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Veröffentlicht: 24.03.2013, 19:04 Uhr

Islamkritik Entscheidet Euch für dieses Land!

Seyran Ateş tauchte ab, weil es Leute gibt, die sie töten wollen. Jetzt ist sie zurück. Als Anwältin und mit einem Buch über die Frage, warum man Deutschland lieben soll.

von
© Julia Zimmermann Die Deutsch-Türkin Seyran Ates in ihrer Kanzlei in Berlin-Wedding

Seyran Ateş arbeitet im Berliner Stadtteil Wedding. Es ist eine Adresse, die leicht zu finden ist, man steigt aus der U-Bahn, geht ein paar Meter die mehrspurige Straße entlang, an der viele bunte Geschäfte mit fremdländischen Namen liegen, vor denen Menschen stehen, von denen manche Deutsch sprechen und viele nicht, läuft vorbei an einem Burger King und hat das Haus erreicht. Es ist ein heruntergekommener Bau aus Nachkriegsdeutschland, der Eingang ist mit Graffiti beschmiert. Neben der Tür hängt ein schwarzes Schild mit großen, weißen Buchstaben: Seyran Ateş, Rechtsanwältin.

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Das Schild ist ein mutiger Schritt für eine Frau, die bei öffentlichen Auftritten von LKA-Beamten begleitet wird und ihren Beruf fast sieben Jahre ruhen ließ, weil sie um ihr Leben fürchtete.

Seyran Ateş ist Rechtsanwältin Frauenrechtlerin und Deutsch-Türkin, und jeder, der in den vergangenen Jahren die Debatte um Integration und Islamkritik verfolgt hat, kennt ihren Namen oder hat ihr Gesicht schon einmal gesehen. Sie hat mehrere Bücher veröffentlicht, war Mitglied der Islamkonferenz und hat über das deutsch-türkische Zusammenleben Dinge gesagt, für die viele Leute sie schätzen, für die sie aber auch kritisiert worden ist. Ihr Eintreten gegen das Kopftuch stieß vielen auf, aber auch ihre Kritik an jenem deutschen Milieu, das Multikulti preist, weil das zum liberalen Ton dazugehört, die eigenen Kinder aber lieber auf Schulen schickt, in deren Klassen nicht vorwiegend Migrantenkinder sitzen. Seyran Ateş kann sehr scharfe Sätze sagen, wenn es um all das geht. Viele Leute können ihr das nicht verzeihen. Sie vergessen, dass sie aus einer besonderen Position heraus argumentiert: Sie ist eine Frau, die sich ihre Freiheit erst erkämpfen musste. Sie hat erfahren, wie es sich anfühlt, wenn man unfrei lebt.

Eine Frau mit offenem, geradem Blick

Der Summer geht, die Tür öffnet sich in ein Treppenhaus. Dann wieder eine Tür, dahinter noch eine Klingel, diesmal ohne Namen. Man muss wissen, wohin man will. Und dann steht Seyran Ateş da, eine attraktive Frau Ende vierzig, mit offenem, geradem Blick. Sie trägt einen grauen Wollpullover, eine hellgraue Hose, die Lippen sind rotgeschminkt. Ihre Haare sind jetzt länger, als man es von Fotos kennt, umrahmen weich ihr Gesicht. Der harte Zug, den man in der Vergangenheit oft an ihr sehen konnte, fehlt. Sie lächelt freundlich.

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen mein Büro“, sagt sie und geht den Gang entlang, hinter dessen Türen zwei weitere Anwälte praktizieren. In der Anzeige, die sie im vergangenen Jahr aufgegeben hatte, stand: „Welche Kanzlei hat keine Angst, mich aufzunehmen?“ Die einzige, die antwortete, war diese. Ein Wink des Schicksals, denn hier in Wedding wuchs Ateş auf, hier begann ihr Aufbegehren gegen jenes Denken, das Mädchen und Frauen als den Männern nicht ebenbürtig sieht. Sie entwickelte dabei jene Eigenschaften, die einem nun als Erstes einfallen, wenn man sie beschreiben soll: Mut und ein starker Wille. In einer Einzimmerwohnung lebte die sechsköpfige Familie, die Straße liegt nicht weit entfernt. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag riss Seyran Ateş aus, die Strenge der Eltern nahm ihr die Luft zum Atmen. Sie kam beim Kinder- und Jugendnotdienst unter. Sie wollte nur noch unter Deutschen leben. Und nie mehr zurückkehren in dieses Viertel, an diesen Ort.

Ein Phantasiename steht an der Tür

In der Ecke steht ein Schreibtisch mit einem Laptop, an der Wand gegenüber ein Bücherregal. Eine Sitzgelegenheit für Mandanten und Gäste gibt es noch nicht. Die beiden abstrakten Gemälde an der Wand, eine Explosion fröhlicher Farben, hat ein Freund von ihr gemalt. Der Raum hat große Fenster, ist lichtdurchflutet. Unten auf der Straße fließt der Nachmittagsverkehr. In Wedding wohnen nach Kreuzberg in Berlin die meisten Migranten. Aus deren Mitte kommt Seyran Ateş’ Klientel. Und auch die Leute, die sie hassen.

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