10.02.2010 · Der Kemalismus hat versucht, das Leben der Muslime mit staatlicher Gewalt zu modernisieren. Aus dem Scheitern des Experiments sollte die Islamkritik lernen.
Von Karen KrügerOhne Islamkritikerinnen wie Necla Kelek oder Seyran Ates würden wir vieles über das Leben von Muslimen in Deutschland nicht wissen. Nichts über Ehrenmorde und kaum etwas über Zwangsheirat. Und nur wenig über den Missbrauch muslimischer Glaubensinhalte, mit dem Generationen von muslimischen Männern die Unterdrückung ihrer Frauen in allen Gesellschaftsbereichen auch hierzulande legitimieren.
Necla Kelek und Seyran Ates haben viele Gegner, das hat die jüngst geführte Debatte über die Islamkritiker gezeigt. Die gefährlichsten unter ihnen aber, jene, die ihnen nach dem Leben trachten, tragen türkische Namen - denn wenn Kelek und Ates über den Islam in Deutschland sprechen, dann richtet sich die Kritik vor allen gegen Einwanderer aus der Türkei.
Genauso verhält es sich mit den glühendsten Anhängerinnen der beiden Feministinnen - viele von ihnen stammen aus türkischen Familien. In ihnen wurden sie zu Opfern von aus der Türkei importierten muslimisch-patriarchalischen Denkstrukturen, die es dort - folgt man der Logik einiger Islamkritiker - eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Was einige von ihnen jetzt fordern, eine Zwangssäkularisierung des Islam und die autoritäre Verankerung westlicher Werte auf Kosten muslimischer Traditionen, hat man in der Türkei schon vor mehr als achtzig Jahren versucht. In weiten Teilen ist dieser Versuch gescheitert. Türkische Einwanderer brachten ihre Ideen der patriarchalischen Bevormundung und den Anspruch, dass der Koran diese legitimiere, nach Deutschland mit. Mustafa Kemal Atatürks Republik wird heute von einer Partei regiert, die sich massiv darum bemüht, den Islam ins öffentliche Leben zurückzuholen. Muss der Kemalismus noch einmal von vorn anfangen?
Ein Kind im Bauch, ein Knüppel im Rücken
Zu schnell, zu radikal, zu autoritär, von oben auf die Gesellschaft gestülpt und deshalb oberflächlich geblieben, lautet heute das Urteil vieler Historiker, wenn es um die Reformen des Staatsgründers geht. Denn einen Mentalitätswandel, die tatsächliche Abkehr von einem Leben, in dem ein religiös geprägtes Denken den Alltag bestimmt und in dem Schlagwörter aus dem Koran ein patriarchales Gesellschaftsmodell legitimieren, erreichte er mit seinen Reformen nur innerhalb der großstädtischen Elite. In der breiten Bevölkerung wurden das Religiöse und eine durch es bestimmte Mentalität im Privaten weitergepflegt - oft viel radikaler als zuvor.
Noch Mitte der achtziger Jahre lehnte ein türkischer Richter den Scheidungsantrag einer schwangeren und mehrfach von ihrem Ehemann geschlagenen Frau mit der türkischen Redewendung ab: „Eine Frau braucht ein Kind im Bauch und einen Knüppel im Rücken.“ Die durch das Urteil hervorgerufenen Proteste waren die Geburtsstunde der türkischen Frauenbewegung, getragen von muslimischen Frauen. Wenn es heute in der Türkei ein Bewusstsein für die Gleichberechtigung der Geschlechter gibt, dann ist das vor allem ihren Initiativen zu verdanken sowie dem ständigen Bemühen, mit potentiellen Tätern und Opfern in den Dialog zu treten. Gesetze sind natürlich notwendig, um Gewalt strafrechtlich zu ahnden. Verhindern in der alltäglichen Praxis können sie sie jedoch kaum. Genausowenig wird ein tiefgreifendes Umdenken durch sie erreicht.
Kämpferinnen einer geächteten Gruppe
So haben viele der Frauen, die heute in der Türkei ein Kopftuch tragen, es nicht aus Zwang oder zwingender religiöser Überzeugung angelegt. Sondern aus Trotz: weil sie nicht wollen, dass man ihnen vorschreibt, wie sie ihre Religion zu leben haben. Weil es ihnen in der aufgeheizten Stimmung zwischen Kemalisten und konservativen Muslimen eine Aufmerksamkeit schenkt, die sie anders nicht bekommen, weil das Kopftuch sie zu Kämpferinnen einer geächteten Gruppe macht.
In der Türkei ist das Kopftuch in dem Augenblick zu einem politischen Symbol geworden, in dem der Staat bestimmte, wer es wann tragen darf - ohne den Versuch eines Kompromisses zu unternehmen. In der gleichen Weise wird jetzt das Schweizer Minarettverbot aufgefasst. Dennoch reagierte die türkische Öffentlichkeit so gut wie gar nicht darauf - weniger, weil der Bau von christlichen Kirchen in der Türkei fast unmöglich ist, sondern weil man gelernt hat, mit politischen Einschränkungen der muslimischen Religionsfreiheit zu leben und sie zu umgehen.
Was mancher Islamkritiker übersieht
Die religiösen Minderheiten aber, Armenier, Juden und Christen, von denen viele mit der Regierung Erdogan und dessen Bestrebungen auf einen EU-Beitritt die Hoffnung auf mehr religiöse Rechte verbinden, sind entsetzt: Europa ist für sie immer noch der Ort der Toleranz und Religionsfreiheit. Verbote, die auf dem von Henryk M. Broder propagierten „Wie du mir, so ich dir“ beruhen würden und die Grundwerte aushebeln müssten, können sie nicht gebrauchen.
Warum, so war allenthalben zu hören, vertraut man in Europa nicht auf jene Werkzeuge, die geschaffen wurden, um den negativen Erscheinungsformen des Islam und einer von ihnen durchtränkten Mentalität Einhalt zu gebieten? In Deutschland gibt es sie mit der Islamkonferenz, dem Zuwanderungsgesetz und bald auch mit der Imamausbildung an deutschen Universitäten. Sie mögen verbesserungsfähig sein. Doch dass es sie gibt, lässt mancher deutsche Islamkritiker außer Acht.