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Ukraine-Konflikt : „Der Versuch, das Russische abzuschaffen, war eine Dummheit“

  • Aktualisiert am

Gerd Hentschel ist für Professor Slavistische Sprachwissenschaft an der Universität Oldenburg Bild: Gerd Hentschel

Im Osten der Ukraine spricht man Russisch, im Westen Ukrainisch, vielerorts eine Mischform: Ist der Konflikt dort auch ein Kampf der Sprachen? Der Osteuropa-Forscher Gerd Hentschel sagt: nein.

          Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde in der Ukraine das Russische durch das Ukrainische als einzige Amtssprache ersetzt. 2012 ließ Präsident Viktor Janukowitsch Russisch als Regionalsprache zu. Nach der Majdan-Revolution stimmte das Parlament – als eine seiner ersten Handlungen – für die Abschaffung dieser Reglung. Auch wenn Übergangspräsidenten Turtschinow das entsprechende Gesetz am Ende nicht unterzeichnete, sorgte der Beschluss für viel Aufregung. Es entstand der Eindruck, der Konflikt in der Ukraine sei ein Sprachenkonflikt. Ist das richtig?

          Aus meiner Sicht war der Versuch, das Gesetz abzuschaffen, eine große Dummheit. Denn die ukrainische Bevölkerung ist durchaus bereit, Russisch in den Gegenden, in denen es gesprochen wird, als gleichberechtigte Amtssprache zu dulden. Eine Umfrage des Kiewer internationalen Instituts für Soziologie vom April dieses Jahres deutet darauf hin. Es gibt in der Ukraine auch keine grundsätzlichen Vorbehalte der einen oder anderen Sprache gegenüber. Belastbare Daten aus einem mehrjährigen Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft zeigen, dass die überwältigende Mehrheit in allen Teilen der Ukraine der Meinung ist, ein Bürger ihres Landes sollte sowohl Russisch als auch Ukrainisch sprechen
          In einer früheren Version dieses Artikels wurde fälschlicherweise behauptet, die Regelung von 2012  sei durch den Parlamentsbeschluss aufgehoben worden.

          Wie sehr unterscheiden sich denn die beiden Sprachen? In etwa so wie Niederländisch und Deutsch?

          Grundsätzlich ist das Ukrainische dem Russischen näher als das Niederländische dem Deutschen. Wobei jemand, der nur mit Russisch groß geworden ist, schon Probleme hat, einen komplexeren Text auf Ukrainisch zu verstehen. Das liegt vor allem am Wortschatz. Da große Teile der Ukraine jahrhundertelang im polnischen Einflussbereich lagen, gibt es sehr viele polnische Lehnwörter und andere Gemeinsamkeiten.

          Mal abgesehen von der offiziellen Regelung - welche Sprache sprechen die Menschen im Alltag?

          Das hängt von den Regionen ab. Der Westen, das heißt, grob gesagt, der Großraum Lemberg, stand bis 1945 nie unter russischer Herrschaft. Da hat sich das Ukrainische sehr gut gehalten und wird ganz selbstverständlich auch im Alltag gesprochen. Im Donbass-Gebiet und im Süden ist das Russische als Alltagssprache verbreitet. Was übrigens nicht immer mit der Nationalität einhergeht. Es gibt dort viele Menschen, die sich als Ukrainer sehen, aber Russisch sprechen. In der Zentralukraine, die die Hälfte des Territoriums ausmacht, gibt es keine eindeutige Orientierung auf die eine oder andere Sprache. Dort spricht man im Alltag häufig eine Mischsprache aus beidem - den Surzhyk.

          Was genau ist der Surzhyk?

          Der heutige Surzhyk ist entstanden, als ukrainische Bauern vor und nach dem Zweiten Weltkrieg vom Land in die großen Industriestädte zogen, wo natürlich Russisch die dominierende Sprache war. Weil sie wussten, dass ihren Kindern in der sowjetischen Gesellschaft Russisch schneller und besser weiterhelfen würde als die ukrainische Mundart, haben sie versucht, so gut Russisch mit ihnen zu reden, wie sie es konnten. Ähnlich wie bei Kreolsprachen sind die Kinder bereits mit der gemischten Sprache aufgewachsen.

          Der Dialekt beeinflusste aber auch die Sprache der Stadtbewohner. Das kann man gut verstehen, wenn man sich bei uns Nord- und Süddeutschland ansieht: In Norddeutschland, wo man auch auf den Dörfern nicht mehr Niederdeutsch, sondern Hochdeutsch spricht, gibt es in den Städten keine Mischformen. In Süddeutschland hingegen findet man bis heute noch funktionierende Mundarten in den Dörfern. Deswegen gibt es auch Stadtdialekte, die nichts anderes sind als eine Mischung aus Hochdeutsch und den Dialekten vom Land.

          Dass der Surzhyk von Bauern herrührt, ist natürlich ein Grund für das Vorurteil, dass er die Sprache der Ungebildeten sei. Auch sein Name ist abwertend: Surzhyk meint ursprünglich Weizenmehl, dem Roggenmehl beigemischt wurde, oder Roggenmehl, das durch Gersten- oder Hafermehl gestreckt wurde. Wobei man bedenken muss, dass Weizenmehl für Kuchen und Weißbrot und Roggenmehl für dunkles Brot die größte Wertschätzung genoss. Der Surzhyk wird also mit schlechtem Mischbrot gleichgesetzt.

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