen Schulverordnung, die Italien in Europa isoliere und aus der weltweiten Gemeinschaft der Wissenschaft ausschließe, "ein präzises politisches Konzept". Zudem sieht der Forscher in der rückschrittlichen Linie eine Kapitulation vor der Dummheit: "Warum traut man heutzutage Zehn- bis Dreizehnjährigen nicht mehr zu, die Evolutionslehre zu verstehen? Früher waren die Kinder dazu ohne weiteres in der Lage."
So gesehen, befindet sich die Erziehungsministerin Moratti, die mit ihren Plänen zur Beschleunigung und Ökonomisierung des Schulbetriebs ohnehin hart in der Kritik steht, doch noch im Einklang mit Darwins Lehre: Sie hat den Selektionsdruck auf die Evolutionslehre erhöht und nur mehr den fittesten Schülern die Gelegenheit gegeben, mit ihr intellektuell zu überleben. Und ganz nebenbei hat sie erwiesen, daß sich zumindest die Evolution des Wissens ruckhaft und in Sprüngen - zuweilen auch nach rückwärts - vollzieht.