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Islamkonferenz-Mitglied Ezhar Cezairli Wir müssen uns gegen Etikettenschwindel wehren

Bei der zweiten Islamkonferenz am kommenden Mittwoch vertritt sie die säkularen Muslime. Im Interview spricht Ezhar Cezairli über Spannungen in der Konferenz, Deutungshoheit und die Aufgaben der Muslime.

© F.A.Z. - Wohlfahrt Vergrößern Es gibt Spannungen: Ezhar Cezairli

Bei der zweiten Islamkonferenz am kommenden Mittwoch vertritt sie die säkularen Muslime. Im Interview spricht Ezhar Cezairli über Spannungen in der Konferenz, Deutungshoheit und die Aufgaben der Muslime.

Frau Cezairli, wofür treten Sie als Säkulare bei der Islamkonferenz ein?

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Wir halten Religion für eine Privatangelegenheit, respektieren das Grundgesetz und sind für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern.

Wer trifft auf dieser Konferenz auf wen?

Die Islamkonferenz wurde ins Leben gerufen, um einen Dialog zwischen Muslimen und staatlichen Vertretern zu initiieren. Das ist gelungen. Außerdem diskutieren dort säkulare Muslime mit solchen Muslimen, deren religiöses Weltbild konservativ, mitunter sogar fundamentalistisch ist. Diese Diskussion ist wichtig, denn es gibt die starke Tendenz, soziale Probleme religiös umzuformulieren und sie damit unter die Zuständigkeit der religiösen Verbände zu bringen. Das aber ist ein Etikettenschwindel, gegen den wir uns wehren müssen.

Fühlen Sie sich denn als Stimme der schweigenden Mehrheit respektiert?

Als die Bundesregierung einen Ansprechpartner wünschte, haben sich die religiösen Muslime sofort zusammengeschlossen. Ihr Bindeglied ist die Religion. Bei den Säkularen ist das schwieriger: Es gibt viele Kulturvereine, aber bisher verspürten wir wenig Druck, gemeinsam die Stimme zu erheben. Wenn das jetzt nicht passiert, bekommen die Falschen die Deutungshoheit.

Sie sind bei der Konferenz in der Arbeitsgruppe „Deutsche Gesellschaftsordnung und Wertekonsens“. Darin sind auch die religiösen Verbände vertreten. Knallt es?

Sagen wir so: Es gibt Spannungen. Das hat auch damit zu tun, dass sich vier von diesen Verbänden unlängst zu einem Dachverband zusammengeschlossen haben, dem „Koordinierungsrat der Muslime“. Faktisch ist dies über den Kopf von 3,3 Millionen Muslimen hinweg geschehen, nur fünfzehn Prozent der hier lebenden Muslime sind darin organisiert. Dieser Dachverband ist eine künstliche Verkirchlichung.

Nach islamischem Verständnis darf keine Institution zwischen Gott und dem Individuum stehen und niemand für alle Muslime sprechen. Für die Bundesregierung mag das ein Nachteil sein, weil ihr ein Ansprechpartner fehlt. Aber so ist es nun einmal bei den Muslimen: Wer hier in letzter Instanz sagen wollte, wie man den Islam leben soll, handelte nicht im Sinne des Islam. Der Dachverband fordert, als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt zu werden. Damit würde sich sein Einfluss in den Gemeinden verstärken.

Die Frage etwa, unter welchen Voraussetzungen Mädchen vom Sportunterricht beurlaubt werden dürfen, würde die Regierung mit dem Verband klären.

Das wäre die Konsequenz. Sollte die Bundesregierung den Dachverband als Vertreter aller Muslime anerkennen, wäre das ein schwerer Schlag und die Islamkonferenz in Frage gestellt.

Zum Dachverband gehört auch die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“ (Ditib), die eng mit der Diyanet, dem „Amt für Religiöse Angelegenheiten in der Türkei“, verbunden ist.

Bisher galt Ditib als ein säkularer Vertreter des Islam. Seit sie zum Dachverband gehört, ist das Vertrauen geschwunden. Ditib sitzt nun Seite an Seite mit Organisationen, die nicht unbedingt die freiheitlich-demokratische Grundordnung anerkennen. Der Islamrat etwa wird von „Milli Görüs“-Anhängern dominiert, die der Verfassungsschutz beobachtet. Gleichzeitig wächst in der Türkei die Islamisierung. Wir sind uns sicher, dass es Absprachen zwischen Ditib und der Diyanet gibt. In der Türkei ist die Verbindung von Politik und Religion offiziell untersagt, aber das Verbot weicht immer mehr auf.

Gebilligt wird da also etwas, das es in der Türkei offiziell gar nicht gibt?

So ist es, die Politisierung wird billigend in Kauf genommen. Auch deshalb darf nicht nur der Dachverband befragt werden, wenn es um Integration geht. Am Ende der Islamkonferenz könnte ein Gremium aus Vertretern der religiösen Verbände und säkularen Muslimen stehen, das die Bundesregierung berät.

Was sind bisher die Ergebnisse Ihrer Arbeitsgruppe?

Wir haben uns darauf geeinigt, dass die freiheitlich-rechtliche Grundordnung für alle gelten muss und dass jeder die Rechts- und Werteordnung der deutschen Gesellschaft zu akzeptieren hat.

Das sollte inzwischen doch eigentlich selbstverständlich sein.

Man darf hierzulande nicht vergessen, dass Moscheen auch soziale Treffpunkte sind, in denen über Politik diskutiert wird. In der in Köln geplanten Moschee soll es zum Beispiel ein Reisebüro, einen Friseurladen und ein Lebensmittelgeschäft geben. Da entstehen Oasen, in denen man leben kann, ohne mit der deutschen Gesellschaft Kontakt zu haben. Förderlich für die Integration ist das bestimmt nicht.

Welche Chancen geben Sie denn der Integration in Deutschland wirklich?

Deutschland hat ein positives Signal gesetzt und sich dazu bekannt, Einwanderungsland zu sein. Nun ist es an den Muslimen, auf die Bedürfnisse und auch die Ängste im Land konstruktiv zu reagieren. Das bedeutet, die religiösen Verbände müssen transparenter werden, und sie müssen das, was wir beschließen, auch an die Basis weitergeben und umsetzen. Man darf nicht zulassen, dass in den Moscheen anders geredet wird, als man es zuvor offiziell verabredet hat.

Die Fragen stellte Karen Krüger.

Quelle: F.A.Z., 28.04.2007, Nr. 99 / Seite 33

 
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