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Israel Erschöpfung und Bankrott

10.11.2004 ·  In Israel stehen sich Tauben und Falken starr gegenüber. Erschöpft die einen, bankrott die anderen, sagt Amos Oz. Der israelische Schriftsteller über sein Land angesichts des Todeskampfs von Jassir Arafat.

Von Amos Oz
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In Israel sind die Tauben erschöpft und die Falken bankrott. Erschöpfung ist nicht so schlimm wie Bankrott. Jassir Arafats Tod, der in diesen Tagen immer neu verkündet und dementiert worden ist, ändert nichts an der elementaren und drängenden Notwendigkeit, der sich Israel ebenso gegenübersieht wie die Palästinenser: Beide Seiten müssen die Politik der Zwei-Staaten-Lösung pragmatisch vorantreiben.

Die Nachrufe, welche die Arafat-Experten in den letzten dreißig Jahren geschrieben haben, füllen ein ganzes Regal. Weder Tauben noch Falken können zulassen, daß Arafat, lebendig oder tot, den Riß in der israelischen Gesellschaft übertüncht oder entstellt. Dieser Riß hat nichts mit dem Auf und Ab von Arafat und seinen Nachfolgern zu tun, sondern mit der Frage, wer wir sind, wofür der Staat Israel steht, welchen Weg wir gehen wollen, was möglich ist und was unmöglich, was wir tun und was wir nicht tun können, und vor allem, wer wir sein wollen.

Große Träume auf beiden Seiten

Die Schwäche der Tauben in der jahrzehntelangen Debatte über die Zukunft der besetzten Gebiete, über Krieg und Frieden, hat eine entscheidende Ursache. Uns ist es nicht gelungen, den armen und unterprivilegierten Bürgern Israels klarzumachen, daß es einen direkten Zusammenhang zwischen ihrer Lage und dem Traum von einem Groß-Israel gibt, der die Seele unseres Landes nach dem militärischen Sieg im Sechs-Tage-Krieg von 1967 überwältigte. Ein ähnlich direkter Zusammenhang besteht zwischen der fürchterlichen Armut in den besetzten Gebieten und dem Groß-Palästina-Traum extremistischer Palästinenser und ihrer Führer.

Seit mehr als dreißig Jahren steckt Israel Milliarden von Dollar in den Bau und Unterhalt von Siedlungen in den besetzten Gebieten. Dieses Geld hätte für den Bildungssektor, für soziale Dienste, Kultur und Wissenschaft und für die Entwicklung von Galiläa und Negev verwendet werden können. Doch es geht um mehr als nur die Tatsache, daß die Siedler mit staatlichen Mitteln gefördert wurden. Dieses Geld stand den Bedürftigen nicht mehr zur Verfügung, sie verarmten, ihre Lage verschlechterte sich, und in ihrer Verzweiflung wurden sie zu Nationalisten. Sie sind gefangen in einem Kerker aus Angst, Feindseligkeit und Araberhaß, in die Irre geführt von aggressiven und religiösen Extremisten. Diesen Teufelskreis haben die Tauben nicht durchbrechen können.

Was wollen die Falken?

Die Verarmten haben in dem Streben nach Frieden immer nur ein Projekt der Satten und Gutverdienenden gesehen, denen es mehr um das Wohlergehen der Palästinenser geht als um die Lage der Arbeitslosen und Armen im eigenen Land. Die Tauben werden auch weiterhin erschöpft sein, und zwar so lange, bis sie diese Kluft überwinden und die Masse der unterprivilegierten Israelis ansprechen, die seit Jahren den Preis für die Besatzungs- und Unterdrückungspolitik ihrer Regierung zahlen.

Keiner der Falken, die Ariel Scharons Rückzugsplan ablehnen, hat in der vor kurzem erfolgten Debatte in der Knesset erklärt, was sie eigentlich wollen. Wollen sie die Besatzung fortführen? Weiterhin auf einem Groß-Israel bestehen, bis das jüdische Volk nur noch eine Minderheit zwischen Jordan und Mittelmeer ist? Wollen sie einen Apartheidstaat? Wollen sie die Herrschaft des Volkes abschaffen und durch die Herrschaft der Rabbis ersetzen? Die Falken haben sich um diese Frage gedrückt. Weil sie keine Antwort haben oder weil sie an Wunder glauben. Vielleicht gibt es einige unter ihnen, die im Schutz der Dunkelheit leise eine Antwort geben, die so ungeheuerlich und verbrecherisch ist, daß sie es nicht wagen, sie in der Öffentlichkeit laut auszusprechen. Statt die einfache Frage zu beantworten, was aus uns wird, wenn wir weiterhin eine andere Nation beherrschen und unterdrücken, haben sich die Friedensgegner auf Demagogie verlegt. "Ein Rückzug aus Gaza ist der Lohn für Terror", sagen sie. Nehmen wir an, es wäre so. Aber müssen wir weiterhin die Strafe (nämlich Gaza) auf uns nehmen, nur damit die Terroristen keinen Lohn bekommen?

Ein revolutionärer Schritt

Ein Rückzug ohne Verhandlungen, so warnen uns die Friedensgegner, werde nicht zu einem Rückgang der Angriffe auf Israel führen. Wer hindert sie denn daran, über einen Abzug aus Gaza als Bestandteil eines Abkommens mit den Palästinensern oder in Abstimmung mit den arabischen Staaten oder den Großmächten zu verhandeln? Der Bankrott des Groß-Israel-Lagers ist vor allem daran zu erkennen, daß seine Vertreter nicht mehr erklären, woran sie wirklich glauben. Kein Falke traut sich mehr zu sagen, daß wir auch nicht einen Quadratzentimeter von Erez Israel aufgeben dürfen. Diese Ware haben sie aus dem Angebot genommen, weil ihnen womöglich selbst klargeworden ist, daß sie ungenießbar war. Nun murmeln sie, daß ein Rückzug militärisch gefährlich oder sehr schmerzhaft für die Siedler sei oder Hamas ermutigen werde oder im Rahmen eines Abkommens und nicht einseitig unternommen werden dürfe. Das heißt, die Falken haben schon klammheimlich den entscheidenden Rückzug angetreten. Sie haben sich von ihrer alten Position verabschiedet, wonach wir keine Handbreit Boden aufgeben dürfen, weil alles uns gehört.

Diesen revolutionären Schritt sollten die Tauben mit Anerkennung und Erleichterung akzeptieren. Die Tauben sollten über die Tragödie der Falken nicht jubeln, denn im Zustand der Erschöpfung sollte man das bißchen Kraft, das einem noch geblieben ist, nicht auf so überflüssige Gesten wie Arroganz, Stolz und Verachtung verschwenden. Ein solches Verhalten würde die Tauben nur noch mehr von den Benachteiligten und Unterdrückten entfernen, ohne die kein Frieden geschlossen werden kann.

Amos Oz auf Lesereise in Deutschland:

Mittwoch, 10.11., 20.00 Uhr: Thalia Buchhaus, Bremen
Donnerstag, 11.11., 20.00 Uhr: Schauspiel Köln
Freitag, 12. 11., 19.00 Uhr: Axel-Springer-Haus, Berlin (Preisverleihung WELT-Literaturpreis)
Samstag, 13. 11., 20.00 Uhr: Jüdisches Museum, Berlin

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2004, Nr. 263 / Seite 39
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