04.07.2003 · Berlusconi lehrt sogar das italienverliebte Feuilleton das Fürchten. Bei einem „Tagesspiegel“-Redakteur ruft sein Auftritt Erinnerungen an ein ominöses Erlebnis vor 27 Jahren hervor: Einblicke in die dunkle Seele Italiens.
Was wären wir Deutschen ohne Italien: das Land unserer Sehnsüchte, unserer Erholungs- und Kulturreisen, unserer liebsten Delikatessen und Weine - aber auch unserer Ängste vor einer Nation, die so dicht und doch so anders ist als die deutsche.
Das Italien, vor dem wir uns ängstigen, trägt seit dem Mittwoch das Antlitz Silivio Berlusconi. In ihm finden wir das unbeherrschte, unkontrollierbare, eruptive Element der italienischen Seele wieder, das düster Bedrohliche, das unser Traumbild vom Pasta- und Ciabatta-Mahl an toscanischen Holztischen überschattet. Ohne Berlusconi ist Michelangelo nicht zu haben.
Selbst das italienverliebte deutsche Feuilleton gerät durch die Episode aus dem EU-Parlament ins Schaudern. Und mancher, wie der Feuilleton-Chef des „Tagesspiegel“, fühlt sich sogleich an verdrängte Erlebnisse aus tiefster Vergangenheit erinnert. 1976 nämlich hat Peter von Becker, wie er schreibt, eine „Nacht mit der Mafia“ verbracht, von der er nun - da der richtige Zeitpunkt gekommen ist - der Leserschaft berichtet. Letztere darf staunen: Wer hätte gedacht, daß Feuilletonisten mal etwas richtiges erleben, statt ausschließlich in Theatern und Museen zu verstauben?
Das Geheime, Geheimnisvolle
Die Kombination Mafia - Berlusconi erklärt von Becker mit der ungeklärten Herkunft von dessen Vermögen, vor allem aber mit der schillernden Gestalt des Ministerpräsidenten: „Ihm haftet als Kehrseite seiner ständigen öffentlichen Präsenz auch das Geheime, das Geheimnisvolle an“, schreibt der „Tagesspiegel“-Redakteur. „Es ist die lockende, die befremdende Aura und Magie wie auch beim Künstler oder beim großen Verbrecher.“ Die Mafia wiederum sei „ein Phantom und zugleich real“, fährt er fort und öffnet nach der langen Vorrede endlich den Vorhang: „An diesem Punkt nun werde ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Meine Nacht mit der Mafia.“
1976 also ist von Becker nach Neapel und auf die Insel Ischia im Golfo di Napoli eingeladen, als Juror eines internationalen „Visconti-Preises“. Es stellt sich aber heraus, daß die Preisvergabe längst beschlossen ist: „Die Jury war nur eine mit liebenswürdiger Generosität behandelte Scheinjury.“ Anders als ein deutscher Kollege reist von Becker daraufhin nicht sofort wieder ab, sondern nimmt noch an einer Feier nach der Preisverleihung teil, welche ausgerichtet wird in „einer weißen, hoch ummauerten Villa im Hang“. Hausherr ist ein Mann, den von Becker nur „Signor P.“ nennt, ein „großer, riesenbabyhaft rundlicher Enddreißiger in hellem Anzug“.
Harte Gesichter mit Sonnenbrillen
Mit journalistischem Instinkt und feuilletonistischem Feinsinn registriert der Gast aus Deutschland alsbald, daß „irgendetwas anders in diesem Haus“ ist. Zum Beispiel das Buffet, das „tropisch“ riecht, „nach Blüte und Verwesung“. Ob dem Journalisten da nicht seine übersteigerte Phantasie einen Streich spielt? Doch dann macht von Becker die entscheidende Entdeckung: „Plötzlich stehe ich vor einer kurzen Treppe zu einem tiefer gelegenen Raum, öffne die nächste Tür und bin in einem verrauchten Billardzimmer. Darin nur Männer, andere Männer. Härtere Gesichter. Und das ist nun wie im Film: Hier wird kaum geredet, man spielt Billard, trinkt, raucht, und jeder Zweite trägt hier um Mitternacht eine dunkle Sonnenbrille.“
Jetzt ist die ganze feuilletonistische Wortmacht gefordert, um das, was hier vor sich geht, zu beschreiben: „Es ist ein tödlicher Raum, in dem für den arglos Eingetretenen die Temperatur wie unter einer eisigen Klimaanlage abgestürzt ist. Niemand schaut auf, ich bin nur andere Luft, und ich kehre um. Bitte mit Hilfe einer befreundeten deutschen Italienkorrespondentin, die zum Visconti-Preis gekommen war, um ein Taxi.“ Das Taxi kommt, der Journalist steigt ein und fährt ab. Und Ende.
Sind Sie die Mafia?
Das scheint uns für eine Geschichte, die „Meine Nacht mit der Mafia“ betitelt ist, dann doch ein bißchen karg. Genau genommen, hat von Becker ja keine Nacht mit der Mafia, sondern nur ein paar Sekunden mit ihr in einem Raum verbracht, bevor er die Tür wieder schloß. Ja, es ist nicht einmal sicher, ob es sich bei den Männern tatsächlich um Mafiosi handelte; die Frage „Verzeihung, sind Sie die Mafia?“ hat sich von Becker jedenfalls gespart, was durchaus verständlich ist. Und nach längerem Recherchieren war ihm unter diesen Umständen auch nicht.
Der Leser aber dürfte sich durch die Schilderung in seinen Vorurteilen bestätigt sehen: Da stößt ein Feuilletonist mal tatsächlich auf das wirkliche Leben, und was tut er? Er macht die Tür zu. Die größte Enttäuschung an der Erzählung aber ist das Eingeständnis ihres Autors: „Silvio Berlusconi, der auch die Schauspieler und das Showbusiness liebt, war damals wohl nicht dabei.“