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Islamwissenschaftler im Gespräch „Ich habe meinen Optimismus nicht aufgegeben“

 ·  Weltreligion in der Pubertät: Ein Interview mit dem Islamwissenschaftler Thomas Bauer über den Arabischen Frühling und die Missverständnisse bei der Scharia.

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© Pein, Andreas Vergrößern Thomas Bauer

In Ihrem Buch „Die Kultur der Ambiguität“ beschäftigen Sie sich mit dem Teil islamischer Kulturgeschichte, der auf das sogenannte „goldene Zeitalter“ folgte und lange Zeit weitgehend unbeachtet blieb. Dort stießen Sie auf eine „andere Geschichte des Islams“ und zeigen, dass zur islamischen Tradition nicht nur der Islam des Propheten und der rechtsgeleiteten Kalifate gehört, sondern dass jahrhundertelang Toleranz und ein Nebeneinander verschiedener Meinungen und Wahrheiten vorherrschten. Wie kamen Sie darauf, sich diesem Teil der islamischen Kultur zu widmen?

Der entscheidende Anstoß war eigentlich meine Neugier, zu erfahren, wie es mit der arabischen Literaturgeschichte weitergeht. Mein Buch „Die Kultur der Ambiguität“ ist Teil eines weitaus größeren Projekts, das ich unter anderem mit den Mitteln, die ich jetzt durch den Leibniz-Preis zur Verfügung habe, weiter ausbauen werde. Es geht darum, die Erzählungen vom „goldenen Zeitalter“ zu unterlaufen. Als man sich in der islamischen Welt im 19. Jahrhundert mit der militärischen und wirtschaftlichen Übermacht Europas konfrontiert sah, musste man sich fragen, wie es dazu kommen konnte. Und so datiert aus dieser Zeit die Erklärung, dass die ehemals blühende islamische Kultur eine lange Periode des Niedergangs durchlebt habe. Die Dekadenztheorie besagt aus heutigem Standpunkt heraus aber rein gar nichts, weil es ein Auf und Ab überall gab und die westliche Moderne nun einmal nur im Westen entstand und nicht auch in Japan oder China.

Was hat es mit der „Erzählung vom goldenen Zeitalter“ auf sich?

Erzählungen vom „goldenen Zeitalter“ sind sehr mächtig. Es gibt heute zwei Ausprägungen davon, einmal die nationalistische und einmal die fundamentalistische Erzählung. Erstere stimmt weitgehend mit der europäischen Sichtweise überein. Demnach wird als „goldenes Zeitalter“ des Islams das achte und neunte Jahrhundert bezeichnet, in dem die griechischen Wissenschaften übernommen wurden und man von staatlicher Seite eine rationalistische Theologenschule durchsetzen wollte. Aus fundamentalistischer, salafistischer Perspektive war das „goldene Zeitalter“ die Zeit Mohammeds und der zwei Folgegenerationen, und man glaubt, dass der Niedergang als Strafe für die Abkehr vom „wahren Islam“ erfolgte. Diese Riesentheorie eines Niedergangs über ein Jahrtausend ist wirklich ein Hindernis für die islamischen Länder, in der Moderne anzukommen, weil man Geschichte einfach durchzustreichen versucht. Und aus diesem Grund hat sich mit der Kultur dieser Epoche auch noch kaum jemand beschäftigt. Insbesondere war die Literatur unbekannt, die zu der Zeit entstand. Und so war ich neugierig und entdeckte, wie unheimlich spannend dieser Abschnitt der Literaturgeschichte ist. Ich stieß auf Religionsgelehrte, die Weingedichte verfassten, homoerotische Poesie, und kam zu dem Schluss, dass der Islam damals eine hohe Ambiguitätstoleranz aufwies.

Können Sie den Begriff der Ambiguitätstorelanz kurz erläutern?

Es ist ein Begriff, den ich aus der Psychologie übernommen habe. Kulturen können meiner These nach mit einem bestimmten Maß an Mehrdeutigkeit, Unentschiedenheit und Konkurrenz verschiedener Normen umgehen, dies ist Teil unserer kulturellen Mentalität. So gibt es Kulturen mit höherer und niedriger Ambiguitätstoleranz.

Den Islam, den Sie untersucht haben und dem Sie ein hohes Maß an Ambiguitätstoleranz bescheinigen, nennen Sie „klassischen Islam“, warum?

Das hat einen ganz einfachen Grund, nämlich den, dass es einen Bruch zwischen Antike und Mittelalter im Oströmischen Reich nicht gegeben hat. Wenn man sich anschaut, wie die Menschen in Damaskus und Aleppo damals gelebt haben, dann stellt man fest, dass sie weiterhin in Bäder gingen, mit Münzen bezahlten und Steinbauten errichteten, sowohl vor als auch nach den islamischen Eroberungen. In Köln hat man dies zur selben Zeit nicht mehr getan. Die Antike ist also vielmehr bruchlos weitergegangen. Deswegen finde ich Bemerkungen wie „im Islam hat es so etwas wie eine Renaissance nicht gegeben“ mehr als kurios, da die Antike ja nie gestorben ist. Die Renaissance war, wenn man so will, immer da. Wenn Sie sich zum Beispiel den Dichter al-Mutanabbi aus dem zehnten Jahrhundert anschauen, er ist die Verkörperung eines Renaissance-Dichters.

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Das Gespräch führte Nadya Hartmann.

Quelle: F.A.Z.
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05.01.2013, 16:41 Uhr

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