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Veröffentlicht: 25.11.2014, 16:41 Uhr

„Islamischer Staat“ Das Gründungsdokument der Terrorherrschaft

Der „Islamische Staat“ kommt keineswegs aus dem Nichts. Schon vor acht Jahren legte er in einem Manifest seine Ziele und Methoden offen. Mit großer Präzision wird hier versucht, die Terrorherrschaft aus der islamischen Tradition abzuleiten.

von Joseph Croitoru
© AFP Aus einem Propaganda-Video des IS vom 8. Juni: Diese Dschihadisten sollen in der Nähe von Tikrit kämpfen.

Die islamistischen Terroristen im Irak riefen ihren Staat schon im Oktober 2006 aus und begründeten dies kurz darauf in einer programmatischen Schrift, die bis heute kaum analysiert wurde. Das Grundsatzdokument ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis des „Islamischen Staats“. Bei der Suche nach der Genese der dramatischen Entwicklungen im Irak mag es abwegig erscheinen, ausgerechnet Betrachtungen des früheren amerikanischen Präsidenten George W. Bush wieder ins Gedächtnis zu rufen. Doch muss es einen Grund dafür geben, dass seit der Ausrufung des IS-Kalifats im Zweistromland seine Rede vom 5.September 2006 in der Blogosphäre eine Renaissance erlebt.

Bush warnte damals eindringlich davor, was geschehen würde, sollte es den Dschihadisten gelingen, die Amerikaner aus dem Irak zu vertreiben. Die sunnitischen Terroristen würden, so der Präsident, ihren Plan, ein totalitäres islamisches Imperium zu errichten, in die Tat umsetzen. Ihr herbeigesehntes Kalifat würde sich von Europa (gemeint war wohl Spanien) über Nordafrika und Nahost bis nach Südostasien erstrecken.

Kaum jemand beachtete das Grundsatzdokument

Dieses Szenario wirkte damals mächtig übertrieben. Doch kam den radikalen Islamisten im Irak die Prognose des Erzfeindes mehr als gelegen. Die Terrororganisation „Al Qaida im Irak“, die mit einer Reihe anderer Dschihadisten-Organisationen unter dem Etikett „Schura-Rat der Mudschahedin im Irak“ Mitte Oktober 2006 den „Islamischen Staat Irak“ (ISI) ausrief, nahm Bushs Voraussage in ihr Anfang 2007 veröffentlichtes Staatsgründungsmanifest mit auf – und kommentierte sie mit der süffisanten Bemerkung, wie recht doch der ansonsten als „Lügner“ bekannte amerikanische Regierungschef mit seiner Prophezeiung gehabt habe.

Die neunzigseitige Schrift des ISI trägt den Titel „Benachrichtigung der Gläubigen über die Geburt des Islamischen Staates“. Obgleich sie das wichtigste Grundsatzdokument des ISI darstellt, hat sich selbst in Fachkreisen bislang kaum einer die Mühe gemacht, sie zu analysieren. Eine Ausnahme ist der Leipziger Islamwissenschaftler Christoph Günther, dessen 2013 vorgelegte Dissertation „Ein zweiter Staat im Zweistromland? Genese und Ideologie des ‚Islamischen Staates Irak‘“ mittlerweile als Buch erschienen ist (Ergon Verlag 2014). Die Studie greift zentrale Aspekte dieses Dokuments heraus, die im Übrigen zum Teil auch schon in der Mitte Oktober 2006 von einem Vertreter des ISI-Informationsministeriums in einem Video anonym verlesenen und von Günther nur angerissenen Gründungserklärung des „Islamischen Staats Irak“ eine Rolle spielten.

„Befehlshaber“ leitet sich von „Befehl“ ab

Diese Staatsproklamation gibt Einblicke in die Rechtfertigungsstrategien des ISI in seiner Entstehungsphase. Als Begründung für die Ausrufung ihres Staates führen die Mudschahedin an, dass die Sunniten im Gegensatz zu den Kurden im Norden und den Schiiten im Süden des Iraks noch immer nicht über ein eigenes Staatswesen verfügten und nach wie vor unter Fremdherrschaft lebten. Für ihr Staatsgebiet beanspruchten die Gotteskrieger bereits damals die sechs irakischen Provinzen Bagdad, Anbar, Diyala, Kirkuk, Salah al Din und Ninive sowie Teile zwei weiterer (Babil und Wasit), was in etwa dem Raum entspricht, der von ihnen heute – mittlerweile sollen es neun Provinzen sein – kontrolliert wird.

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