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Istanbul Morgenrot und Abendland

18.06.2008 ·  Wo hört Europa auf, und wo beginnt Asien? Eine Antwort auf diese Frage glaubt man am ehesten in Istanbul zu finden, das beide Kontinente trennt und verbindet. Doch die Kulturen überwinden diese Grenze leicht. Rainer Hermann porträtiert eine Metropole, die sich als europäisch, aber nicht westlich begreift.

Von Rainer Hermann, Istanbul
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Drüben, in Asien, geht die Sonne auf, über dem Häusermeer von Üsküdar und Kadiköy, von Scutari und Chalkedon, wo die Muezzine zum Gebet gerufen haben und die Glocken der nahen anglikanischen Krimkirche zur Morgenandacht. Hüben, vor meinem Fenster, taucht die Sonne Europa in weiches Licht: die Kuppel der Hagia Sophia, die zu Stein gewordenen Zelte des Serails der Sultane, die bleistiftschlanken Minarette der Blauen Moschee. Das impressionistisch zarte Pastellgrün der Laubbäume verbindet das Trio. Mittelpunkt zweier Weltreiche war diese Stadt. Dann zog die Geschichte an ihr vorüber. Geblieben sind steinerne Zeugen. Bleiben wird das Wasser, das diese Stadt umspült und dem sie ihren Charme verdankt.

Schon früh am Morgen tuckern große und kleine Fähren zwischen den Kontinenten, und aus dem Bosporus zieht ein tief liegender Öltanker leise in das Marmarameer hinaus. Ein Meer voller Leben ist der Bosporus, ein von Wasser überspülter Platz. Eines ist er nicht: eine Kulturgrenze. Nur geographisch zieht er zwischen Europa und Asien einen Strich. Die kulturelle Grenze aber zieht das Goldene Horn, die das geographische Europa teilt. Im Süden, auf der historischen Halbinsel, siedelten stets jene, die sich dem Osten zugehörig fühlten: die Byzantiner und die Osmanen, die griechisch-orthodoxen und die armenisch-apostolischen Christen. Auf meiner, der gegenüberliegenden Seite, in Pera also, ließen sich die lateinischen Christen nieder und die aschkenasischen Juden. Das war unter den Byzantinern so und unter den Osmanen.

Zwei Weltreiche auf Augenhöhe

Selbstverständlich wohne ich als lateinischer Christ in Pera. Der Blick aus meinem Fenster ermüdet meine Augen nicht. Kein Hochhaus platzt in die Silhouette hinein, die zu den schönsten zählt, die Natur und Mensch geschaffen haben. In dieses Auf und Ab von Historie und Topographie, von Minaretten und Kuppeln, die stets eine Variation des Themas der Hagia Sophia sind. Wie Westrom entstand das Zweite Rom auf sieben Hügeln. Auf den beiden höchsten Punkten ruht jeweils der Klimax beider Weltreiche: Links die byzantinische Hagia Sophia, rechts die Moschee von Süleyman dem Prächtigen. Die Ausmaße seines Reichs deckten sich mit denen des Byzantinischen im neunten Jahrhundert. Seine Moschee begegnet der Hagia Sophia auf Augenhöhe.

Mein Fenster ist eingelassen in die hoch aufragende gelbe Fassade der ehemaligen Residenz der preußischen Gesandtschaft. Wie ein übermächtiger Fels erhebt sie sich aus dem Häusergewimmel des Hafenviertels von Karaköy. Ich schreite durch das Portal nach draußen. Links öffnet eine enge Gasse den Blick auf den Galataturm, das Wahrzeichen von Pera, dem heutigen Beyoglu. Rechts führt eine andere hinauf zur Fußgängerzone der Istiklal Caddesi, zu den Cafés und Kinos, den Bars und Buchläden, den Theatern und Tanzklubs, mitten in das Vergnügungszentrum Istanbuls hinein. Und hinab öffnet sich ein Labyrinth von Gassen. Immer stoßen die Augen auf unverhofft Schönes. An einer Ecke ein art-nouveau-Brunnen, dort die Kamondotreppen. Wie eine Orchideenblüte windet sie sich von der osmanischen Bankenstraße zum Hintereingang einer Synagoge. Überhaupt, immer wieder Synagogen. Mehr als ein halbes Dutzend allein in meinem Viertel.

Auf Hochglanz gebracht

Istanbul ist europäisch, aber nicht überall westlich, und Istanbul lebt nicht aus einem Zentrum, sondern in seinen Stadtteilen. Klein sind die öffentlichen Räume und voller Leben. Am Galataturm kaufe ich bei einem kurdischen „Manav“ Obst, das wie Obst schmeckt. Der Bakkal auf der anderen Seite der Straße bringt mir Zeitungen, Brot und Wasser, wenn ich sie nicht selbst hole. Aus dunklen Kellern dröhnt der Stanzrhythmus der Maschinen von Kleingewerbetreibenden. Fotostudios zogen hierher und ein Modeatelier, das seine Kollektionen nach Frankreich, Amerika und Japan exportiert.

Das Viertel aber verändert sich. Erst jagte ein Discounter dem Bakkal Kunden ab, nun werden die Häuser in immer schnellerem Rhythmus verkauft, geräumt und luxussaniert. Wie nebenan der Kamondo-Han, die Residenz der jüdischen Bankiersfamilie Kamondo. Sie war für den Sultan das, was die Fugger für die Habsburger bedeuteten. Ihr Glanz kehrt zurück. Das Viertel, über das die Schönen und Reichen jahrzehntelang die Nase gerümpft hatten, wird wieder chic. Die eng gewundenen Straßen, die heruntergekommenen Steinhäuser aus der Gründerzeit. Leben mitten im Leben und nicht in irgendeiner austauschbaren gated community draußen vor den Toren der Stadt, wo die Wälder schrumpfen.

Die Türken erobern Istanbul

Am prallsten und anstrengendsten ist das Leben auf der Straße, auf deren Kopfsteinpflaster, als sie noch „Grand Rue de Pera“ hieß, die feine Gesellschaft Konstantinopels flanierte. Die Damen mit weißen Spitzenhandschuhen, die Herren im dunklen Anzug. Arm in Arm passierten sie großherrliche Botschaften, kauften bei Armeniern, Griechen und Juden, was in Europa gerade Mode war, und kehrten in elegante Cafés ein wie dem „Markiz“.

All das endete abrupt in der Nacht auf den 7. September 1955. Der Pöbel, den die Regierung aus Anatolien herbeigeschafft hatte, demolierte die Geschäfte der Minderheiten, plünderte die Waren, vandalierte die Kirchen. Wer konnte, stopfte hastig einen Koffer voll und kehrte dem Land den Rücken. Nicht 1453 eroberten die Türken Istanbul, sie taten es erst in den fünfziger Jahren. Mehmet der Eroberer hatte die Nichtmuslime wegen ihrer Fähigkeiten gehalten und gezielt angesiedelt. Seine republikanischen Nachfolger vertrieben sie. Dabei waren gegen Ende des Osmanischen Reiches in der Hauptstadt der islamischen Welt die Nichtmuslime noch in der Mehrheit. Heute stellen sie weniger als ein Prozent.

Immer wieder die Jugend

Die Istiklal Caddesi ist aber zu neuem Leben erwacht. Nie seit 1955 hat man auf der Straße so viel Griechisch gehört wie heute. Nie zuvor kamen Urlauber aus dem Nachbarland in solchen Scharen in die Stadt, die sie mit Wehmut noch immer Konstantinopel nennen. Das Markiz hat nach Jahrzehnten, in denen es zu einem Lager für Autoersatzteile verkommen war, seinen Charme des art nouveau wieder entdeckt, mit den aufpolierten großflächigen Jugendstilfayencen zu den Jahreszeiten. Die Starbucks der Welt haben auch in diesem Viertel Einzug gehalten. Immerhin sorgte ihr Wettbewerb für frischen Wind, der den Muff aus verstaubten Etablissements zu vertreiben half.

Das dichte Geflecht an Gassen und Seitengassen zieht die Jugend an, immer wieder die Jugend. „Grand“ ist die Rue de Pera nicht mehr. Die Zeiten, in denen es hier unnütze Geschäfte gegeben hat, sind vorbei. Die Istiklal Caddesi ist zu einer Konsummeile abgesackt, mit einem Knick in der Mitte beim französischsprachigen Galatasaray Lycée. Und doch ist mehr als bloß die Fassade geblieben. Beim Lycée unterhält der große Fotograf Ara Güler sein Studio, über dem nach ihm benannten Café. Jenseits der Istiklal Caddesi ist im Weinlokal „Viktor Levi“ die Atmosphäre erhalten, die 1914 der jüdische Weinhändler gleichen Namens geschaffen hatte. Zwei, drei Schritte weiter dringt aus dem Bier- und Weinlokal „Pano“ wieder griechische Musik.

Von Asien nach Europa

Um die Ecke strömen Jugendliche in eine Kirchenbasilika, die die neuen Besitzer in eine Diskothek umgestaltet haben. „Ghetto“ nennen sie den neuen Tempel. Ich biege in die Straße des Fischmarkts ein, den Balik Pazari, dann nach links in die Nevizade Sokak. Voll sind sie jeden Abend, die dreißig meyhanes, die Kneipen und Schenken. Der Kellner balanciert geschickt eine Platte mit zwei Dutzend Vorspeisen, mit Auberginencreme und gefüllten Weinblättern, mit armenischer Topik und Artischocken in Olivenöl. Der Raki fließt, und ein Musikerensemble entsteigt einem Schwarzweißbild von Ara Güler. Ein Tambour und eine Fiedel, ein Hackbrett, eine Trommel, die näselnde Klarinette. „Düsündum ki unuttun“, setzt der Sänger seufzend ein. Ich denke, du hast mich vergessen. Eines der großen Lieder des unvergessenen Zeki Müren. Musik für das meyhane, für die Taverne der Türken. Jeder kennt den Text, singt mit. Ein Tisch tanzt, bald das ganze Lokal. Lebendiges türkisches Musikgut.

Es ist spät geworden in Nevizade und draußen auf der Istiklal Caddesi. Noch immer schieben sich die Massen auf und ab. Bis hinauf zum Taksim-Platz, wo die Straße vor Atatürks schönstem Denkmal endet. Er hatte die Türkei auf das Niveau der „zeitgenössischen Zivilisation“ heben und sie nach Europa führen wollen. Sein wichtigstes Denkmal steht auf dem Platz, der wie kein anderer den neuen öffentlichen Raum der Stadt verkörpert, eine der wichtigsten Errungenschaften des Westens. Mich zieht es müde nach Hause. Wieder stehe ich am Fenster. Im Scheinwerferlicht umkreisen Möwen unentwegt den spitzen Kegel des Galataturms. So lange, bis da drüben, in Asien, bald wieder die Sonne aufgeht, und bis sie bei uns in Europa die weite Kuppel der Hagia Sophia wieder in ein sanftes Licht taucht.

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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